Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 25 (22.6.1906)
- Date
- 1906-06-22
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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12 ■ ' ' D J E 3^KE LT ■ No. 25 DIE INTERPELLATION ÜBER DEN BJELOSTOKER POGROM IN DER DUMA Am 15. Juni wurde in der Duma von verschiedenen Mitgliedern eine Interpellation eingebracht, die folgenden Wortlaut hatte: Nach den Nachrichten, die einige Mitglieder der Reichsduma erhalten haben, wie auch nach den telegraphischen Meldungen der Zeitungen, hat in Bjelostok am 14. Juni ein Pogrom der jüdischen Bevölkerung begonnen, der blutige Opfer zur Folge hatte. Die entsetzte Bevölkerung ruft die Hilfe der Duma an, da sie befürchtet, daß die lokalen Behörden und eine böswillige Agitation den Versuch machen werden, wie es bei den früheren Pogromen wiederholt der Fall war, den Betroffenen die Schuld an dem Unglücke aufzuwalzen. Es sind schon Anzeichen hierfür vorhanden, da bereits jetzt falsche Nachrichten verbreitet werden, die den Zweck verfolgen, die Leidenschaften auf nationalem und religiösem Boden aufzureizen. So verbreitet man ein Gerücht von einer Bombe, die in eine Bauernprozession hineingeschleudert wurde, was sich als erfunden herausstellte. Angesichts des Ernstes der Lage in Bjelostok und auch der Möglichkeit, daß nach dem Beispiele der früheren Jahre dieser Pogrom der Anfang von Pogromen in vielen anderen Ortschaften unseres Vaterlandes sein wird, wenden sich die Unterfertigten an den Minister des Innern mit der Anfrage: 1. Werden zur Stunde die nötigen Maßregeln ergriffen zum Schutze der jüdischen Bevölkerung in Bjelostok? 2. Was beabsichtigt der Minister des Innern zu unternehmen, um dem Mord, der Plünderung und Vergewaltigung der jüdischen Bevölkerung in anderen Ortschaften des Reiches vorzubeugen? Zur Dringlichkeit des Antrages sprachen verschiedene Redner aller in der Duma vertretenen Parteien. Die interessantesten Reden waren die von Dr. Levin*), Ryschkow, Roditschew und A ladin, die wir hier wörtlich wiedergeben. Dr. Schmarja Levin sagte folgendes: „Ich muß ungeheuere Anstrengungen machen, um mich zu beherrschen, um nicht in einen Ton zu verfallen, der dieses hohen Hauses unwürdig wäre. Die Leichen in den Straßen von Bjelostok sind noch nicht fortgeschafft worden. Ich will in Ihnen nicht das Gefühl des Mitleides wecken. Wo es sich um das Geschick eines Sechsmillionen-Volkes handelt, kommt Mitleid nicht in Betracht. Ein Volk fordert nur Gerechtigkeit und wenn einmal davon die Rede ist, so haben die Gefühle des Mitleids keinen Platz, da die Forderungen der Gerechtigkeit rein logisch begründet werden können. In Bjelostok ist etwas Schreckliches vor sich gegangen. Es sind Hinrichtungen nur ohne Militärgericht. Die Opfer sind nicht einmal diejenigen, die vom Standpunkte der Polizei aus schuldig waren, sondern einfach friedliche Bürger, hilflose Greise, Greisinnen, Kinder. Den Pogrom von Bjelostok dürfen wir nicht wie eine .einzig dastehende Erscheinung betrachten. Er ist ein Kapitel aus dem vielbändigen Buche der jüdischen Pogrome, dessen Verfasser anonym ist und dessen Name am besten dem Polizeidepartement bekannt ist. Bjelostok ist kein Ausnahmefall, es ist ein Ring in der langen Kette der jüdischen Leiden, es ist eine von den Folgen des Systems, das Sie bekämpfen wollen. Die russische Regierung braucht eine Bevölkerung von sechs Millionen Entrechteter. Ich sage noch mehr: Wären die Juden in Rußland nicht da, und wollte die Regierung ihre Anschauungen durchsetzen, sie müßte sich aus anderen Ländern eine hilflose Bevölkerung kommen lassen, um im kritischen Augenblicke den Zorn der Volksmassen auf die Bahn des geringsten Widerstandes zu lenken. Die Masse ist in der