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Die Welt · 1906-06-15 · 24 (15.6.1906) · page 11

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
24 (15.6.1906)
Date
1906-06-15
Page
– (sequence 11)
Language
German
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pfeift söitten Wund heran und stürmt von dannen. Hinter ihm: Schleppt sich'schreiend Ahasver, und verfolgt ihn durch die blutige Judengasse, über die leichenstillen Plätze, durch das Stadttor, über Hügel und Täler, bergauf, bergab, bis er erschöpft zusammenbricht. . iv. ' Wieder . ist Ahasver draußen im, Freien erwacht, aber wieder in neuer Gestalt. Er ist nicht mehr der junge, schöne Rabbi, aber auch nicht mehr der Qreis mit der Last der Jahrhunderte auf dem Rücken und mit dem müden Todesverlangen in der Brust. Er ist ein. häßlicher, buckliger Zwerg, mit spitzem Schädel und grünem, stechendem Blick, der überall die Schönheit sucht, um sie zu vergiften; mit feuchten, dicken Händen, die nach den feinsten Gespinsten der Liebe tasten, um sie mit frechem Griff zu zerreißen; mit grellem, scharfem Kichern, das die Heiligkeiten zu besudeln trachtet, wie der Straßenkot gerne das weiße Priesterkleid beflecken möchte. Wir ab^r f?ihd elender dehn je . . . Wenn wir dem greisen Ahasver begegneten, reichten sich die-Besten die Hände und wandten sich voll heiliger Sehnsucht nach dem Osten. Seit der neue Ahasver zwischen uns getreten ist, sind unsere Besten Gladiatoren auf der Schaubühne unserer Hasser und zerfleischen sich gegenseitig. Und das Feld der Lehre, das gerade dann in herrlichsten Ähren stand, wenn die schweren Seufzer des Leidensgreises herüberklangen, es liegt brach und öde und ist von Unkraut überwuchert. Der neue Ahasver ist unter uns getreten und wir sind zehnfach elender denn je . . . Geschäftig stiehlt er sich in jeden Winkel unseres Lebens, setzt den bitteren Hader in die Kellerräume der Ärmsten und die zischelnde Schelsucht in die Gasse und in den Tempelvorhof, — ruht nicht, bis loses Gespötte und feilschender Krämergeist über stille Treue und demutsvolle Liebe triumphiert, — ruht nicht, bis nicht der Sohn den Vater verlacht, wenn er Arm und Stirne bindet und sich gegen Sonnenaufgang neigt und bis nicht der Vater dem Sohne flucht und doch an sich irre wird und längs der Wände schleicht und mitlacht, wenn ihn die Fremden verhöhnen , . . Fraget nicht, wie man den neuen Ahasver erlösen kann! Man kann ihn nicht erlösen, man kann ihn nur besiegen. Teuflisch und mißgestaltet ist er, seit die Liebe in seinem Arme starb. Geht hin und jeder suche in den Augen der Brüder so lange, bis er die Liebe findet, damit aus unserer Mitte aufschlage die große heilige Flamme der Liebe, auf daß sich der neue Ahasver geblendet abwende und sich selbst in den Boden vergrabe. NOTIZEN O O O O O ooooooooooooooo o 2 v JBin Pogrom in Odessa im Jahre 1821 Einer.unserer ständigen Mitarbeiter schreibt uns: Eigentümlich berührte es mich, als ich jüngst zufällig den alten Heinrich Zschokke zur Hand nahm. In einer Reisebeschreibung schildert er das Leben in Odessa im Jahre 1821. Er schreibt unter anderm: „Afti belustigendsten wird für mich stets der Maskenball unter meinen Fenstern sein. Es ist ein köstliches Schauspiel, dies Durcheinanderwimmeln von allerlei Nationalphysiognomien, Trachten, Gesichtsfarben, Sprachen! .'