Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 25 (22.6.1906)
- Date
- 1906-06-22
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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stellt Die Zahl der Getöteten ist noch nicht genau festgestellt, man nimmt aber an, daß mehrere Dutzend Menschen ums Leben gekommen sind. Gr-odno, 17. Juni. Nach den dem Gouverneur zugegangenen Meldungen über die Unruhen in Bjelostok haben dort noch in der letzten Nacht Zusammenstöße zwischen Truppen und Revolutionären stattgefunden. Letztere beschossen die Polizeiverwaltung zon benachbarten Häusern aus. Sie wurden durch Truppen nit Salven -vertrieben, setzten aber vor dem Verlassen die Häuser n Brand. Die Feuerwehr vermochte das Feuer nicht zu löschen, Ja sich in den Häusern eine große Menge von Schießmaterial beand, das explodierte. Es sind alle Maßnahmen getroffen, um eine Erneuerung der Unruhen zu verhindern. Bjelostok, 17. Juni. Die Ruhe ist heute wiederhergestellt, obwohl noch die ganze Nacht hindurch Schüsse fielen. Reisende,;uch Juden werden wieder in die Stadt gelassen. General >ader ist zum militärischen Gouverneur ernannt und der Kriegsustand verhängt worden. Am 18. Juni erhielten wir folgende Berichte: Es sind Beamte aus Petersburg in Bjelostok eingetroffen, um an die Stelle der bisherigen Behörde zu treten. Auch die drei angekündigten Mitglieder der Reichsduma sind angekommen. Die Stadt soll einen .urchtbaren Eindruck machen, die Krankenhäuser sind überfüllt, und in den Höfen der Häuser liegen eine Masse von Leichen herum, die von den Angehörigen noch nicht reklamiert worden sind und :^ei der entsetzlichen Hitze einen schrecklichen Geruch verbreiten. Die Massenmetzeleien haben jetzt aufgehört, doch finden immer ioch vereinzelte Mordtaten statt, und auch in der Umgebung von bjelostok herrscht große Unsicherheit. Der Gouverneur von Grodno erließ heute eine Bekanntmachung, in der die gestrige, von der Petersburger Telegraphenagentur als amtlich bezeichnete, Depesche, die in gelässigster Weise die Nachricht verbreitete, daß Ausschreitungen der lidischen Bevölkerung dieHetze in Bjelostok veranlaßt hätten, als völlig .rlogen bezeichnet wird. Der Gouverneur erklärt, daß die beiden religiösen Prozessionen, die der Katholiken wie die der Orthodoxen, ungestört verliefen, daß dabei kein Geistlicher und kein Kind, wie behauptet wurde, Schaden gelitten hätte. Minister Stolipin gab heute auf eine an ihn gerichtete Anfrage zu, er wisse nicht einmal, von wem jene erlogene amtliche Darstellung ausgegangen sei. Aber auch er müsse die Depesche als erlogen bezeichnen. Das offiziöse Telegramm über die Vorgänge in Bjelostok, das von amtlicher Seite jetzt verleugnet wird, ist von einem unterge' ordneten Regierungsbeamten Stukalin aufgegeben worden. Prostken, 18. 6. Vierter Bericht: In Lapin, Städtchen bei Bjelostok, war Pogrom auf dem Bahnhof, 5 Tote, im Städtchen viele Verwundete. In Staroselzi bei Bjelostok sind alle jüdischen Läden zerstört und geplündert. Fünfter Bericht: Eben kommt die Nachricht, daß in Bjelostok heute wieder geschossen wird. Für Grajewo herrscht täglich Pouromgefahr, es zirkulieren Gerüchte in der Bevölkerung, daß dort der Pogrom am Donnerstag ausbrechen soll. Im Städtchen Stutschin st ein drohender Ausbruch des Pogroms durch die Selbstwehr im Keime erstickt worden. Durchreisende berichten übereinstimmend, daß eine neue Reihe großer Pogrome droht. Sechster Bericht: Bei dem Pogrom sind furchtbare Mißhandlungen vorgekommen. Ein kleines Mädchen wurde in Gegenwart seiner Mutter in Stücke gerissen, einem Juden sind die Beine abgehauen, viele Leichen tragen Nägel im Leib und im Kopf, der Feldscher Sehloma Schetzitzki wurde beim Anlegen von Verbänden im jüdischen Hospital mit Stangen erschlagen, die Leiche wurde bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt. Heute früh gelangten 76 Leichen zur Beerdigung, jedoch sind viele bereits aus den Wohnungen beerdigt; im Krankenhaus liegen gegenwärtig 55 durch Schußwunden und Stangenhiebe Schwerverwundete. 