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Die Welt · 1906-06-22 · 25 (22.6.1906) · page 13

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
25 (22.6.1906)
Date
1906-06-22
Page
– (sequence 13)
Language
German
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No. 25 - DIE! Schadloshaltung der österreichisch-ungarischen Staatsangehörigen anläßlich der vorjährigen Metzeleien in Rußland zu verlangen, und was die Regierurig zum Schutze der österreichisch-ungarischen Staatsangehörigen in Rußland zu veranlassen beabsichtigt. gELT 15 Am Schlüsse der Sitzung, fragte Graf Sternberg, warum anläßlich der letzten Judenverfolgungen in Rußland keine Kundgebung des Parlaments wie bei dem Attentate auf den spanischen König erfolgte. Das Engere Aktions-Komitee hat an sämtliche Föderationen die telegraphische Aufforderung ergehen lassen, überall Protestversammlungen gegen die Metzeleien in Bjelostok zu veranstalten. POLITISCHE REVUE p^^= o oo Hin Schneiderstreik im East»End von London Während die jüdischen Politiker in England einerseits einander bekämpfen, sich iii den Haaren liegen, sich gegenseitig Briefe im „Jewish Chronicle" schreiben, während anderseits die Wohltäter ä la Claude Montefiore für „religiöse Unionen" schwärmen, lebt die jüdische Bevölkerung im East-End in Not und Elend. Die Geduld der ausgebeuteten und ausgepreßten jüdischen Proletarier riß endlich, und sie proklamierten einen Streik, der in England Aufsehen erregt. Der folgende Bericht spricht unzweideutig über die Lage des armen Juden in London, um dessen Bart sich die verschiedenen Wohltäter zanken: „Im East-End von London ist ein großer Schneiderstreik ausgebrochen, an dem bis jetzt bereits mehr als 10 000 Schneider eilnehmen. Die Streikenden sind zumeist Ausländer, hauptsächlich russische und polnische Juden, die in den armen Distrikten von Whitechapel und Bethnal Green eine bedauernswürdige Existenz uihren und von den Arbeitgebern mit wirklichen Hungerlöhnen befahlt werden. Die Leute haben sich meistens den Arbeitgebern schon ausgeliefert, ehe sie ihre Heimat verlassen, und es dauert, wie die englischen Blätter feststellten, oft 10—20 Jahre, ehe es ihnen gelungen ist, sich freizumachen. Die Zahl der im East-End für ganz unglaublich geringe Löhne arbeitenden Schneider männlichen und weiblichen Geschlechts wird auf 20 000 geschätzt. Die Leute arbeiten zum Teil in Keilern zusammengepfercht. Der Staat soll sie allerdings durch seine Arbeitsinspektoren vor ungesunden Verhältnissen bewahren; aber die Leute erklären, daß diese Inspektion in Wirklichkeit reine Schauspielerei sei. Sie finde mit langen Unterbrechungen statt und werde stets vorher angekündigt. Die Leute verdienen im besten Falle ein Pfund Sterling wöchentlich und haben dafür in Räumen, in denen jeder englische Arbeiter sich zu arbeiten weigern würde, bis zu 20 Stunden täglich zu arbeiten. Dabei müssen sie häufig für einen ungesunden Raum, in dem die i.;anze Familie lebt, wöchentlich dem Arbeitgeber, der meistens auch der Mietsherr ist, 8 Schillinge Miete bezahlen. Wer am Mitwoch die Straße des East-End besuchte, der konnte Tausende von hungrigen, abgemagerten Leuten umherziehen sehen. Die Streikenden fordern die Einführung des 12stündigen Arbeitstages. Die außerordentlich lebhaften Reden wurden meistens in Yiddisch gehalten. Die Streikführer ermahnen die verzweifelten Leute zum Aushalten. Sie begründen ihre Hoffnung auf den Erfolg des Streikes merkwürdigerweise mit dem Fehlen von Streikfonds. Arbeiter, die einen Streikfonds hinter sich hätten, würden nachgeben, sobald dieser Fonds zusammenschrumpfe. 