Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1906-06-15 · 24 (15.6.1906) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
24 (15.6.1906)
Date
1906-06-15
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3316186-3316211--48222-3343141
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

No. 24 DIE-^ ELT 11 Beschäftigung finden dürften, von 5 auf 2, ja bei manchen sogar auf. 1 Francs per Monat reduzieren mußten,, wollten wir nicht ungerecht sein und vor diesen geradezu bedauernswerten Kindern die Tore unserer Anstalt geschlossen halten. Allerdings drängt sich uns nun die heikle Frage auf: Woher denn eigentlich die Mittel zur. Beschaffung der für solche Schüler nötigen Schulbücher etc. nehmen? Und wir würden uns tatsächlich in eine recht unangenehme Lage versetzt sehen, sollten wir uns in unserer Hoffnung, der „Hilfsverein" werde unsere ergebenste Bitte, derartige Ausgaben bestreiten zu wollen, getäuscht haben. :Der große Strom von jüdischen Flüchtlingen aus Rußland hat auch hier eine so ungünstige Verschiebung der Verhältnisse zur Folge gehabt, daß sich eine solche gar nicht voraussehen ließ- Dieser Tatsache ist es auch zuzuschreiben, daß die Häuser in diesem Jahre so rar geworden und der Mietzins so sehr in die Höhe ging, daß. die Aussichten, unsere Schule noch in diesem Sommerseinester eröffnen zu können, sich recht trübe ausnehmen. Dank des energischen Eingreifens des Herrn Direktor E. Cohn, der uns auch hierin in anerkennenswertester Weise mit Rat und Tat an die Hand ging, gelang es/unsern vereinten Bemühungen schließlich, doch noch ein passendes Haus ausfindig zu machen. Es ist nicht weit vom Meeresstrande gelegen, umfaßt drei Klassen, ein Lehrerzimmer, einen Korridor und einen Hof, geeignet als Spiel- und Turnplatz und dürfte so ziemlich allen Anforderungen entsprechen, die in den ersten zwei Jahren an die Schule gestellt werden können. ..____Das allgemeine Vertrauen und der gute Ruf, deren sich unsere beiden Lehrkräfte, Herr Wolkomitz und Herr Halberstädter, erfreuen, sowie der überaus gute Wille, der uns alle beseelt, berechtigen uns zu der Hoffnung, daß unsere junge Anstalt eine Tätigkeit entfalten wird, die der heranwachsenden Jugend und der hiesigen jüdischen Bevölkerung zum Wohle und zum Segen gereichen wird." Der „Hilfsverein" betrachtet es natürlich als eine Pflicht, den Kindern der armen russischen Emigranten unter jeder möglichen Erleichterung seine Institute, Kindergärten, Schulen etc. zu öffnen. Sf O □ FEUILLETON □□□□DO) LEGENDE Von OTTO ABELES (Brünn) Als die Sonne untergegangen war, nahte ein lichtes Wesen, das Abendschweigen. Es schwebte mit weiten Flügelschlägen dahin über Wald und Wiese, schloß mit linden Händen jeden Blumenkelch, sänftigte jede'Vogelkehle und wies jedem ICäfer seine Ruhestatt. Bald schwiegen alle Stimmen. Nur die Birkenwipfel flüsterten einander andächtig von dem keuschen Wunder der ersten Lenzempfängnis zu. Doch das Abendschweigen wußte Rat. Es fing mit hohler Harid das Mondlicht auf und goß es über die Zweige, bis auch das letzte, leiseste Raunen verstummt war. Und als - sich kein Blatt mehr regte, lächelte das Abendschweigen, freute sich seines Werkes, bat die Nachtigall unl ein Schlaflied, senkte die Schwingen und schmiegte sich in das weiche Moos an der Berglehne. •-----—----------- Durch die keimende Nacht schritt Ahasver, der tausendjährige- Büßer. Zwiefache Last drückte die Schultern: der Fluch des Gottes und das überreiche Glück der Frühlingswelt rings um ihn her. Mit leerem Busen und leerem Blick wankte er ziellos hin. Wo immer er hintr.at, wichen die Zweige zurück und wachten erschreckt die Tiere auf. Und ein gleichförmiges, rauhes, häßliches Stöhnen entrang sich seiner Brust und störte die andachtsvolle Stille. Das Abendschweigen fuhr aus seinen Träumen auf. Als es den Dulder erblickte, wurden seine Augen feucht. Es eilte zu ihm, umfing liebend seine Schultern' und küßte das weiße Haar. Ahasver wußte nicht, wie ihm geschah. Seine Lippen bebten, er breitete die Arme, sank in die Knie, küßte die Gräser, sog tief den kühlen Duft der Blumen ein, umarmte die Baumstämme und weinte — weinte. . . Die Wunderkraft des gelösten Schmerzes drang ihm durch die Glieder, zog dichte Schleier über jede Leidensstunde, verdeckte jeden Fluch, den er dem Leben geflucht hatte. Der müde Greis vergaß, wie Kinder vergessen, wenn sie lange weinen. Ein törichter Wunsch stieg in ihm auf, wurde laut und lauter in ihm und verdichtete sich 'zum schluchzenden Gebete: „Laß mich noch einmal jung sein, jung und schön und voll Liebe, wie diese Frühlingsnacht!" Das Abendschweigen erschrak bei diesem Gebete, sah den Dulder mit großen, traurigen Augen an, leitete ihn still zu einer Mulde, über die sich schützende Bäume neigten, und bettete ihn zur Ruhe. Als Ahasver des nächsten Morgens erwachte, war er ein junger, hoher Rabbi. Um seinen Mund spielte das glückliche Lächeln der Jugend. Seine Stirne war die weiße, klare Stirn des Weisen. Die Augen aber waren tief und glänzend und voll suchender Liebe. So schritt er mit der Morgensonne der nächsten Stadt zu und ging durchs Ghettotor in die Judengasse. II. In seiner Kammer am hellen Morgen saß der junge Rabbi und las den Prediger Salomo: „Einer hat wie der andere gleiches Schicksal. Der Gerechte wie der Böse, der Gute und Reine wie der Unreine, der, welcher opfert, wie der, welcher nie opfert, sowohl der Gute, als der Sünder, der, welcher schwört, als'der, welcher den Eid scheuet ..." Der Rabbi hielt inne, blickte auf, nickte vor sich hin und war dem König dankbar für seine Weisheit. Er^ deutete das Wort in seiner Art und freute sich der eigenen Erkenntnis, die alles gleich gut und gleich böse sah. Jene Erkenntnis, die einen wundersamen Frieden bringt, weil sie alles mit gleichen Augen umfängt, weil sie nicht Schuld und nicht Sühne * kennt, nichts erheben und nichts zertreten will, aber auch nicht belohnen kann und nichts bestrafen, da sie alles

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.