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Die Welt · 1906-06-22 · 25 (22.6.1906) · page 11

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
25 (22.6.1906)
Date
1906-06-22
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Volkes ist. Ich wohne in einem großindustriellen Bezirk, und ich weiß, daß der Pogrom inLugansk seiner Zeit nur deshalb keine schrecklichen Dimensionen angenommen hat, weil die wehrlosen Arbeiter mit bloßen Händen die Plünderer auseinander jagten und sich der Qefahr aussetzten, von der Polizei totgeschossen zu werden. Ich glaube nicht, daß das russische Volk dem jüdischen Volke gegenüber feindlich gestimmt ist. In einer mir bekannten großen Fabrik arbeiten viertausend chTtSÜiche Arbeiter, und die Hunderte jüdischer Arbeiter leben friedlich mit ihnen zusammen. Ich bin ein Lehrer, liunderte von Kindern sind durch meine Schule gegangen, und ich habe nie bemerkt, daß russische Kinder ihren jüdischen Mitschülern gegenüber sich gehässig verhielten. Nur die Regierung will -inen Rassenhaß, und ich glaube, dies wird solange dauern, solange diese Regierung bestehen wird, die kraftlos ist, wenn Taten -eschenen, die Rußland schänden, und mächtig ist, wenn sie gegen die Freiheitsbewegung kämpft. Die Regierung soll zurücktreten, ■md wir werden dann sehen, daß derartige Ausbrüche nie vorkommen werden. Wir dürfen uns nicht beschränken auf eine bloße Interpellation, wir müssen darauf bestehen, daß man eine Unteruichungskommission entsende, in der die Duma vertreten sein soll. Sie soll die Ursachen des Pogroms erforschen und wir werden .ranz andere Antworten erhalten, als bisher. Roditschew sagte: Wir dürfen nicht vergessen, daß wir vor Kurzem an das Ministerium des Innern eine Interpellation gerichtet haben, inwieweit es die Verantwortlichkeit für die Veröffentlichung ler empörenden Aufrufe, die einen Teil der Bevölkerung auf den indem hetzen und in der Druckerei des Ministeriums gedruckt werden, übernehme. Wir dürfen nicht vergessen, daß wir noch hs jetzt keine Antwort auf die Frage, inwieweit das Ministerium mstande ist, der Kampagne gegen die höchste Reichsinstitution, he in den Regierungsorganen geführt wird, Einhalt zu tun, behommen haben. Als wir uns mit der ersten Interpellation an den .Minister wandten, wußten wir genau, daß in der Druckerei des Viinisteriums des Innern Proklamationen gedruckt werden, die auf hidenhetzen hinarbeiten. Wir wissen genau, daß die Veranstaltung von Judenhetzen vom Departement der Polizei ausgeht. Aber wir brachten unsere Interpellation in einem andern Sinne ein. Wir fragten die neuen Minister: „Übernehmen Sie diese schändliche Erbschaft oder nicht?" Bis heute wußten he noch nicht, wie sie sich dazu verhalten sollten. Und nun haben vir die Antwort in Taten bekommen, ebenso wie wir anstatt her Antwort auf die Frage wegen der Todesurteile den Bescheid hekommen haben, diese Regierung sei nicht imstande, der Hand hes Henkers Halt zu gebieten. In Rußland gibt es keine Gesetze, hie Mord verbieten, es gibt nur Gesetze, die den Behörden den Mord gestatten. Meine Herren! Fünfundzwanzig Jahre opfert Rußland alles einem iötzen, dem Moloch der Autorität der Behörden. Und jetzt, da das Land geschändet, niedergetreten, im Kampfe mit dieser Autorität der Behörde, hie sich auf Bergen von Leichen befestigt hat, entkräftet wurde, fragen ' ir: „Wo istEureAutorität? Macht dem Blutvergießen ein Ende!" Sie 'vönnen nicht. Sie können nicht, weil die Regierung, nachdem sie ■hre moralische Autorität von sich geworfen hat, sich auch ihrer Airklichen Kraft begeben hat. Schaden Rußland zufügen — das i">nnen sie, Krieg führen gegen das russische Volk, — das können -ie. Aber das russische Volk vor schmachvollen Hinrichtungen schützen, vor schmachvollen Pogromen, unsere nationale Würde, insere Sicherheit schützen, — das können sie nicht. Dazu haben >ie keine Kraft, dafür sind sie nicht verantwortlich. Meine Herren! Hier geht es um die Ehre des russischen Volkes, um die Frage der Sicherheit unseres Vaterlandes, denn im zwanzigsten Jahrhundert, inmitten