Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 24 (15.6.1906)
- Date
- 1906-06-15
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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gleich wertet und überall das unwandelbar ewig Eine sieht. . . . Er fühlte sich doppelt fromm in dieser Stunde, wenngleich er weit über das Buch auf seinem Tisch hinaus gewachsen war, lächelte beglückt und las dann wieder: „. . . . Die Lebenden wissen doch, daß sie sterben werden, die Toten aber wissen nichts. Sie haben nichts mehr davon, auch ihr Andenken ist erloschen. . . . Und sie haben keinen Anteil mehr an allem, was geschieht unter der Sonne. . . . Geh, iß Dein Brot mit Freuden und trinke mit frohem Herzen Deinen Wein! ..." Weiter kam der Rabbi nicht. Schimmernd flutete das Licht in die Stube, ergoß siclr in reichen Wogen über die alten Blätter, brachte allen Lerchenjubel und alles Kinderlachen mit und strömte mit der goldenen Lebensbotschaft des Predigers in seine Brust. Seine Seele weitete sich, er schloß das Buch, stand auf, trat ans Fenster---und blieb lang?, lange mit weitgeöffneten Augen stehen. . ' Durch die Gasse schritt ein Mädeftetf von wundersamer, ernster Schönheit. Als es den Rabbi von ungefähr erblickte, hielt es wie festgebannt inne," versenkte seinen Blick tief und lang in seine leuchtenden Augensterne, schritt zögernd weiter und stand wieder still, wandte wieder und wieder den Kopf nach dem Fenster, ohne zu erröten, mit jenem ruhigen, sicheren und fast traurigen Liebesblick, der eherne Brücken schlägt von Brust zu Brust, auf denen das ganze Sein zweier Wesen einander entgegenschreitet, stumm und fest, sich in erster, keu^ schester Umarmung zu vereinen. . . Und das Mädchen drüben in der Gasse fühlte, wie der Rabbi, der strahlenden Blicks und mit sonndurchleuchteten Haaren im Fenster lehnte, mit den ausgestreckten, bebenden Händen seine Morgengabe reichte: Das reine Saitenspiel seiner Seele, das er nur in einsamsten Träumen schlug, legte er in ihren Arm. Das schimmernde Prachtgewand seiner Weisheit, das er in hundert Nä'chten gewirkt hatte, breitete er um ihre Schultern. Die tausend Demantsteine seiner Liebe aber, die er auf alle Menschen, auf jede Kreatur und auf jeden Halm verstreut hatte, sammelte er und legte sie, zum herrlichsten Diadem vereint, um die Stirhe des geliebten Weibes. . . . III. Als der Rabbi die Stadt betreten hatte, war ihm ein unheimlicher Geselle gefolgt. Ein dämonischer Mann; groß und hager, mit gierigen Augen und wildem Haan In der geballten Faust barg er ein kleines, blitzendes Messer. Auf seiner Schulter saß ein Rabe. Zu seiner Linken schritt ein Hund mit dürstender Zunge und blutunterlaufenen Augen. Das war der schwarze Tod. Als sich das Stadttor hinter ihm geschlossen hatte, duckte er sich und stahl sich unbemerkt in den Winkel hinter den Brunnen. Dort musterte er lüstern die frühlingsfrohen Menschen und wartete ungeduldig, bis die Mittagssonne brannte. Da reckte er sich in die Höhe und trat in die Mittagsglut hinaus. Wer ihn erblickte, dem saß auch schon sein Messer im Nacken, daß er schreiend zusammenbrach. Wer aber entsetzt floh, dem jagte er seinen Hund nach, daß er ihm die Brust zerfetze und ihn zu seinem Gebieter schleppe. Und an jedem Opfer berauschte er sich zu neuer Mordlust, stürmte durch die Gassen, drang in die Häuser und Kirchen und häufte die Leichen auf den Plätzen, Der Rabe,.ilog #uf, trotte 4mmer : #eue Scharen kreischender Vögel -aus 8.,den/.Wälder# .und hielt mit ihnen gierig Mahlzeit;:- :: . n Und die Überlebenden* die den Mörder nicht sahen, sondern biqß das .Röcheln der Sterbenden hörten, und die glanzlosen, im Todeskrampf erstarrten Augen sahen und die grinsenden bleuen Gesichter, drängten sich in entsetzlicher Angst züsäftimenund erschauerten vor dem Sturmgeläute der Kirchehgiocken. Da stieß ein Sterbender gurgelnd das Wort aus: „Die Juden!" Zehn Menschen "wiederholten, hundert schrieen, tausend brüllten: „Die Juden!" Und schon wälzte sich die Menge zum Ghetto und vergaß die Not über der wahnwitzigen Ekstase. Die Axt am Ghettotore klang den Menschen drinnen wie, Hammerschläge auf Sargnägeln. In Minuten gab es den winselnden Jammer gefolterter Greise, geschändeter Frauen und zerrissener Kinder. Der Rabbi aber sah und hörte nichts von alledem. In überreicher Einsamkeit verträumte er die Stunden. Er war hinäufgehoben über Zeit und Raum und diente dem Mädchenbilde, das er in der Brust trug. Und keine Sehnsucht, die Geliebte wiederzusehn, quälte ihn. Sie war mit ihm und in ihm. Er hatte in jenem Augenblicke alles gegeben und alles empfangen. So konnte die Not der Gasse nicht in seine Stube dringen. Er vernahm es auch nicht, wie plötzlich das wahnsinnige Schreien verstummte, weil mitten in den Menschefikriäuel der schwarze Würger getreten war und / Peiniger wie Gepeinigte mit gleicher Wollust hinraffte.' [ . . : ,-':•.*• vir ., , Er liest im alten Buch von einer "herrlichen- Fräu, der er die Züge seines Mädchens beilegt, von der Wittfrau Ruth, wie sie in keuscher Demut dera 'Lager des Boas naht, die Decke von seinen Füßen hebt und sich hinkauert. Wie der Greis erwacht uud sich über das Weib zu seinen Füßen beugt, wie er es nach seinem Namen fragt und wie Ruth antwortet: „Ich bin Ruth, deine Magd, breite deine Flügel über deine Magd, denn du bist ein Löser...'." Da fliegt die Türe auf und sie stürzt herein, bleich und stumm, mit flatternden Haaren und nackter, blutiger Brust, und sie klammert sich um den Hals des Rabbi und küßt seinen Mund, seufzt .tief auf und wirft den Kopf zurück und spricht kein Wort, blickt ihn mit großen, starren Augen an und atmet schwer und gleitet; langsam, langsam zurück.... Und der Rabbi sieht diese Augen brechen und er fühlt diese Hände erkalten und er sieht den Todesschweiß auf dieser Stirne perlen und sieht, wie sich diese Lippen blau verfärben....; Der eisige Schrecken durchläuft ihn, er will etwas rufen und kann nicht, er will sich an etwas erinnere und kann es. nicht. Dumpf fällt er über die Leiche hin und krallt die Finger in die weißen, kalten Arme. Da reißt ihn jemand in die Höhe und wie er aufschaut, steht der schwarze Tod vor ihm, mit satten . Blicken und mit gespreizten Beinen. > Dem Rabbi fällt es wie Schuppen von den Augen er weiß wieder, daß er Ahasver ist. Wohl hundertmal ist er schon dem schwarzen Tod begegnet. Noch nie aber hat er ihn so winselnd um den Todesstoß gebeten, wie in diesem Augenblick. " Der schwarze Tod weidet sich zuerst an dem stammelnden Flehen, dann aber wendet er sich gruselnd ah,