Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 25 (22.6.1906)
- Date
- 1906-06-22
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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leiten, viele stürzten sich in unsern Hof. WJr schlössen das Tor nd ließen niemanden mehr herein. Es begann jedoch ruhiger zu rerden und der Hof leerte sich allmählich. Plötzlich erschien eine \ompagnie vom Wladimirregiment. Man hörte die Rufe der Offiziere: Alle Russen heraus!" Die Gewehrläufe wurden gegen uns gerichtet iid wir begriffen sofort, was uns bevorstand. Wir flüchteten lgleich mit den Christen hinunter und flehten den Offizier ■m Gnade. Dieser schrie uns an und befahl uns, links zu gehen, , h. dorthin, wo die Hooligans wüteten. Wir gehorchten. Zuerst :;igen unsere Nachbarn, die Familie Freidkin, hinaus. Ich ■ ig zuletzt. Auf der Straße sah ich, wie die Hooligans auf meinen uder M. losschlugen, der schon in den letzten Zügen lag. Daneben ^en schwerverwundet meine Cousine und meine Tante Lapidus. •\ wollte mich zu meinem Bruder stürzen, aber ein Soldat verizte mir einen Schlag mit dem Gewehrkolben. Ich wandte mich nn an den Feldscher des jüdischen Hospitals, der mit dem Veröden einer Christin beschäftigt war, und flehte ihn an: „Gehen ischnell zu meinem Bruder, vielleicht kann er noch gerettet rden!" Darauf schrie ein Polizist: „Mache, daß du fortkommst, •denfratze, sonst erschlage ich dich!" Ich stürzte die Treppe : iiauf und fand dort die Freidkins, die alle schwer verwundet uen. Dort saßen wir eine halbe Stunde. Von der Straße tönte is Knattern der Gewehre, die Schreie der Hooligans, das Klirren r Zerstörung. Dann kroch auf allen Vieren meine verwundete üite Lapidus zu uns. Wir schlugen eine Scheibe der Glastür ein d flüchteten in die Wohnung. Vom Fenster aus sahen wir, wie in auf dem Hofe unsere ganze Habe vernichtete. So vergingen iige schreckliche Stunden. Endlich kamen Soldaten herauf, um- -<rten uns und führten uns zur Polizei. Auf der Straße sahen wir unserm Hause die Leichen meiner zwei ermordeten Brüder und iner Schwester. Von allen Seiten hörte man Schüsse, die •oligans verrichteten ungestört ihre Arbeit. DemDeutschenBureauderAllian ce IsraeliteUniverselle;d nachstehende Berichte über die Vorkommnisse von Bjelostok n Augenzeugen und von seinen auf den Schauplatz des Schreckens isandten Vertretern zugestellt worden: I. (Von einem Augenzeugen.) Am 14. Juni befand ich mich auf der Straße, als die orthodoxe ozession vorbeizog. Die große Menge wollte mit ihren Bildern id Fahnen ungestört vorüber. Ich setzte meinen Weg in der Rich- :ng zur katholischen Kirche fort Dort war die katholische Prossion versammelt. Sie begann sich zu formieren — ich war bereits "ne Strecke voraus — als ich plötzlich ein Knattern hörte und gleich .irauf bemerkte, wie das Volk in größter Aufregung die Straße — ienietzkaja — hinabeilte. Ich flüchtete auf Umwegen in mein Haus i der Alexanderstraße, einer der vornehmsten, ruhigsten Straßen. :ireh diese Straße zog nunmehr die orthodoxe Prozession, die eben- ■dls bald in vollkommene Auflösung geriet. Aus dem Hause Ma- »wski soll ein vierzehnjähriger jüdischer Knabe auf die Menge geflossen haben. Es verbreitete sich das Gerücht, die Juden hätten -1 Heiligenbilder angegriffen. Sofort warfen sich kleine Banden auf anliegenden Häuser und demolierten sie. In und vor dem Hause iakowski fand man die Leichname von zehn bis zwölf erschlagenen iden. Auch die angrenzende Apotheke wurde mit zerstört, der ii ristliche Apotheker samt seinen Angehörigen umgebracht. Man laubte wohl, daß dort Bqmben fabriziert wurden. An diesem und dem folgenden Tage wurden die Läden und •vohnungen der Juden in vielen Straßen (besonders Institutskaja, -iemetzkaja, Bazarnaja, Lipowaja), ferner in den Straßen am Bahnhof und in der Vorstadt Staro-Bojare ausgeplündert. Wie man vorging, hatte ich in meiner Straße zu beobachten Gelegenheit. Am Freitag sah ich von meinem Fenster aus, wie eine Gruppe