. . Neben Figuren, fast aus allen europäischen Staaten, die der Handel hierher lockte, sieht man am meisten Juden und Griechen auf den Gassen und öffentlichen Plätzen; oder sie fallen vielleicht auch am meisten durch ihre Trachten äuf. Die Juden erblickst (du noch alle morgenländisch gekleidet in einem .langen, faltenreichen Gewände, um den Leib mit einem Gürtel. - Ihr Gewand ist gewöhnlich schwarz, nur beiden Reicheren zuweilen auch von einer anderen dunklen Farbe und von Seidenstoff. Dazu tragen sie allesamt-große, runde Hüte und lange Bärte, wodurch sie eben nicht anmutiger werden. Künstlicher noch schmücken sich die Jüdinnen heraus, aber nicht geschmackvoller. Alle wollen in Seidenzeug gehen. Der Kopf der Reicheren ist ganz mit Perlen beschneit^ deren Weiße auf 4er glänzenden Raben1schwärze des Haares blendet . . . Hier spricht alles vom Gewinn und; Rabatt. Die Juden sind, wie in.Bessarabien, auch hier die Geldwechsler. An allen Ecken der Stadt sieht man einen Juden oder eine Jüdin auf offener Straße hinter einem kleinen Tisch Bankgeschäfte treiben, Silber und Gold gegen Kupfermünzen, bar; Geld gegen Banknoten auf blauem (5 Rubel), rotem (10 Rubel) und weißem Papier (25—200 Rubel) vertauschen." Aber diese Schilderung hat leider nicht nur kulturhistorisches Interesse. Im weiteren Verlaufe beschreibt Zschokke einen Exzeß gegen die Juden. Man glaubt beim Lesen, daß es nicht 1821, sondern 1905 geschehen sei. Er erzählt: „Die Roheit des Volkes wundert mich beim großen Mangel der Volksschulen nicht. Ich kam an einem Sommermorgen dazu, als eine allgemeine Schlägerei zwischen Juden, Griechen und Russen stattfand. Soldaten und Kosaken mischten sich, wie es gewöhnlich geschieht, sogleich in die Prügelei, um ihren Vorteil dabei zu machen. Es war ein allgemeiner Angriff gegen die Juden, aber nicht nur an diesem Orte, sondern auf allen drei Marktplätzen zu gleicher Zeit und Stunde, offenbar also durch Einverständnis, hatte man sich gegen sie gemacht. Die Polizei von Odessa mußte schon von dem Plan Nachricht gehabt haben, denn die Juden waren durch sie gewarnt worden, denselben Morgen nicht auszugehen, ja den ganzen Tag unsichtbar zu bleiben und ihre Krambuden nicht zu öffnen. (In dieser Beziehung können wir heute schon einen Fortschritt verzeichnen; bei den letzten Pogromen war die Polizei Hauptleiter und Anstifter. Der Einsender.) Die Mißhandlung der Kinder Israels war abscheulich. Man schlug sie mit großen Stücken Holz. Es floß Blut. Einige wurden getötet, noch mehrere schwer verwundet; einige büßten die Augen ein. Plötzlich fing man an, die Wechseltische an den Gassenecken samt Geld und Banknoten zu Boden zu werfen. Das machte neues Getümmel und Gewimmel. Kosaken und Soldaten liefen zusammen und füllten ihre Taschen. Es gingen in jüdischen Häusern, Kramläden, Wechselbanken usw. beträchtliche Summen in einem Augenblicke verloren; nie hat man erfahren, wieviel. In der Judenstraße, in den Wohnungen, selbst in der- Synagoge wurde Unfug getrieben, Fenster undTüren eingeschlagen, alles zu gleicher Zeit. Mehrere Hundert jüdische Familien hatten beinahe alles eingebüßt. Freilich wurden nachher strenge Untersuchungen angeordnet, Bs geschahen Verhaftungen. Allein schwer war auszumitteln. wer der Täter gewesen. (Wie heute! Anm.) Man sagte, der ganze Lärm sei. von den Griechen angestiftet worden, weil sie die Juden im Verdacht gehabt, an ihrer Sache in Konstantinopel verräterisch gehandelt zu haben. (In Konstantinopel wurden damals die Griechen von den Türken verfolgt und vertrieben. Anm.) Aber die armen Hebräer zu Odessa waren an dem, was in Stambul geschehen, so unschuldig, als am Abfalle der beiden Amerikas. Sie wußten nicht, warum sie gemordet, geschlagen und ausgeplündert wurden. Sie hatten im plötzlichen Gedränge und Handgemenge keinen ihrer Gegner recht erkannt. Man hatte im Getümmel keine Griechen, sondern nur russischen Pöbel gesehen. Aber man sagt nun, die Griechen hätten sich in russische Kleider gesteckt gehabt. Vielleicht waren auch die Griechen ganz unschuldig. Die Sache blieb unentwirrt, man konnte niemand strafen. . . Man sieht an diesem traurigen Bilde, das Zschokke entrollt, wie wenig im Grunde sich Rußland seit einem Jahrhundert geändert hat. Hoffen wir, daß mit 1906 endlich Rußlands Mittelalter aufhört.

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