Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 25 (22.6.1906)
- Date
- 1906-06-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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v ^überging, man kehrte zur gewohnten Tätigkeit zurück, obv ohi mit beklommenem Herzen, mit schrecklicher Ungewißheit, :is der nächste Tag bringen kann und wird. Die Panik ließ; lerdings nach, doch vollständige Ruhe konnte noch nicht einr-.'ten. Es hieß in der Bevölkerung, solange der Polizeikommissär :- heremetew auf seinem Posten in Bjelostok bleibe, seien die .1 ilen weder ihrer Habe noch ihres Lebens sicher. In solcher -V:gstund Furcht vor bevorstehenden Pogromen lebten die Juden bis z n Sonntag, den 28. Mai alten Stils. An diesem verhängnisvollen '! :-Mre gegen 5 Uhr nachmittags wurde der Liebling der jüdischen, vie der nicht prononciert-antisemitisch christlichenen, Bevölkerung, i rkatschow, auf rätselhafte Weise von unbekannter, nicht ab- :ißter, Hand erschossen. In der Nacht vorher war ein Schutzmann; einer Verbrecherkneipe durch acht Strolche getötet worden, wobei ,• ei Verbrecher (Christen) verhaftet wurden. Der Polizeichef fuhr S Alltag um 4 Uhr nachmittags an den Tatort, um den Tatbestand : izustellen und die Recherchen einzuleiten. Man nimmt an, daß er i Verbrechern, die am Tage vorher seinen Beamten ermordet teru in die Hände gefallen ist und von ihnen beseitigt wurde.; sc andere Erklärung für den Mord gibt es nicht. Die Revolutionsrttri hat nach dem Mord Proklamationen verteilt, worin sie sich t Entrüstung von dieser Tat lossagt. Derkatschow war ein gerechter amter, der auch die Juden gegen Unrecht schützte. Die Trauer um ihn .ir deshalb namentlich unter der jüdischen Bevölkerung groß, und .:• ihr Ausdruck zu verleihen, beschloßt man in einer am Abend . selben Tages abgehaltenen Versammlung, daß eine Deputation an der jrdigung teilnehmen und an dem Grabe einen Kranz niederlegen Je. Nach der Ermordung Derkatschows war Sehe rem etew zumGeiien des Polizeimeisters ernannt. Scheremetew, ein wegen Unregel- 'L'iigkeiten in seinem Amte von Bjelostok nach Grodno strafverzter Polizeimann, der seine Rehabilitierung im Kriege mit Japan >virkte und nach dem Friedensschluß nach Bjelostok zurücksetzt worden war, war ein Gegner Derkatschows, dessen judenundliche Gesinnung ihm nicht behagte. Man brachte seinen Namen halb auch mit dem Morde in Zusammenhang, ohne dieses jedoch;iiidich nachweisen zu können. Scheremetew traf am Dienstag, chmittags -2 l/s Uhr die jüdische Deputation mit Dr. Rajgrodski; der Spitze, die sich mit dem Kranz zu der Witwre des er- Hdeten Polizeimeisters begeben wollte. Er schrie ihr in großer ■.'iregimg zu: „Von euch Blutsaugern werden wirkeinen .-■'ranz annehmen. Ihr habt unseren Polizeimeister erurdet und nun wollt ihr das Blut mit Blumen verdecken!" nier der Herren entgegnete ihm: „Wer den Polizeimeister ermordet ar, werden Sie wohl besser wissen!" Diese Auseinandersetzung iid in Gegenwart des Gendarmerieoberst Gribojedow statt, der ■einte, die Erlaubnis, einen Kranz am Sarge niederzulegen, könnten ■ich nur die Hinterbliebenen erteilen oder verweigern. Er werde :h persönlich erkundigen, ob sie die Erlaubnis gäben. Die Witwe klärte sich mit der Versicherung innigsten Dankes zur Entgegenihnie dieses Sympathiebeweises der jüdischen Gemeinde für den erstorbenen gerne bereit. Trotzdem wies Scheremetew die Depulion zurück und erklärte: „Wir, vom niedrigsten Schutzmann is zum höchsten Polizeibeamten, verbieten euch, den Kranz ioderzulegen und werden euch, wenn ihr trotzdem es wagen solltet, ■n Donnerstag zeigen, was wir mit euch machen werden!" Empört richtete ein Mitglied derDeputation die Frage an ihn: „Erklären ie uns deutlich, was Sie damit meinen!" Der Untersuchungsrichter •V'ischnewski, der hinzugekommen war, sagte: „Was verstehen ie denn nicht? Herr Scheremetew sagt-Ihnen ja ganz deutsch, daß am Donnerstag ein Pogrom stattfinden wird!" Der Bescheid der Deputation verursachte naturgemäß unter den jüdischen Glaubensgenossen begrei^ehe-Aufregung und man beschloß, sofort drei Gemeindevorsteher zu