Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 25 (22.6.1906)
- Date
- 1906-06-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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4 DIES des russischen Volkes. Sie müssen nun gutmachen, was sie verschuldeten. Die Toten kann man nicht mehr ins Leben rufen — aber die Lebenden kann man, muß man vor dem Unglück der kommenden Tage [E LT- —= No.25 schützen. Das sind sie dem jüdischen Volke schuldig sie, die nichts taten, um dem Blutbad von Bjelostok vorzubeugen. Gestern hieß es Kischinew, heute Bjelostok — wie wird es morgen heißen? DER POGROM IN BJELOSTOK (Bericht unserer Speziai-Berichterstatter) An der Grenze An der Grenze, ein paar Stunden von dem Orte entfernt, in dem die bestialische Wut der Militär-, Polizei- und Pöbelhorden noch immer rast, mache ich Halt, ehe ich die Stadt des Grauens betrete. Das kleine Grenzstädtchen ist schon fast Rußland. Hunderte armer Juden kommen täglich hierher auf ihren erbärmlichen Wägelchen, die von dürren, heruntergekommenen Kleppern in trägem Tempo vorwärtsgeschleppt werden. Erbärmlich wie ihre Fuhrwerke müssen auch die Geschäftsunternehmungen dieser Juden sein, die sich von der kläglichen Differenz zwischen Diesseits und Jenseits der Grenze ernähren. . . . Heute sind sie nicht nur von den gewöhnlichen Sorgen erfüllt. Seit drei Tagen wütet der unbeschreibliche Schrecken in Bjelostok und droht sich nach West und Ost fortzupfanzen, und in der Unglücksstadt scheint es kein Ende nehmen zu wollen. Die Nachrichten von Mord und Blut, zufällig zugetragen, hier von einem Eisenbahnschaffner, dort durch christliche Passagie're, wachsen, von der geängstigten Phantasie stündlich vergrößert, ins Ungeheure. . . . Sonntag kommen die ersten zuverlässigen Boten. Die ersten Flüchtigen aus Bjelostok sind glücklich über die Grenze gelangt. Welch ein Anblick! Die todbleichen, fast verzerrten Gesichter tragen noch deutlich die Spuren der ausgestandenen Qual von dreimal vierundzwanzig Stunden, während welcher sie zwischen Leben und Tod schwebten. Wer einmal diese Gesichter gesehen hat, der weiß, was ein Pogrom ist. Was diese heißen, weherfüllten Augen, die schmerzvoll zusammengepreßten Lippen, die gefurchten Stirnen erzählen, ist mehr, als alle Worte auszudrücken vermögen. Was bedeuten -dagegen die sichtbaren Wunden, die manche Gesichter entstellen? Aber wenn irgendeines Juden patriarchalische Gestalt vor einem steht, in stummer Verzweiflung alle Fragen: Wie war's? Wieviele sind tot? Wie habt ihr euch gerettet? mit einer einzigen Geste abschneidend, da fühlt man bis ins tiefste Innerste, was er selbst fühlt: Daß ein unbeschreibliches Weh, eine unsagbare Schmach mit grausiger Wucht über unserem Volke lastet, daß es einer sinnlosen zerstörenden Macht preisgegeben ist, gegen die Verstand und Gefühl, jüdische Kraft und jüdischer Geist anzukämpfen nicht imstande sind. Sinnlos, grenzenlos, unaufhaltsam. . . . Was ist da noch zu erzählen?..... Langsam löst sich die starre Schweigsamkeit der Geflüchteten. Nachdem sie aber gebrochen ist, beginnen sie zu erzählen mit einer hysterischen Hast, mit einem nervösen Drange, sich von der zusammengepreßten Erregung zu befreien, und schildern mit Worten, die aus der Tiefe des Herzens kommen, all das, was so unglaublich und doch so wahr ist. . . / Einer war zum Bahnhof geeilt, hatte schon sein Billett in Händen, stand schon auf dem Trittbrett, da wurde er heruntergezerrt, er floh zurück in den Warteraum, da trieben ihn die Eisenbahnbeamten mit Eisenstangen in die Vorhalle. Dort empfingen ihn die Hooligans. Er wollte, wie die anderen Juden, die man zusammengetrieben hatte, durch die Türe