Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 25 (22.6.1906)
- Date
- 1906-06-22
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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8 — =DIE3 Adelsmarschall eine Sitzung statt, an der der Generalgouverneur von Bader, Gouverneur von Küster, General Bogajewski und die Vorsteher der jüdischen Gemeinde teilnahmen, wobei die Vorsteher offen erklärten, daß die Ermordung des Polizeimeisters Derkatschow und der Pogrom das Werk der Behörden wären. Die Spitzen der Behörden vermochten sich nicht zu rechtfertigen. Die Abgeordneten Schtschepkin, Arakanzew und Jakobsohn leiten die Untersuchung energischst, gründlichst und objektiv, sie bleiben noch einige Tage in Bjelostok. Es ist festgestellt, daß General Bogajewski die Plünderer in der Nikolaistraße mit den Worten: zdorowo rebjata, Heil euch Kinder, begrüßte. Ein anderer Offizier gratulierte den „Brüdern zum Fest". Einige Offiziere taten dagegen ihr möglichstes zur Verhinderung von Ausschreitungen. So wurden die Geschäfte Baroks und Goldsteins durch einen Oberst geschützt. Einzelne christliche Bürger leisteten den Juden großherzige Hilfe, der Lehrer Jakubowski beherbergte 17 Juden in seiner Wohnung. Als ihm von einem Polizeikommissar gedroht wurde, sie würden sein Haus stürmen und die Juden vertilgen, antwortete er: „Nur über meine Leiche wird der Weg gehen!" Prostken, 19. Juni. Achter Bericht. Nach Mitteilungen eines direkten Gewährsmannes hatten Donnerstag abend die Deputaten- Jakobsohn und Bramson eine Unterredung mit Stolipin, dem Innenminister, wegen des Pogroms. Letzterer versprach, sofort telegraphisch zu beordern, .die Unruhen zu unterdrücken, Bramson drahtete in der Nacht von Donnerstag auf Freitag zwei Uhr dringend an die Bjeiostoker Juden Dr. Raigrotzki und Bloch den Bescheid des Ministeriums und dessen Verfügung. Die Depesche ist erst nach 6 Stunden eingetroffen, sie wurde der Bjeiostoker Polizeibehörde vorgewiesen, worauf die Antwort erfolgte, daß die örtliche Behörde selbst wisse, wie vorzugehen sei, die ministerielle Verfügung sei jetzt nicht maßgebend. Nach diesem Vorfall nahm am Freitag der Pogrom noch größere Dimensionen an. Prostken, 19. Juni. Neunter Bericht. Die Vermutung, der Polizeimeister Derkatschow sei provokatorisch ermordet worden, findet immer mehr Boden. Ein jüdischer Bäcker sagte aus, ein Schutzmann habe in seiner Gegenwart vier Tage vor der Ermordung des Polizeimeisters gesagt, ein großer Pogrom stehe bevor. Auf den Einwand des Bäckers, daß der Polizeimeister den Pogrom nicht zulassen werde, bemerkte der Schutzmann höhnisch, bis dahin werde Derkatschow nicht mehr da sein. 10. Bericht. Deutsche Grenze abends 9 Uhr von Bjelostok durch Boten: Heute ruhig, der Trambahnverkehr ist eingestellt, weil die Bevölkerung die Trambahn boykottiert und verlangt, daß alle Angestellten, die am Pogrom teilgenommen haben, entlassen werden. In einem Hause in der Nikolaistraße wurden 12 verkohlte Leichen aufgefunden. Die jüdischen Läden sind sämtlich zum Zeichen der Trauer geschlossen. Der Gouverneur hielt vor dem Beginn des Pogroms vor Polizeibeamten eine Rede: „Erfüllt eure Pflicht nach eurem Eide, wie ihr sie bisher erfüllt habt!" Viele Christen, die bezeugen, daß die Polizei am Pogrom teilgenommen habe, erhalten Drohbriefe. Nichtsdestoweniger steht unwiderlegbar fest, daß Polizisten, als Hooligans verkleidet, die Anstifter und Teilnehmer der Judenmetzeleien waren. Am Sonnabend erschoß ein Offizier auf offener Straße ein jüdisches Mädchen namens Rubinowska. Er wurde verhaftet, aber jetzt in Freiheit gesetzt und spaziert unbelästigt durch Bjelostok. Grajewo, 21. ds., 2.10 nm. Eine Station vor Grajewo wurde heute ein als Pope verkleideter Russe festgenommen, der zwei Bomben, Dynamit, Revolver und Proklamationen mit der Aufschrift: „Erschlagt die Juden!" bei sich