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Die Welt · 1906-06-22 · 25 (22.6.1906) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
25 (22.6.1906)
Date
1906-06-22
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Die Verwundetem: Judel Gendlev, 60 Jahre alt, Schädelbruch. Moische Nawjaschsky, 38 Jahre alt, Stichwunden, ein Arm und ein Bein zerbrochen. Chaim Gebel, 30 Jahre alt, Schädelbruch. Jona Kahan, 25 Jahre alt, Schußwunde, ein Bein abgerissen. David Kosental, 22 Jahre alt, Kopfwunden durch Messerstiche. Schmuel Buk, 36 Jahre alt, Schußwunde durch die Brust. Michel Dukin, 48 Jahre alt, Schädel zerschmettert. Mane Rubin, 33 Jahre alt, Messerstich am Kopfe. Jossei Iw&m, 16 Jahre alt, Schußwunde im Rachen. Feiwel Eoban, 23 Jahre alt, eine Stichwunde, Nasenbein zerschmettert. Goldberg, 47 Jahre alt, Schnittwunden. Luka Semjan, 44 Jahre alt, Schädel zerschmettert und Stichwunden in der Brust. Berko Schljachter, 53 Jahre alt, Schußwunde. Mowscha Kljatschka, 48 Jahre alt, Stichwunde am Kopfe. 13erko Schirstein, 15 Jahre alt, Schußwunde. Xachim Schnipper, 19 Jahre alt, Stichwunden. Chaikel Jarlowsky, 61 Jahre alt, Schußwunden durch den Kopf. Mordche Kruwak, 21 Jahre alt, Schnitt- und Stichwunden. Meer Landau, 30 Jahre alt, Schußwunden, ein Fuß abgerissen. Meer Press, 20 Jahre alt, Stichwunden. David Frank, 18 Jahre alt, Stichwunden am Kopfe. Simehe Posch, 29 Jahre alt, Schnittwunden am Kopfe. Schmuel Koptschik, 18 Jahre alt, Schußwunden, ein Bein abgerissen. Leiser Lasnik, 26 Jahre alt, Stichwunden am Kopfe. Jossei Schamess, 29 Jahre alt, Wunde durch Meißelstiche. Selig Palter, 26 Jahre alt, Schußwunden. Abram Gesse, 18 Jahre alt, Schnittwunden^an den Schultern und am Beine. , Jossei Eubin, 51 Jahre alt, Flintenschuß durch den Leib.. Leib Kuronadwa, 19 Jahre alt, Kugel wunde am Bein. Kaiman Lunsky, 20 Jahre alt, Schnittwunden am Bauch, 10 Stichwunden am Kopfe. Schumi Marelbaum, Schnittwunden an Schulter und Rücken. Chaim Jazel Slodowitsch, 20 Jahre alt, Stichwunden durch einen Dolch. Gersch Lewitzky, 3i Jahre alt, Schußwunden. Welwel Beker, k2'J Jahre alt, die Finger abgehauen. Chaim Lewi, 38 Jahre alt, Kopfwunden. Verwundete Frauen und Kinder. Sclieina Kochan, 44 Jahre alt, 4 Stichwunden am Kopfe, Schußwunden durch die Handgelenke, zerschmetterter Knochen. Lia Poponskaja, 12 Jahre alt, Schußwunden durch den Leib. Miehla Litwin, 32 Jahre alt, Wunden an den Augen und den Beinen. Riwka Boruchowa, 32 Jahre alt, eine Flintenkugel durch die Brust. Heina Portnoi, 40 Jahre alt, verwundet am Kopfe durch Axthiebe. Sora Jzkowa, 24 Jahre alt, 3 Wunden am Kopfe. Rachil Kapusta, 14 Jahre alt, eine Wunde am Kopfe durch - Hammer, alle Zähne mit den Händen herausgerissen, Quetschwunden am Körper. Lia Segal, 11 Jahre alt, verwundet am Kopfe durch Hammer. Schaja Butkin, 12 Jahre alt, Schußwunden am Beine. Abram Feinermann, 10 Jahre alt, Wunden am Schädel. Motel Scheschzernik, 4 Jahre alt, Schußwunden am Fuße. Polizeiliche Vorbereitungen von Judenmassakers im ganzen Reiche Von der in Paris bestehenden russischen Organisation ist der „Russischen Korrespondenz" folgender Bericht zugegangen: Die politische Polizei hat antisemitische Agitatoren nach der Provinz entsendet, die zugleich eine Kampagne gegen die Duma führen. Die Wirkung macht sich bereits in Moskau, Kostroma und die ganze Wolga entlang bemerkbar. Die Juden dieser Gegenden fliehen. Nach Schitomir sind jfünf dieser Agitatoren gekommen, welche eine lebhaft antisemitische Propaganda entfalten. In Elisabethgrad wird ein Pogrom vorbereitet, alle industriellen und kommerziellen Transaktionen sind infolge dessen unterbrochen. Aus Jekaterinoslaw wird berichtet, die Vorbereitungen für einen Pogrom werden ganz offen getroffen. Die Agitatoren haben als Thema „das jüdische Parlament" gewählt. Dieselbe Sachlage besteht im ganzen Gouvernement Podolien und Kiew. In Neschin ist das gifeiche der Fall. Proklamationen kündigen an, daß die Juden sich anschicken, die