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Die Welt · 1906-06-22 · 25 (22.6.1906) · page 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
25 (22.6.1906)
Date
1906-06-22
Page
– (sequence 8)
Language
German
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aufpaßte, daß niemand von den Juden in die Nähe komme. Als alles aus dem Laden hinausgeworfen und vernichtet war, machte man sich an einen andern Laden, wo die Tür bereits aufgebrochen und alles für das Plünderungsgeschäft vorbereitet war. Das geschah gegenüber unserer Wohnung, und ich glaube, daß in der ganzen Stadt alle Geschäfte bereits ausgeplündert sind, denn die Bande ist von der Stadt her zu uns gekommen. Ein Polizeioffizier mit einer anderen Patrouille ging vorbei, sprach mit den Plünderern, diese lächelten ihm zu und er ging dann weiter. Wie mir scheint, hat er sie begrüßt. 16. Juni abends. Die Zeit von gestern 4 Uhr bis jetzt haben wir in großer Angst zugebracht. Um 5 Uhr nachmittags am 15. begann eine Kanonade und wir sahen von unserer Wohnung, wie man in das Haus Podlaschik eindrang. Ein Offizier ging voran, dann kam eine Patrouille und etwa zwanzig Straßenjungen folgten. Der Schwiegersohn von Podlaschik lief auf den Balkon hinaus und begann um Hilfe zu rufen, daß wir es bei uns hörten, gleichzeitig krachten viele Schüsse und er fiel auf dem Balkon tot nieder, wo er bis heute nachmittag 6 Uhr lag. Zu derselben Zeit kam ein Arbeiter zu mir, um sich zu verstecken. Er erzählte folgendes: Als sie sahen, daß die Plündererbande sich nähere, verbargen sie sich, 13 Mann hoch, in einem Zimmer. Da kam Militär und verlangte, daß das Zimmer geöffnet werde, und als das geschah, schoß das Militär 10 Mann nieder. Die drei anderen küßten den Soldaten die Füße und flehten, daß man sie am Leben lassen solle. Sie wurden arretiert und ins Polizeiamt geführt. Dort schlug man sie schwer und warf sie dann auf die Straße hinaus. Auf der Straße standen Soldaten, die Miene machten, sie totzuschießen. Sie liefen daher ins Polizeiamt zurück und riefen: „Tötet uns hier, wir gehen nicht fort!" Da hat man sich ihrer erbarmt und hat sie wieder aufgenommen. Heute nachmittag wurden sie hinausgelassen und liefen nach dem nahen Hospital, aber dort stand Polizei und jagte sie fort, nachdem sie eine Stunde dort gewesen waren. Im Hospital sah der Arbeiter den Ch. F. Goldberg mit einer aufgenähten Nase. Goldberg hat den Bahngendarmen Geld gegeben und da haben sie ihn nach dem Hospital bringen lassen. Der Arbeiter sagt, daß er dort 65 Tote gezählt hat, die meisten davon sind von Soldaten getötet worden; er hat auch einen Toten gesehen, dem ein Stock ins Auge gedrungen war, auch Menschen ohne Zunge, mit abgeschlagenen Füßen usw. Die Schießerei dauerte bis 4 Uhr nachts. Um 1 Uhr nachts hat man die Stadt an zwei Stellen in Brand gesteckt. In dem Hause, das gebrannt hat, hatten sich über hundert Menschen versteckt gehalten, und da das Schießen nichts geholfen hat, brannte man das Haus nieder, und wer sich retten wollte, wurde auf der Straße getötet. Ich bemerke, daß alle Getöteten keine Revolutionäre gewesen sind, die meisten waren Kaufleute. Heute kamen der Gouverneur und' die Abordnung der Duma, und als sie kamen, hat alles aufgehört. In den Getreidefeldern hatten sich viele Familien versteckt, und so hat man hineingeschossen und viele getötet. Chaskel Becker dachte, daß es schon ruhig ist, und ging mit seinem Zuschneider zu mir. Als er über den Großen Platz ging, ermordete man seinen Zuschneider vor unsern Augen, und Chaskel rettete sich dadurch, daß er schleunigst nach Hause zurücklief. Ich bin nicht imstande, Ihnen alles zu schreiben. Es wird mir jedesmal übel, wenn ich zu schreiben beginne. Ein Beamter des Zollamts kam Freitag zu mir und weinte wie ein Kind, und sagte: „Ich schäme mich, daß ich ein Christ bin." Er weiß alles und fuhr am Freitag nach Petersburg, um dort alles zu erzählen. In vielen Häusern hat das Militär Geld statt des Lebens genommen. Die Soldaten sagen: Wir haben keine Schuld, wir haben getan, was man uns befohlen hat, die Offiziere drohten uns zu erschießen, wenn wir nicht folgten. 