Anschauung erzogen, daß wir Bürger erster, zweiter und dritter Kategorie haben; zu der letzteren werden die sechs Millionen ') (.Mitglied des A. C.) Juden gerechnet. Die Massen werden in der Anschauung erzogen, daß Juden gegenüber alles gestattet ist, weil sie Bürger niederer Art sind. Die Pogrome bilden ein ganzes System. Als in den Oktobertagen das ganze russische Volk wie ein Mann sich von seinen Fesseln befreien wollte, fand die russische Regierung kein anderes Mittel zur Bekämpfung der Freiheitsbewegung, als das bewußte Manöver, die Ablenkung des Massenzornes in der Richtung des geringsten Widerstandes. Sie wissen, wie dieses Kapitel Geschichte geendet hat. Jetzt wiederholt sich dasselbe. Es ist die zweite, nicht verbesserte, aber ergänzte Auflage. Jetzt hat man die Duma zusammenberufen. In ihr wird der Volkswille verkörpert. Wir alle streben zur Freiheit, aber der Volkswille stößt auf Widerstand. Ich fürchte, daß Bjelostok die erste Seite des zweiten Kapitels ist. Dieses System ist tückisch vorbereitet und ausgesponnen und ebenso verbrecherisch in Erfüllung gebracht worden. In vielen Fällen wissen wir ganz genau, wer diese Pogrome vorbereitet, wir wissen, daß die Proklamationen durch die Gendarmeriebehörden verbreitet werden, wir kennen auch solche Gouverneure, die unsere Ältesten zu sich beriefen und ihnen sagten: „Wenn es Euch nicht gelingen wird, Eure Jugend zu beruhigen, so wird man mit Euch fertig werden." So können nur Menschen reden, die kein Gewissen und keine Vorstellung von der elementarsten Gerechtigkeit haben. Die Regierung hat uns in allen Bürgerrechten eingeschränkt, einschließlich des Rechtes der' Freizügigkeit, aber sie will uns doppelt eingeschränkt sehen. Sie kann nicht unsere Beteiligung an der Freiheitsbewegung dulden und will uns in einer Ansiedlungsgrenze einsperren auch im Reiche der Ideen. Aber vergebens: die Ansiedlungslinie kann man nur auf der geographischen Karte ziehen, und auch die wird nur bis zu einem gewissen Momente bleiben. Es gibt kein Volk, das mit der Erringung der Freiheit auch nicht die Mauern der Ghettos gestürzt hätte, und wenn das russische Volk seine Freiheit erlangen wird, dann werden auch diese Mauern fallen. Die Regierung täuscht sich in uns, wir werden noch unendlich mehr der Freiheitsbewegung dienen, mag es noch so viele Opfer kosten! Die Regierung hat den Grundsatz der kollektiven Verantwortlichkeit hervorgehoben. Dagegen müssen wir in der Duma mit allen unseren Kräften kämpfen. Wir müssen die Bielostoker Vorfälle als eine indirekte Antwort auf alle Fragen, die das Ministerium nicht beantworten wollte, betrachten. Durch die drahtlose Telegraphie ist die Antwort auf unsere Fragen gekommen, und sie redete in der Sprache des Mordes. Die Antworten auf unsere Fragen werden im Blute der unschuldigen Opfer geschrieben. Diesem muß ein Ende gemacht werden! Die Regierung beabsichtigt, die ganze Freiheitsbewegung in Blut zu ertränken, und den Anfang hat sie mit uns gemacht. Ich bitte, daß die Duma die Interpellation als dringlich erachte, um auf die Schandtaten womöglich schnell zu reagieren, die vor unsern Augen vollzogen werden. Und wann? Am Anfange des zwanzigsten Jahrhunderts! Und wo? Vor ganz Europa! (Stürmischer Beifall.) Ryschkow: Wenn man mir sagt, daß die Pogrome das Resultat der Rassenfeindschaft ist, so weiß ich, daß es eine Lüge ist. Wenn man mir sagt, daß die Pogrome das Resultat der Machtlosigkeit der Behörden sind, so weiß ich, daß es eine böswillige Erfindung ist. Denn die Regierung verfügt immer über Macht, wenn" sie Demonstrierende auseinander jagen will. Dann hat sie sogar mehr Macht als nötig..... Wenn man sagt, daß die Pogrome aus Rassenhaß entstanden, so sage ich, daß das eine Verleumdung des russischen