Ländereien an sich zu reißen. Gymnasiasten von 15 und 16 Jahren nehmen an der antijüdischen Propaganda teil. Die Bauern werden offen auf dem Markt abgerichtet. In Kischinew erwartet man den Pogrom von Stunde zu Stunde. In Odessa dieselbe Situation. Die Juden fliehen. Die Behörden suchen die Wachsamkeit der jüdischen Bevölkerung einzuschläfern, ohne irgendeine aufrichtige Maßregel zu treffen. In einzelnen Orten wurde den Gendarmen und den Beamten auf den Bahnhöfen eine apokryphe Depesche aus Petersburg mitgeteilt: „Tod den Juden, tötet sie alle! Nikolaus." In Pinsk und Umgebung macht man sich von Stunde zu Stunde auf Massakers gefaßt. Keine kommerziellen und industriellen Transaktionen mehr, alles steht still. Die Kosaken und eine gedungene Bande aus der Bevölkerung fingen bereits dieser Tage an, die Läden zu plündern. Der Widerstand, den sie fanden, scheint sie für den Augenblick zum Rückzug veranlaßt zu haben. Warschau, 18. Juni. Wie die Blätter melden, sind in den zum Gouvernement Grodno gehörigen Orten Zabludow, Ossowjec und Goniondz Judenverfolgungen ausgebrochen. Lemberg, 16. Juni. Wie aus Odessa gemeldet wird, verlassen zahlreiche Judenfamilien fluchtartig Minsk, Proskurow und Berditschew, da neuerlich Metzeleien befürchtet werden. In Odessa wurde die Garnison bedeutend verstärkt." Kopenhagen, 18. Juni. Professor Dr. Simonsen, früher Oberrabbiner der hiesigen jüdischen Gemeinde, veröffentlicht heute in der offiziösen „Berlingske Tidende" eine Mitteilung, die er vor einigen Tagen — noch bevor die Nachrichten über neue Judenhetzen in Bjelostok hier eintrafen — erhielt, und zwar von einem völlig zuverlässigen, in Bjelostok wohnenden Gewährsmann. Dieser schreibt, die Unteroffiziere der daselbst garnisonisrenden Regimenter hätten bereits vor einiger Zeit ihre Mannschaften dahin instruiert, daß „bald Unruhen ausbrechen würden und das Militär den Auftrag erhalten würde, die Ordnung wiederherzustellen; dann sollten die Soldaten aber ausschließlich die Juden aufs Korn nehmen." Professor Simonsen kann nicht glauben, daß die russischen Unteroffiziere mit prophetischer Gabe ausgestattet seien, ebensowenig, daß sie von sich selber aus solche Instruktionen erteilen. Nach hier eingegangenen Petersburger Privatnachrichten haben die Geschehnisse in Bjelostok den Kaiser auf das peinlichste berührt, und er hat die strengste Untersuchung anbefohlen. Der russischen Regierung ist die neuerliche Judenhetze um so unangenehmer, als sie stattgefunden hat, unmittelbar nachdem die Reichsduma der Regierung vorgeworfen hatte, daß in der offiziellen Zeitung die Dankantworten veröffentlicht worden seien, die der Kaiser auf verschiedene Telegramme „der wahren russischen Männer" gegeben hatte, — gerade „derselben wahren russischen Männer", die mit Hilfe der „Schwarzen Hundert" die Metzelei veranstalteten. Des weiteren meldet ein Privatbrief aus Petersburg, der Finanzminister befürchte, die Bjelostoker Vorgänge könnten üble pekuniäre Folgen haben. In hohen Petersburger Kreisen glaubt man, daß eine Untersuchungskommission mit einem Senator an der Spitze nach Bjelostok abgehen werde. Petersburg, 18. Juni. Der Minister des Innern richtete an die Gouverneure und Stadthauptleute telegraphisch eine Verfügung, worin er ihnen vorschreibt, ihre Untergebenen im Hinblick auf die Ausschreitungen in Bjelostok zur strengsten Pflichterfüllung anzuhalten, sowohl Agrar-Unruhen wie Ausschreitungen gegen die Juden vorzubeugen und entstehende Unruhen im Keime zu unterdrücken; die Unterlassung dieser Vorschrift und die Untätigkeit der Amtspersonen würden auf das strengste geahndet werden. Massenflucht aus Rußland Podwo loczyska, 19. Juni. Der heutige Zug aus Rußland brachte mehrere hundert Flüchtlinge, Frauen und Säuglinge aus Odessa und Kiew, welche über die dort herrschende Panik erzählen. Wohlhabende und auch die Intelligenz bereiten sich zur Auswanderung vor. Handel und Wandel stocken.

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