Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 25 (22.6.1906)
- Date
- 1906-06-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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6 _ DIE2 war zum Zweck der Aufreizung des Pöbels erfunden. Zwei Kinder, die Heiligenbilder trugen, wurden allerdings durch die zum Zeichen des Beginns erfolgte Explosion einer Petarde angeblich leicht verwundet, und die Heiligenbilder — sicherlich wie von den Anstiftern geplant — zerrissen. Die zerrissenen Heiligenbilder ließ man stundenlang auf der Straße liegen, um die Wut des Pöbels anzufachen. In Rotten zu 50 zogen die Hooligans sofort durch die Straßen, mit eisernen Stöcken und Steinen bewaffnet. Das Vorspiel war die Plünderung des Eisengeschäftes von Kaplan auf der Deutschen Straße, dann zogen die Plünderer vor die Wohnung des greisen Rabbiners Dr. Mohilewer. Dort wurde alles vernichtet und die Möbel auf die Straße geschleudert. Dann tobte über zwei Stunden ein wildes Morden und Plündern. An 200 Häuser und Läden wurden vernichtet und ausgeplündert, namentlich Juwelier-und Uhrenläden. Die Toten und Verwundeten zählen nach vielen Hunderten. Genaue Ermittelungen liegen noch nicht vor. Die Hooligans waren von Polizei gefolgt und Militär schritt ihnen voran, so^ daß sie ihre grausige Arbeit ungestört verrichten konnten. Wo sich die heldenhafte Selbstwehr ihnen entgegenstellte, wurde sie von Militär und Polizei niedergeschossen. Militär und Polizei beteiligten sich in rohester Weise an dem Morden und Plündern. Ein Soldat, der als Posten einen der Geflüchteten führte, zeigte diesem prahlerisch drei Patronen"; diese drei allein hatte er von 120, die er besaß, nach zweistündiger Arbeit noch zurückbehalten. Als am Donnerstag nachmittag 3 Uhr' der kommandierende General Bogajewsky auf der Straße erschien, hörte die Plünderung sofort auf. In aller Seelenruhe aber konnten die Plünderer und Mörder ihre Beute bergen, die vielen hohen Offiziere, das Militär und die Polizei sahen ruhig zu und rührten keinen Finger, im Gegenteil stachelten sie die plündernden Banden an einigen Orten noch auf. Am Bahnhof spielten sich ebenso schreckliche Szenen ab wie in der Stadt selbst. Im Wartesaal I. Klasse wurden die jüdischen Flüchtlinge überfallen und in Gegenwart von Offizieren und Polizei tot oder halbtot geprügelt. Sechs ankommende Passagiere wurden ermordet. Am Freitag begann die Plünderung von neuem und zwar auf der Nikolaistraße. Diesmal verbreiteten die Anstifter das falsche Gerücht, Juderr hätten auf den Sarg einer getöteten Christenfrau Dachziegel geworfen. Eine Beruhigung trat erst ein, als die Mitglieder der Duma, die zur Untersuchung abgesandt waren, in Bjelostok eintrafen. Während die Mörder und Plünderer ihre Arbeit in der Stadt verrichteten, war Bjelostok von Militär umzingelt, das keine Juden aus der Stadt und in die Stadt ließ. Das Militär beschoß noch obendrein die Stadt, so daß eine Reihe Häuser in Flammen aufging. * * Auf die erste Kunde von den Metzeleien begab sich unser Herr Feiwel an die russische Grenze nach Prostken, da Bjelostok von der Kommunikation abgeschnitten war und niemand hineingelassen wurde. Wir wandten uns gleichzeitig an verschiedene Gewährsmänner in Bjelostok selbst und erhielten von einem unserer Freunde folgendes Telegramm, das durch Boten nach Prostken gebracht worden war und das wir sofort den Blättern mitteilten: Prostken, 18. 6., 1125 vorm. Antwortlich Ihrer Depesche: In Bjelostok veranstalteten Behörde und Militär mit Hilfe niederer Volksschichten, Anzahl Fabrikarbeitern, auch verkleideter Schuljungen, einen beispiellosen Pogrom, wütete drei Tage, 14., 15. und 16. Juni. Gegen hundert gräßlich Ermordete liegen im jüdischen Hospital, außerdem viele in Häusern und umliegenden Feldern. Verwundete zahllos, fast sämtliche Geschäfte auf den Hauptstraßen vollständig kahl ausgeplündert, Nebenstraßen meistens verschont, wo weniger Militär, wodurch jüdischer Selbstwehr gelang, Hooligans zu vertreiben. Grenzenloser Jammer, unzählige