entfliehen. Da stand mit vorgehaltenem Säbel ein Offizier und ließ keinen durch. . . . Verloren. ... Er wurde niedergestreckt. Irn Fallen sah er noch neben sich ein jüdisches Weib, das furchtbar schreiend ihr Kind einem Hooligan entreißen wollte, der es an einem Beine erfaßt hatte. Das Kind wurde buchstäblich zerrissen. Den Juden hielt man für tot. Der Schlag mit einer Keule, der eine breite Blutspur über die Schläfe zurückließ, seine Lippe spaltete und ihm mehrere Zähne ausbrach, schien dem Hooligan hinreichend. Der Jude rettete sich später — durch ein Wunder. Durch ein Wunder, durch Gottes Wunder, die Worte kehren in allen Erzählungen wieder. Die Frauen, die unter den Betten Tag und Nacht lagen, den Kindern den Mund zupressend, damit sie nicht schreien, die Greise, über deren Köpfe die Geschosse hinsausten, die Männer, die schon Auge in Auge vor Offizieren und Kosaken dem Tode gegenüberstanden, all die Geschlagenen, Getretenen, Verwundeten finden als letztes Wort keine andere Erklärung für ihre Rettung als das Wunder. . . . Und um sie herum stehen in tiefster Teilnahme, aufgewühlt vom Schmerz, mit Tränen in den Augen die Zuhörer, und in bangen oder verzweifelten oder zornbebenden Ausrufen macht sich ein, ach, so kleiner Teil des verhaltenen blutigen Ingrimms Luft. Und immer wieder die Frage: Was soll daraus werden? Und die Antwort: Kein Ende abzusehen..... Ein Kind naht sich schmeichelnd seiner Mutter: „Mütterchen, hier schießt man nicht?" Die Mutter streichelt das blonde Köpfchen, und tief aufseufzend sagt sie langsam: „Nein, hier schießt man nicht, aber drüben, wo jetzt noch dein Vater ist. ..." Drüben, wo noch der-größte Teil unseres Volkes ist, schießt man, beginnt man vielleicht erst die große Schlacht. ... B. F. Die Vorgeschichte des Pogroms B. Bevor ich zur Schilderung der traurigen Ereignisse in Bjelostok schreite, muß ich noch manches vorausschicken, was im engen Zusammenhang mit dem scheußlichsten Judenmassaker steht. Am 21. Mai alten Stils, an einem Sonntag, überfielen einige Soldaten einige jüdische Läden auf dem Marktplatze und wollten plündern. Es entstand eine furchtbare Panik; die jüdischen Läden wurden bald alle geschlossen, alles flüchtete in die anliegenden Häuser aus Furcht, es breche schon der so lange befürchtete Pogrom aus. Es erschienen aber bald mehrere jüdische junge Leute aus der Selbstwehr und trieben die Plünderer auseinander. Der Schutzmann, der an der Ecke des Marktplatzes und der Tykoczinewstraße auf Posten stand, übergab sein Gewehr einem Soldaten. Es fiel ein Schuß. Die Mitglieder des Selbstschutzes feuerten ihrerseits aus ihren Brownings, aber nicht auf die Soldaten, die zu plündern anfingen, sondern in die Luft. Viele Soldaten, die unbewaffnet waren, flohen nach ihren Kasernen, wie vor dem Feinde bei dem Schaho oder Mukden. Zugleich erschien aber der Polizeikommissär Scheremetew mit bewaffneten Schutzleuten und gab Befehl, zu schießen. Gleich darauf eilte auch eine Kompanie bewaffneter Soldaten heran und gaben Salvenschüsse ab, ohne jedoch jemand zu verletzen, da auf dem Marktplatz keine Juden mehr waren. Nun kam der Polizeimeister Derkatschew, der Liebling der Bjelostoker Bevölkerung, angefahren und erteilte Befehl, das Schießen einzustellen. Die bewaffneten Soldaten entfernten sich, auf seinen Befehl. Verhältnismäßige Ruhe trat auch sofort ein. Der Polizeimeister Derkatschew erteilte dem Polizeileutnant Scheremetew eine strenge Rüge wegen seines ungerechten und unbesonnenen Auftretens. Zu bemerken ist noch, daß der Polizeileutnant Scheremetew seit jeher der Schrecken der jüdischen Bevölkerung Bjelostoks war. Nun hoffte man, daß der Sturm bereits