junger, mit Brechstangen versehener Burschen, unter Vorantritt einer Soldatenpatrouille vier Läden hintereinander aufbrach und ausraubte und den Raub unter sich verteilte. Ich fragte einen in der Nähe stehenden Polizisten, warum die Polizei nicht einschreite. Die Antwort war: „Was können wir machen?" Als die Bande sich gerade wieder auf ein Haus stürzte, kam ein Polizeileutnant hinzu und sagte kurz: „Meine Herren, es ist nicht gestattet, genug! (Gospoda, njelzja, dowolno)." Da entfernte sich das Gesindel ohne Widerspruch. Es gab hier keine Leichen, da Verteidiger sich nicht zeigten. Wo irgend aber ein Jude zur Waffe griff, um das Raubgesindel zu verscheuchen, nahm Militär das ganze Haus unter Feuer. Viele Häuser sind von Kugeln durchlöchert. Am furchtbarsten war das Schießen in der Nacht zum Sonnabend. Das Militär war bemüht, sich des Hauptquartiers der jüdischen Schutz- und Kampfgruppen zu bemächtigen (Surasch- und angrenzende Straßen), wagte sich jedoch nicht in die Straßen hinein, sondern beschoß aus der Ferne ganze Häuserblocks. Hierbei müssen viele Menschen zu Grunde gegangen sein. Hunderten gelang es jedoch, unter dem Schutz der Dunkelheit in das hohe Korn der Felder und weiterhin in den Wald zu flüchten. Auch diese wurden massenhaft niedergeschossen, als sie sich am Morgen, vom Hunger getrieben, auf die Chaussee und die Straßen wagten. Auf unserer Fahrt zum Bahnhof fuhren wir über Teppiche und Stoffe (in der Lipowajastraße) und sahen Leichen forttragen. Am Bahnhof sind am Tage vorher mehrere Juden ermordet worden. Dasselbe Schicksal hätte beinahe den deutschen Fabrikanten Becker ereilt. Aber man erkannte ihn noch rechtzeitig als Christen. II. (Von einem Berichterstatter der A. I. U.) Der Pogrom, gleich allen früheren ein Werk der Polizei, kam am Donnerstag morgen anläßlich der Abhaltung einer russischen und polnischen Prozession zum Ausbruch. Die Polizei behauptet, daß Bomben unter die Prozession geworfen seien. Sie selbst weiß am besten, daß es ihre eigenen Leute gewesen sind, die Raketen, sogenannte „Kanonenschläge" geworfen haben, um Schrecken und Verwirrung hervorzurufen. Sobald die vermeintlichen Bomben gefallen waren, begann das Militär zu schießen, und sofort traten auch die Hooligans nach dem bekannten System und unter Anleitung der Polizei in Tätigkeit. Obwohl Bjelostok 4 Regimenter Garnison hat, wurden am Freitag Kosaken aus Szczuczin herbeibeordert, die morgens 10 Uhr von Grodno abgingen. Kosaken sind bekanntlich das Spezifikum zur Beruhigung aufrührerischen tobenden Volkes. Der Erfolg muß nicht befriedigend gewesen sein, denn obwohl schon Hunderte von Menschen getötet oder verwundet waren, ließ man Kanonen aus der Festung Ossowec herbeiholen. Häuser und Läden sind in großer Zahl demoliert. Was nicht gestohlen werden konnte, das wurde zertrümmert und zerfetzt auf die Straße geworfen. Schwerverwundete, die sich durch Röcheln verrieten, wurden zu Tode getrampelt. — Ein Schwerverletzter mit verbundenem Kopf springt in den Eisenbahnzug nach Grajewo. Ein Gendarm reißt ihn heraus: „Du willst weg? Du bleibst hier, Du mußt operiert werden!" Damit stößt er den Unglücklichen einigen Soldaten zu, die ihn prompt „operieren": sie fingen ihn mit dem Bajonett auf! Dem Briefe eines Bjelostoker Kaufmannes an einen Geschäftsfreund in Berlin entnimmt die „Voss. Ztg." folgendes: 15. Juni, 4 Uhr nachm. Seit einer Stunde hören wir, daß die Plündererbande schon unserer Wohnung ganz nahe gekommen ist. Sie hat es nur auf die Läden abgesehen. Als sie in unserer allernächsten Nähe war, vernahmen wir einige Schüsse, die die Patrouillen abgegeben hatten. Die Soldaten und Polizisten gingen voraus. Ihnen folgten nicht mehr als etwa vierzig Jimgen, die von drei Mann geführt wurden. Einer machte mit Kreide ein Zeichen an der Ladentür, die anderen beiden brachen mit Handwerkszeug die Tür auf und die barfüßigen Jungen begannen darauf zu plündern, wobei die Patrouille zu beiden Seiten des Ladens stand und