Witwen, Waisen, unglückliche Krüppel. Dringend sofortige Hilfe notwendig. Ein noch schrecklicherer Progrom wird den Nebenstraßen gedroht, iE LT ' - ■■ ■ ■ ■ ■ - - No. 2; endlose Panik. Handel, Erwerb für unabsehbare Zeit völlig gelähmt. Massenemigration bevorstehend, man appelliere an da europäische Gewissen zwecks Vorbeugung in Zukunft solch besii aiischer Greueltaten. S. . . Inzwischen erhielten wir von Herrn Feiwel, der seine Berich gleichzeitig auch dem Hilfsverein der deutschen Juden nach Ber1; übermittelte, nachfolgende Telegramme: Prostken, den 17. Juni: Erster Bericht. Direkte Nachrichte Bjelostok fehlen heute. Laut Mitteilungen morgens hier eingetroffen*; Flüchtiger ist noch kein Ende des Pogroms abzusehen. Gester 5 Uhr nachmittags nach dem Eintreffen der Dumakommission hör' das Schießen auf, begann jedoch nachts wieder. Auch in der Umgebung Bjelostoks ist die Situation bedrohlich. Es herrscht grol Aufregung in Bjelostok. Am ersten Tag hatten den Hauptantc am Progrom Hooligans, darunter viele von auswärts herzugeholl; Letzte zwei Tage nimmt hauptsächlich Militär Anteil. Die Zahl ck Opfer ist nicht einmal schätzungsweise zu ermitteln, da die G< flüchteten zumeist nur über die Vorgänge in ihrer Straße zu bi richten wissen. Das Militär wurde zum Pogrom kommandiert unti dem üblichen Vorwand, daß Revolutionäre in Häusern versteck seien, oder daß daraus geschossen worden sei. Um Juden zum Verlassen der Häuser zu zwingen, v/urden diese in Brand gesteck und die Flüchtenden getötet. Ein Apotheker wurde samt Famiii getötet; er war Christ, in seinem Hause wurden gleichfalls all christlichen Zöglinge des Gymnasialpensionats niedergemacht Viele jüdischen Opfer fielen an den Bahnhöfen, eine große auf ei Kornfeld geflüchtete Menge soll von Militär umzingelt und getötc worden sein. Die Läden sind nicht nur zertrümmert, sondern alk Teile der jüdischen Gebäude sind gewaltsam vernichtet und im brauchbar gemacht. Wenige sehr reiche Juden erhielten gegei große Summen militärischen Schutz für Begleitung zum Bahnhof Bisher sind verhältnismäßig noch wenig geflüchtet, da die Stack umzingelt war, jetzt soll die Flucht nach allen Richtungen stärker sein. Selbstwehrjuden hielten in manchen Straßen stand. Wie es von der russischen Regierung zu erwarten war, erlielsie ein offiziöses Communiquee, daß in empörend verlogener Weise die Ereignisse zu vertuschen versuchte. Das Meisterstück amtlicher Verhetzung lautete: Petersburg, 17. Juni. Am 14. ds. um 1 Uhr nachmittags wurden während einer Prozession der Orthodoxen mehrere Schüsse auf sie an der Kreuzung derAlexandrowsk-und der Institutsstraße aus dem dritten Stockwerk der Häuser Bakitsch undMakowsky abgegeben. Drei Frauen und zwei Kinder wurden getötet und mehrere Personen verletzt. Auch in der Tykotskastraße wurden Schüsse auf eine katholische Prozession abgegeben, ohne jedoch jemand zu treffen. Dann wurden auf dem Basarplatze zwei Bomben geworfen, ohne daß jedoch dabei Menschen zu Schaden gekommen wären. Alsbald brachen Unruhen in der Stadt aus, die den ganzen Tag andauerten. Es kam zu blutigen Zusammenstößen zwischen Juden und Christen. Ein Volkshaufe begann die Läden der Juden zu plündern. Nun wurden Truppen zur Unterstützung der Polizei herangezogen, sie wurden aber durch Schüsse aus den obern Stockwerken, den Dachkammern und von den Dächern der Häuser empfangen. Die Truppen erwiderten mit Gewehrfeuer. Um 7 Uhr abends war im allgemeinen die Ruhe wiederhergestellt, aber einzelne Gewehrschüsse fielen noch, und vereinzelte Gewalttätigkeiten kamen noch bis zum andern Vormittag vor. Zu dieser Zeil begannen die Unruhen und die Zusammenstöße der Juden und Christen von neuem. Mehrere Personen, die sich auf dem Boden eines Hauses gegenüber dem Gebäude der Polizeiverwaltung aufgestellt hatten, schössen von dort aus auf das Polizeiverwaltungsgebäude, ohne jedoch jemand zu verletzen. Wie am Abend vorher wurde auf die Truppen gefeuert. Die Plünderung der Läden der Juden hat aufgehört, die Ordnung ist wiederherge-