17. Juni, 12 Uhr: Bis jetzt sind 150 Tote und an 500 Verwundete gefunden worden. Aus Warschau, 15. Juni, werden der „Voss. Ztg." über die Metzelei in Bjelostok noch folgende Einzelheiten gemeldet: Eine einem Juden gehörende Apotheke wurde vernichtet, das ganze Personal erschlagen; am Leben blieb nur ein etwa zweijähriges Kind, das man später auf dem Boden entdeckte. In dem Hause, aus welchem man auf die orthodoxe Prozession geschossen hat, wurden 22 Personen verhaftet. Man fand dort acht Getötete. Weder Polizei noch Militär machte gegen die Mörder und Plünderer von der Waffe Gebrauch. Unter anderem wurden ermordet: der Fabrikant Lapidus mit Tochter und zwei Söhnen; zwei Tochter sind verwundet; der Angestellte der Russischen Transportgesellschaft Freidkin mit zwei Söhnen. Beraubt wurden hauptsächlich Juwelier-, Uhrmacher-, Tabak- und Kolonialwarenläden. Die Kaufleute Grützmann, Babisch, Hertzke, Fejge, Gebr. Jonas Suraski sind gänzlich zugrunde gerichtet. Die Straßen sind mit zerbrochenen Möbeln, Hausgerät und dergl. bedeckt. Die Staatsbank und alle Privatbanken sowie auch Läden, die verschont blieben, sind geschlossen. Auf der Nikolausstraße beraubte eine Bande von 100 Leuten einige große Magazine und überfiel das Bankhaus Goldberg. Militär erschien, umzingelte die Leute und führte sie ab, ohne ihnen ein Leid anzutun. Etwa 6000 Juden flüchteten sich in die benachbarten Wälder; man schickte ihnen Dragoner nach. Wozu? Man erfährt, daß der Gouverneur Küster am Dienstag eine jüdische Abordnung, die bei ihm wegen der beunruhigenden Gerüchte erschienen war, versichert hat, daß er den geringsten Versuch zu einer Judenhetze „rücksichtslos niederschlagen" werde, und daß die jüdische Bevölkerung dieserhalb vollständig ruhig sein könnte. Die Untersuchung wird von einem Staatsanwalt und drei Untersuchungsrichtern geführt. Einer der letzteren meinte, „daß man den Bombenanschlag keineswegs »kategorisch« den Juden in die Schuhe schieben darf, denn eine böswillige Herausforderung ist nicht absolut ausgeschlossen". Die erste (unvollständige) Liste der Erschlagenen und Verwundeten. Die Opfer am i4«, 15. und 16. Juni. Die Ermordeten. Die Leichen in der Fabrik von Polestschuk: Simel Zuk, 29 Jahre alt, Gerber, durch Soldaten erschossen, Aisik Bachrach, 22 „ „ . — „ „ „ Schljoma Furmann, 20 „ „ — „ „ „ Isak Gwürzmann, 35 „ „ Fabrikant, „ „ „ J. Steinich, 25 „ „ Gerber, „ „ „ Mowscha Kustin, 21 „ „ — „ „ „ Pine. 17 „ „ — „ „ Die auf dem Felde ermordete Familie: Leiser Ainschtein, 45 Jahre, Lehrer, durch Hooligans erschlagen, .Scheine, dessen Frau, 40 Jahre, durch Einschlagen von Nägeln, Rachmiel, deren Sohn, 21 Jahre, durch Einschlagen von Nägeln in Augen und Leib, Schmuel, deren Sohn, 18 Jahre, durch Einschlagen von Nägeln. Sonja, deren Tochter, 17 Jahre, durch Einschlagen von Nägeln. David Chwalowsky, 15 Jahre, Kiirschnergeselle, erschlagen durch den Oberschutzmann Ratschkowsky in der Lipowajastr., Jankel Nawik, 36 Jahre, Arbeiter, erschossen am Sonnabend, Zulja Gutkin, 10 Jahre, durch Soldatenkugeln, ein Bein abgehauen, Schlema Aron Nowik, 28 Jahre, Gerber aus Krinki, durch Bajonettstiche in der Nikolajewskajastraße, Leib Segal, 48 Jahre, Arbeiter in einer Spinnerei, von Hooligans erschlagen in der Alexandrowskajastr. in der Spinnerei Aronsons, Chaja Pescha, seine Frau, 40 Jahre, durch Axthiebe, Jankel Lewin, 52 Jahre, Zwischenmeister, von Soldaten erschossen, Sender Sakheim, 10 Jahre, „ „ „ Abram Neufeld, 65 „ Kaufmann, „ „ n Abram Kaz, 50 „ — „ „ „ Izschak? 35 Jahre, ein Gerber aus Sakolki, erstochen auf der Potschtowajastraße, Izchak Lerwitowsky, 17 Jahre, Tischler, von Soldaten erschossen. Leja Minskaja, 12 Jahre, „ „ „ Izchak Gebel, 50 Jahre, Lohnarbeiter, auf dem Wege nach der Stadt von einem Hooligan erschlagen. Schljoma Pruschansky, 42 Jahre, Schuhmacher, in einem Kramladen. Sara? 19 Jahre, „ „ „ Abram Bernstein, 47 Jahre alt, Geschäftsmann. Mirkel Basin, 18 Jahre alt, - Schneider, von Soldaten erschossen; Mordschel Lewin, 38 Jahre alt, Metzger, am Bahnhof von Hooligans erschlagen. Sorach Pande, 17 Jahre alt, Gerber, von Soldaten erschossen. Schljachter, im Sterben. Seine Frau Slata, 50 Jahre alt, von Soldaten erschossen. Sein Sohn Chaim, 10 » » » „ „

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