trug. Dieser Anschlag ist offenbar bestimmt für Grajewo, wo heute eine Prozession stattfindet. Das „schwarze Hundert" will offenbar während der Prozession einen Pogrom inszeni eren. gELT —-- No. 25 Unser Berichterstatter schickt uns Auszüge aus dem Protokoi; der Untersuchungskommission in Bjelostok, die deutlich erkenne;- lassen, welchen Anteil die Behörden an dem Pogrom gehabt haben Aussage I: P. D.: Auf der Basarnastraße hat der dort postiert Schutzmann einen Laden demoliert, ist als erster eingedrungen mv' half eifrig den Hooligans, den Laden zu plündern. Nachdem mar mit dem ersten Laden fertig war, warf sich die Menge auf de: nächsten. Auf das Schreien der Augenzeugen hin wurde von de Polizei mit Flinten geschossen, um die Aufmerksamkeit von de Plünderung abzulenken. Aussage II. T.: Vom Fenster des oberen Stockwerkes saher wir, wie man nach der Ankunft des Eisenbahnzuges vor der Augen des wachthabenden Stationschefs und der Gendarmen dir jüdischen Passagiere aus den Wagen herauszerrte und bestialiscl ermordete. III. Wachtmeister Muchin gab nach der Aussage eines ange kommenen Reisenden selbst den Befehl: „Erschlagt die Judenr Das erfolgte auch unverzüglich und wurde vom Stationsvorstehe; noch unterstützt. IV. Der Kutscher M. fuhr einen General und hörte, wie dieser auf die Begrüßung der Hooligans antwortete: „Ich gratuliere euch, Brüder, zu dem Pogrom!" V. Der Eigentümer eines Schuhwarengeschäftes beobachtete durch eine Bodenluke, wie sich unter der Anführung des Polizeikomniissars eine Schar von Hooligans zu seinem Laden begab. Dort traf sie eine Patrouille von Soldaten des Uglitscher-Regimentes. die einen Halbkreis um die Hooligans bildete. Unter dieser Bedeckung rissen die Polizisten mit Stemmeisen die Tür auf, schleppten die Waren heraus, luden sie auf einen Wagen und ließen sie von den Soldaten wegführen. VI. Markus R.: Wir kamen mit der Eisenbahn zur Station Bjelostok. Vor den Augen der Eisenbahn-Gendarmerie drangen gegen hundert Hooligans in unsern Waggon und griffen uns an. Es gelang uns jedoch, uns loszukaufen. Am Bahnhof haben dieselben Hooligans mit Messern, Spaten und Knüppeln die dort befindlichen Juden erbarmungslos niedergeschlagen. Der Zug wurde zu diesem Zwecke acht Minuten aufgehalten. An der nächsten Station Satischje gingen wir aus dem Zug. Uns umringten ein Offizier mit Soldaten. Da wir glaubten, man wolle uns ermorden, wandten wir uns weinend au den Offizier. Dieser rief den alten Leuten unter den Passagieren zu: „Gut, euch Alten zuliebe werde ich auch die Jungen verschonen." VII. Ludwig Iwan P., ein Christ, berichtete: Eine Kompagnie Soldaten des Wladimirregimeuts, Dragoner und Polizei, standen auf der Nikolaistraße, während vor ihren Augen die Läden geplündert wurden. VIII. Sid. . . (Christ) erkannte während der Prozession einen ihm bekannten Polizisten, der in Zivilkleidung irgendwohin lief. Auf die Frage des Zeugen, wohin er eile, gab ihm der Polizist eine Ohrfeige. Im selben Momente kam der Oberpolizeikommissär Radetzky, rief den verkleideten Schutzmann zu sich und erteilte ihm Befehle. IX. W. S. hörte, wie Offiziere des XI. Charkower Regiments sich an das Volk wandten und riefen: „Warum steht ihr hier? Geht doch plündern! Man schießt nur auf Juden!" X. P.: "Man brachte einen der Hooligans mit einem Koffer in der Hand, in dem sich blutbefleckte seidene Wäsche befand, zu einem Obersten, der einen Wachtposten befehligte, und forderte diesen auf, den Hooligan zu verhaften. Der Oberst antwortete: „Wenn ihr nicht aufhört, solche Menschen herbeizuschleppen, werdet ihr noch mehr erleben", und ließ den Hooligan frei. XI. Aussage eines Mädchens: Am 14. Juni um 127« Uhr vormittags ging eine feierliche Prozession durch unsere Straße, Alexandrowskaja. Als sie zu unserm Hause kam, entstand in der Menge eine sichtbare Verwirrung. Das Volk zerstob nach allen