einer zivilisierten Welt kann keine Regierung bestehen, die den Bürgerkrieg zu ihrem Machtmittel erwählt. Wir sind vom Zerfalle bedroht. Entweder es kommt das Ende der Schmach, oder es kommt der Verfall, nnd Rußland hört auf zu sein. Für uns ist es die Frage: Sein oder Nichtsein. Die Regierung, welche nicht die Bahn der Ordnung und des Rechtes betreten will, bleibt an der Macht und stürzt das Vaterland in Gefahr. Das Vaterland ist in Gefahr, solange sie die xWacht hat!" In einer kurzen, aber scharfen Rede wies Aladin, der Führer der Arbeitergruppe, darauf hin, daß das russische Volk an den Pogromen absolut nicht schuld sei, und daß alle nur von der Regierung organisierte Metzeleien seien. Er verlangte die Entsendung einer Kommission von Dumamitgliedern, und schloß seine Rede mit den Worten: „Wenn das Blut des Volkes vergossen wird, so müssen die Volksvertreter zur Stelle sein zusammen mit ihrem Volke!" Die Dringlichkeit des Antrages begründeten noch viele Redner, auch die von der konservativen Partei, wie z. B. Poniatowsky, der Geistliche Pojarkow u. a., die an der Hand von Tatsachen bewiesen, daß sämtliche Pogrome nur von der Regierung organisiert und ausgeführt wurden. Der Dringlichkeitsantrag sowie auch der Beschluß der Entsendung einer Kommission von Dumamitgliedern wurden von der Duma einstimmig angenommen. Dr. Nathan über den Pogrom Einer der Mitarbeiter des „Berliner Tageblattes" hatte eine längere Unterredung über den Pogrom von Bjelostok mit dem Vorsitzenden des Hilfsvereins der deutschen Juden, Dr. Nathan, in deren Verlauf Dr. Nathan im wesentlichen folgendes ausführte: Die Ereignisse in Rußland sind so ernst, daß wir uns hier im Bureau jetzt in Permanenz erklärten. Stündlich laufen aus den verschiedensten Teilen Rußlands bei mir zahlreiche Depeschen ein, die samt und sonders davon zu berichten wissen, daß genau wie in den Oktobertagen der Versuch gemacht wird, über ganz Rußland blutige Metzeleien zu inszenieren, die freilich in erster Reihe die Juden treffen, die aber in höherem Grade darauf berechnet sind, den freiheitlichen Parteien Rußlands von neuem einen Aderlaß zu applizieren. Gerade heute mittag wiederum habe ich über Finnland, da erklärlicherweise die russische Zensur derartige Telegramme nicht durchläßt, eine Depesche von höchster Wichtigkeit erhalten. Sie ist unterschrieben von mir befreundeten Russen in maßgebender öffentlicher Stellung. In diesem Telegramm heißt es: „Der Vorfall in Bjelostok ist erwiesenermaßen der Beginn eines Planes, nach dem Vorbilde der Oktobertage Metzeleien über ganz Rußland zu veranstalten. Die Gefahr ist eminent. Das Leben Tausender steht wiederum auf dem Spiele. Die öffentliche Meinung der zivilisierten Welt muß über die bevorstehenden Ereignisse aufgeklärt werden." Jene fünf Personen, die gemeinsam das Telegramm unterzeichnet haben — und die Mehrzahl sind Christen — sie sind mir eine Gewähr dafür, daß sie die Beweise für ihre Behauptungen bereits in Händen haben. Sie sind kühl urteilende Männer, die infolge ihrer Stellung in der Lage sind, die Situation zu überblicken, und die über Beziehungen verfügen, die es ihnen ermöglichen, von geheimen Vorbereitungen Kenntnis zu .erlangen, ehe dieselben vollendet sind. Ich bin überzeugt, daß Männer extremer Richtung es für ihre politischen Pläne in Rußland als zweckmäßig erachten, daß neue Massacres Platz greifen. Sie mögen das Blutvergießen auch ihrerseits bedauern, aber sie wissen, daß der Zusammenbruch alsdann um so sicherer erfolgen wird. Heute gibt es in Rußland nur noch ein einziges, einigermaßen intaktes politisches Zentrum, von dem aus nach meiner Ansicht die Reorganisation des schwer geprüften Landes ausgehen kann. Das ist die Duma. Gelingt es aber den Reaktionären, durch die Schwarzen Hundert in Rußland an den verschiedensten Orten Massacres zu inszenieren, so wird natürlich die Duma zu immer entschiedenerer Stellungnahme gezwungen, und dieselben Kräfte, die die Massakers entfesseln, werden auch den letzten gesunden

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