25 Unternehmer haben den 12-Stundentag bewilligt, und ihre Arbeiter geben von ihrer kärglichen Einnahme wöchentlich 5 Schillinge an die Streikenden ab, aber diese Summe ist nur ein Tropfen Wasser auf den heißen Stein. Der Gewerkverein der Schneider, dem dies^ mittellosen Leute nicht angehören, hat verlangt daß die Streikenden die Streitfrage einem Schiedsgericht unterbreiten. Nur für diesen Fall will er Unterstützung gewähren. Die Streikenden haben sich vorläufig dazu nicht bereitfinden lassen und appellieren an die Hilfe aller Gewerkvereine von Ost-London. Die Aufregung im East-End ist so gewachsen, ' daß starke Polizeiaufgebote dorthin gesandt werden mußten. Poiizeipatrouillen durchziehen die Straßen, aber ohne die Versammlungsfreiheit der Leute zu stören." Der Bericht benötigt keinen Kommentar. Die Lage wird wahrscheinlich um so schwieriger werden, als gerade jetzt, infolge der letzten grauenerregenden Ereignisse in Rußland, die Zahl der armen Ausbeutungsobjekte noch anschwellen wird. Hier ist ein Feld zur Arbeit! — Hic Rhodus! — ^, „. JA . Bukarest ist im festlichen Schmucke. Die Wahlverwandtschaft« „ , . , , , .. . , Erst vor kurzem hat das rumänische Herrscherpaar ein Jubiläum gefeiert. Und ganz Europa, die sogenannte „öffentliche Meinung", stimmte ein Lobeslied an. Sentimentale Gemüter erinnerten sich an die Poesien von Carmen Sylva, der Königin von Rumänien. Die Tintenkulis, die sich am liebsten in historischen Erwägungen ergehen, . schrieben spaltenlange Artikel über König Karol und dessen Taten. Alles jubelte: die „Neue Freie Presse", das „Berliner Tageblatt" — von den nichtjüdischen Blättern nicht zu reden. Und gar in Frankreich, in dem das „lateinische Schwesterland" so geliebt ist! Die Juden wagten beinahe nicht, in den allgemeinen Jubel einen Ton der Disharmonie zu bringen. Sie schleuderten nicht den bewußt fälschenden rumänischen und sonstigen Leisetretern und Speichelleckern die Beschuldigung ins Gesicht, daß sie das barbarische Regime Rumäniens, dieses durchfaulten Staatswesens, wo der unglückliche Bauer vom prassenden Bojaren ausgeraubt, in Unwissenheit, in schmachvoller Unterwürfigkeit gehalten wird, wo nicht einmal eine kleine Schar von intelligenten, freiheitlich gesinnten, Menschen sich behaupten kann, wo die Juden nicht einmal hoffen können, jemals die Bürgerrechte zu erlangen, daß sie dieses Musterland der byzantinischen Verkommenheit durch, ihre Lobhudeleien noch unterstützten. Aber die rumänische Regierung hat die Liebeswerbungen der „öffentlichen Meinung" in einer ihr vollkommen entsprechenden Weise beantwortet. — Sie hat den Dr. Lueger gefeiert Lueger sah nämlich vollkommen richtig ein, daß die Politik der rumänischen Regierung, der allseitig Lob gespendet wird,, doch schließlich seine eigene ist, die trotzdem von derselben jüdischen Presse geschmäht und beschimpft wird. Die großen Drei — Lueger, Schneider und Weiskirchner — fühlten sich gewissermaßen verletzt. Und Lueger mit seinen Trabanten begaben sich nach Bukarest; ihr Spürhundinstinkt hat sie nicht getäuscht. Die rumänische Regierung wartete nur darauf, um vor aller Welt ihre Solidarität mit dem Luegersystem, mit dem Antisemitismus und der Politik der Judenhetze, zu bekunden. Die Zeitungen melden über den Empfang Luegers in Bukarest: .. „Wie Telegramme aus Bukarest melden, wird Lueger dort

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