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Die Welt · 1906-06-22 · 25 (22.6.1906) · page 12

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
25 (22.6.1906)
Date
1906-06-22
Page
– (sequence 12)
Language
German
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14 DIE^KELT No. 25 Kern des politischen Lehens in Rußland, die Duma selbst, zertrümmern, das wäre Proklamierung der Anarchie im ganzen Land. Die letzte Stütze der Reaktionäre besteht in der bewaffneten Macht, und diese bewaffnete Macht wird von Monat zu Monat unzuverlässiger. Dazu kommt die immer gefährlichere Bewegung unter den Bauern. Ich wage nicht zu hoffen, daß das gegenwärtige russische Ministerium die Kraft hat, der brutalen reaktionären Nebenregierung mit ihren gefährlichen Plänen Einhalt zu gebieten. Man muß voraussetzen, daß die Regierungen der zivilisierten Welt über diese Sachlage gleichfalls vollständig unterrichtet sind. Die öffentliche Meinung der zivilisierten Welt Hai ein Recht, vor allem ihren humanitären Impulsen zu folgen. Für die Regierungen kommen aber vor allem sehr gewichtige reale Interessen in Betracht. Für Deutschland und Frankreich insbesondere handelt es sich darum, die Milliarden, die in Rußland angelegt sind, zu retten, und jede neue tiefe Erschütterung Rußlands zerstört gewaltige Summen. Ich weiß, daß gerade jetzt bereits eine ganze Anzahl deutscher Firmen, die in Bjelostok engagiert sind, die nötigen sachlichen Unterlagen und Dokumente zusammenstellen, um die Hilfe der deutschen Staatsregierung anzurufen. Gleiches wird zweifellos in anderen Staaten geschehen; auch darüber habe ich schon Nachrichten. Man beginnt in Frankreich jetzt um seine Milliarden sehr ernstlich und mit Recht besorgt zu werden. Eine solche getrennte, aber gleichzeitige Aktion könnte Rußland zu seinem eigenen Heile vielleicht retten, und zwar vor seinen schlimmsten Feinden, der anarchischen Reaktion, die mit Naturnotwendigkeit die Anarchie im hergebrachten Sinne des Wortes hervorrufen muß und hervorrufen wird. Ich glaube, so schloß Dr. Nathan, daß schon die nächsten Tage zeigen werden, ob die herrschende Macht in Rußland die sinnlose und barbarische Nebenregierung ist. Die Pogrome und das Ausland England London, 18. Juni. Unterhaus. Thorne (Arbeiterpartei) fragt an, ob, ehe eine britische Flotte zu einem offiziellen Besuche nach Kronstadt geschickt würde und ehe weitere Schritte in bezug auf bestimmte, freundschaftliche Abmachungen mit Rußland unternommen würden, Vorstellungen bei der russischen Regierung wegen des Auftretens von Beamten gegen das russische Volk erhoben werden sollten. Als der Staatssekretär des Auswärtigen erwidert, daß er nicht in der Lage sei, derartige Vorstellungen zu machen, stellt Thorne die Frage, welchen Zweck denn die Entsendung der britischen Flotte nach Kronstadt verfolge, und ob Sir Edward Grey Kenntnis davon habe, daß in Riga Knaben und Mädchen hingerichtet worden seien. Keir Hardie stellt dann an Grey die Anfrage, ob er in den Zeitungen das von fünf Mitgliedern der Duma unterzeichnete Telegramm gesehen habe, wonach die Judenmetzeleien in Bjelostok noch fortgesetzt werden sollten und diese offiziell von der russischen Regierung begünstigt würden, und -ob das nicht Grund genug für seine Amtsstelle sei, um ihren Einfluß bei der russischen Regierung geltend zu machen, daß solchen Verbrechen gegen die Zivilisation Einhalt getan würde. Sir Edward Grey erwidert, daß er die Depesche in den Zeitungen gelesen habe, aber keine amtliche Kenntnis irgendwelcher Art davon besitze. Was den Flottenbesuch anbelange, so beabsichtige die Admiralität, im Sommer eine Flotte zu einer Kreuztour nach der Ostsee zu schicken, in deren Verlauf nach den bisherigen Festsetzungen diese Flotte schwedische, deutsche und russische Häfen besuchen solle. Es dürfte verfrüht sein, anzunehmen, daß Ereignisse eintreten würden, die die Admiralität veranlassen sollten, Änderungen