19. 6. Freitag: Man berichtete nach Petersburg, daß man zur Herstellung der Ordnung in Bjelostok noch 2000Mann Militärbenötige. Freitag früh 9 Uhr erschienen vor der Polizei einige hundert christlliche Arbeiterund erbaten Erlaubnis, am Pogrom teilzunehmen. Hingegen ließen die Arbeiter der Beckerschen Fabrik, durchaus Christen, in der Vorstadt Nowa Hooligansausschreitungen nicht zu. Welchen Einfluß Offiziere hatten, beweist das Haus Lifschitz am Marktplatz, wo Offiziere ein jüdisches Weingeschäft, in dem sie verkehrten, nicht plündern ließen, während ein Möbelgeschäft im gleichen Hause unter den Augen derselben Offiziere vernichtet wurde. In der Nikolaistraße sagte ein Offizier, die Hooligans sollten Eßwarenladen verschonen, da sonst später eine Teuerung einträte. Das Haus in der Kopetzstraße, wo der Staatsanwalt wohnt, wurde von Hooligans gestürmt. Der Diener des Staatsanwaltes schoß vom Balkon auf die Hooligans, worauf es hieß, daß Juden aus dem Fenster schießen; der Staatsanwalt trat selbst hervor und machte weiteren Exzessen der Hooligans ein Ende. Die jüdische Selbstwehr arbeitete die ersten Stunden am Donnerstag, während das Militär die Prozessionen begleitete, in den Straßen Neuwelt und Polewaja erfolgreich, wobei einige Hooligans niedergestreckt wurden. Erst nach dem Erscheinen des Militärs wurde die Tätigkeit des Selbstschutzes gelähmt. Verschont blieben die Straßen Suraskaja, Kladbistschenskaja und Pieski, wo Polizeibeamte bei Juden Bomben vermuteten und den Hooligans abrieten. Sonntags abends verhandelten die jüdischen Vorsteher mit den Spitzen der Behörde wegen der Beerdigung. General von Bader erklärte, er wolle Demonstrationen beim Leichenzug gegestatten, könne jedoch die Zurückziehung der Patrouillen nicht bewilligen und für eventuelle Zusammenstöße keine Verantwortung übernehmen. Die jüdischen politischen Parteien erklärten, in diesem Falle die Beerdigung den Behörden zu überlassen. Die Leichen wurden demzufolge Montag 11 Uhr von mehreren Beamten auf jüdischen Lastfuhren ohne Begleitung zum Friedhof geschafft. Heute nacht ist Bjelostok ruhig. Lyck, 19. Juni. Siebenter Bericht. Der Friedensrichter Werigin sagte gestern vor dem Abgeordneten Schtschepkin aus, er sei am Donnerstag und Freitag in den Straßen gewesen und habe beobachtet, daß regelmäßig, während Hooligans plünderten, das Militär den Rücken kehrte und die andere Front beschoß. Friedensrichter Oldenburg bezeugte in gleichem Sinne. Ein russischer Pope aus Wassilko, der am Zuge teilnahm, erklärte, daß keine Bombe geworfen worden, kein Heiligenbild durchschossen sei, daß überhaupt keine Schüsse von außen gefallen seien. Der Stationsvorsteher von Monki, namens Martschenko, ermächtigt meinen Gewährsmann zu berichten, daß der Oberkondukteur des Zuges Bjelostok-Grajewo von Donnerstag erzählte, daß zwei mit Fahrkarten versehene Juden von Hooligans und zwei Gendarmen aus dem Waggon geschleppt wurden; auf die Frage des Oberkondukteurs warum, erhielt er die Antwort: Das ist nicht Eure Sache. Die Juden wurden erschlagen. Geraubte Sachen werden jetzt in den Wohnungen der Schutzleute gefunden. Das heute gemeldete Schießen entstand durch folgenden Vorfall: Einige junge Juden der Selbstwehr erfuhren, daß bei der Maitresse des Popen Popowski geraubte Gegenstände seien, sie erlangten Polizei- und Militärbewachung zur Hausdurchsuchung und fanden geraubte Gold- und Silbersachen, vier Pelze; als man zur Verhaftung der Maitresse und ihres Bruders sowie zur Beschlagnahme des Geraubten schritt, widersetzte sich der Pope, auf der Straße entstand ein Auflauf, dabei wurde das Selbstwehrmitglied Fabrikant Machai von Kosaken niedergeschossen. Mein Gewährsmann berichtet weiter, daß die Ankunft Schtschepkins und anderer Abgeordneter viel zur Beruhigung der Bevölkerung und zur Beendigung des Pogroms beitrug. Schtschepkin weigerte sich, eine Unterredung mit den Behörden zu führen. Sonnabend abend fand bei dem 2*