dem in Grodno (2 Stunden Eisenbahnfahrt von Bjelostok) residierenden Gouverneur v. Küster zu entsenden, um ihm über das Vorgefallene zu berichten. Inzwischen hatte die Beerdigung Derkatschows ohne Teilnahme der jüdischen Deputation und ohne Niederlegung des Kranzes am Dienstag nachmittag stattgefunden. Die Deputation kehrte um 1 Uhr nachts zurück und erstattete in einer am Mittwoch um 10 Uhr vormittags angesetzten Versammlung der jüdischen Gemeinde Bericht. Der Gouverneur hatte die Deputation erst abends um V2IO Uhr in seinem Palais empfangen können. Vorher hatten die Herren dem Kanzlei Vorsteher ihr Anliegen vorgetragen, der ein Protokoll aufnahm, so daß der Gouverneur bei dem Empfang der Herren bereits informiert war. Es entspann sich zwischen dem Gouverneur und den Herren folgendes Gespräch: Gouverneur: „Ich bin über den Zweck Ihres Kommens unterrichtet und nehme an, daß Sie aus zwei Gründen gekommen sind, einmal, um die mir untergebene Polizei anzuklagen, dann wegen Ihrer Befürchtungen für Donnerstag. Was den ersten Punkt anbetrifft, so liegt es nicht in meiner Macht, meinen Beamten eine andere Gesinnung einzuflößen, als sie haben. Sie wissen ja, daß die ganze Polizei und das Militär empört ist über die jüdische Bevölkerung, weil man in ihnen die Urheber der Attentate sieht. Ich weiß nicht, ob ich an ihrer Stelle andere Gesinnungen hegen könnte." Mitglied der Deputation Dr. J.: „Sämtliche Attentate der letzten Zeit sind durch Anarchisten verübt worden, deren Zahl, Namen und Personalien die Polizei ganz genau kennt. Wir Bürger, d. h. 99 Prozent der jüdischen Bevölkerung der Stadt, würden glücklich sein, wenn uns die Polizei von diesen Leuten befreite." Gouverneur: „Ja, wenn ich das tun würde, was würde Ihre liberale Presse, was würde Ihre Duma dazu sagen? Im vorigen Jahre nach dem 30. Juli haben Sie ja auch 4 bis 5 Monate Ruhe gehabt." Dr. J.: ,Jch als Vorsteher des Krankenhauses kann konstatieren, daß kein einziger von den Anarchisten dabei gelitten hat, nur lauter Unschuldige sind die Opfer gewesen." Gouverneur: „Dagegen ist nichts zu machen. Was Donnerstag anbetrifft, so werde ich nach den Pflichten meines Amtes und meines Diensteides alles tun, um ein Pogrom zu verhindern, so daß ich für diesen Tag Ihnen Garantien geben kann, für weitere Tage gebe ich Ihnen keine Garantie." Ais die jüdischen Delegierten darauf hinwiesen, daß ein provokatorischer Schuß doch nicht unmöglich sei, meinte Herr von Küster, daß dann eben nichts zu machen sei und viele Unschuldige für die Tat der Provokatoren büßen müßten. Die jüdischen Delegierten baten den Gouverneur, wenigstens den Schereinetjew, den Schrecken der jüdischen Bevölkerung, aus Bjelostok zu entfernen. Darauf aber erwiderte von Küster, Scheremetjew sei der beste Administrator, der geeignetste Polizeibeamte für die terroristische Stadt Bjelostok. Ein so brauchbarer Beamte könne nicht entfernt werden. Der Bericht der Deputation wurde mit großer Entrüstung vernommen, und es wurde beschlossen, dem Präsidenten der Duma, Muromzew, und den Abgeordneten Winawer und Ostrogorski, sowie der liberalen Presse Petersburgs den Hergang durch zwei Abgeordnete mitteilen zu lassen. Der Pogrom Donnerstag um 2 Uhr begann aus Anlaß des Fronleichnamsfestes die katholische Prozession, an der etwa 10000 Personen teilnahmen. Eine griechisch-orthodoxe Prozession von 500 Personen, die in ihrer Mehrheit nicht aus Bürgern Bjelostoks, sondern aus Bauern der Umgegend, Chausseearbeitern aus Mittelrußland, welche für den Pogrom herangeholt worden sind, und einigen Beamten bestand, zog in entgegengesetzter Richtung durch die Straßen. Kurz nach 8 Uhr entstand in der orthodoxen Prozession eine Verwirrung. Ein leichter Knall wurde hörbar. Es soll eine Petarde aus einem Hause der Alexanderstraße in die Prozession geschleudert worden sein. Es steht jetzt mit Sicherheit fest, daß die Explosion der Petarde ein Zeichen für die Hooligans war, mit dem Pogrom zu beginnen. In kaum fünf Minuten waren die Plünderer und Mörder bereits am Werke. Die Nachricht, daß ein Pope oder daß Kinder getötet worden seien, 2