an diesen Bestimmungen vorzunehmen. Als Keir Hardie dann weiter fragt, ob im Falle der Fortdauer der Metzeleien Befehl zum Nichtbesuch russischer Häfen als Zeichen der Mißbilligung Englands gegeben werden würde, erwidert Grey, daß er seiner bereits erteilten Auskunft nichts hinzufügen könne. London, 18. Juni. Reuters Bureau erfährt, daß im Auswärtigen Amt ernste Vorstellungen wegen der Ereignisse in Bjelostok erhoben werden. Lord Rothschild hatte heute nachmittag eine Unterredung mit dem Minister des Auswärtigen, Sir Edward Grey. London, 20. Juni. Unterhaus. Der Liberale Stuart Samuel fragt an, ob der Staatssekretär des Auswärtigen Sir Edward Grey gewillt sei, bevor irgendwelche Schritte unternommen werden, die Freundschaftsbande zwischen England undRußland enger zu knüpfen, die russische Regierung über die Ansichten zu unterrichten, die das britische Volk über die Judenmetzelei.en hegt. In Vertretung des Staatssekretärs erwidert der Unterstaatssekretär Walter Rune im an: Der Eindruck, der durch die Ruhestörungen und den Verlust an Menschenleben hervorgerufen, und die Sympathie, die nicht nur in England, sondern überall für die Betroffenen geweckt worden ist, sind der britischen Regierung wohl bekannt; es sind dies keine Angelegenheiten, bezüglich deren eine amtliche diplomatische Einmischung üblich und wünschenswert ist „Morning Post", „Tribüne" und „Daily News" verlangen, daß im Hinblick auf die in Bjelostok begangenen Grausamkeiten der Besuch der britischen Flotte in Kronstadt unterbleibe; sie erklären weiter, es sei unmöglich, daß England mit der gegenwärtigen russischen Regierung eine Verständigung abschließe. „Daily Telegraph" sagt, man dürfe der russischen Bureaukratie nicht gestatten, noch mehr Geldmittel zu erlangen. Die hier vom „Daily Telegraph" gegebene Anregung, die russische Regierung durch Versagung des Kredits zur Herbeiführung menschenwürdiger Zustände im Zarenreich zu zwingen, findet bei der Londoner Haute Finance allerdings wenig Gegenliebe. Lord Rothschild suchte, wie bereits berichtet, gestern Sir Edward Grey auf und erörterte mit ihm Mittel zur Vermeidung weiterer Judenmetzeleien. Eine praktische Konsequenz scheint diese Unterredung aber nicht gehabt zu haben: Politische Rücksichten binden der britischen Finanzwelt die Hände. Aus London wird nämlich berichtet: Die großen jüdischen Finanziers haben ebenfalls in Sachen der russischen Judenmetzeleien miteinander konferiert. Sie wagen aber offenbar nicht, ein energisches Vorgehen gegen die russischen Finanzen als Zwangsmittel in Aussicht zu stellen, da damit eine Schädigung der französischen Interessen stattfinden könnte, für die Frankreich dann England verantwortlich machen dürfte. Der bekannte Finanzmann Sir Samuel Montagu meinte jedoch, daß wenigstens die Juden sich von ferneren Zeichnungen russischer Anleihen so lange fern halten sollten, bis absolute politische Gleichheit zwischen Juden und Christen in Rußland bestünde. Frankreich Während früher die Pariser Presse die russischen Gewalttaten gern ein wenig verschleierte, nimmt sie angesichts der Judenverfolgungen in Bjelostok erfreulicherweise kein Blatt vor den Mund. Der „Temps" erklärt in einem überaus scharfen Leitartikel, die russischen Behörden hätten entweder die Metzeleien selbst organisiert, oder sie seien vollkommen unfähig. Der „Temps" bedauert, daß der Zar das Ministerium Goremykin, das ein Ministerium bureaukratischer Mittelmäßigkeiten sei, noch wirtschaften lasse, und sagt: „Die gegenwärtige Politik der russischen Regierung ist die wahnsinnigste, die sich denken läßt." Österreichisches Abgeordnetenhaus, Wien, 19. Juni. Abg. Breiter brachte in der heutigen Sitzung eine Interpellation, betreffend das Verhalten der österreichischungarischen Regierung gegenüber den Metzeleien in Rußland, ein. Er fragte, was die Regierung unternommen habe, um die

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