Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 24 (15.6.1906)
- Date
- 1906-06-15
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 24 -—- =DIE] Aufsicht des Herrn Lilien mit Schwarz-Weißzeichnungen. Diese Zeichnungen werden dann Herrn Davidof, Lehrer der Teppichweberei, übergeben und dienen als Vorlagen für die Herstellung von Teppichen. Mit der Tepp ich arbeit beschäftigen sich zurzeit in drei Zimmern vierundvierzig Frauen und Mädchen. Da, wie bereits erwähnt, der Raum nicht ausreicht, hat man noch den mit Strohmatten bedeckten Balkon zur Hülfe genommen, wo junge Mädchen sich mit Teppichknüpfen beschäftigen. Professor Schatz hat die Absicht, noch im Laufe dieses Jahres eine große Zahl von Frauen und Mädchen zum Erlernen der Teppicharbeit aufzunehmen — vorausgesetzt, daß es gelingen wird, in nächster Zeit die Raumfrage zu lösen. Die oberste Etage enthält das Museum, in dem sehr wertvolle Kunstwerke, Bücher etc. untergebracht sind. Im gleichen Stockwerke wurde noch Raum geschaffen für das Direktions-, das Lehrerzimmer und eine Stube, wo die Schülerinnen der Teppichabteimng die hebräische Sprache lernen. Über den Nutzen, den das Institut „Bezalel" für Jerusalem und Palästina stiften kann, sind die Meinungen aller, die bisher die Arbeiten des Institutleiters verfolgten, einig. Es erübrigt nur noch zu berichten, wie der Bezalel von den hiesigen Juden aufgenommen wurde und was er bereits in der kurzen Zeit gewirkt hat. Bisher sind über die Jerusalemer Juden meist nur Nachrichten nach Europa gedrungen, die von einem stets von und für die Chaluka lebenden Element zu erzählen wußten. Niemand wird leugnen, daß Müßiggang und Arbeitsscheu, genährt durch die Chaluka, hier bis zu einem unerträglichen Grade ihr Unwesen getrieben haben. Aber die Erfahrungen, die man bei der Eröffnung des „Bezalel" machte, reichen hin, um den Beweis zu liefern, daß es in diesem verdorbenen Milieu nur eines Antriebes von außen bedarf, um die gesunden Kräfte, insbesondere der jungen Generation, zur Betätigung frei zu machen. Wir konnten am 14. Mai sehen, wie 400 Frauen und Mädchen, viele Familienväter und Mütter, das Haus der Bezalelschule umlagerten, um für sich oder ihre Angehörigen die Aufnahme zu erbitten. Da wies eine darauf hin, daß sie hebräisch sprechen könne, eine zweite darauf, daß sie auch sonst schon tagsüber gearbeitet hätte, Dritte und Vierte fanden andere Gründe, durch die sie eine Bevorzugung erhofften; mit einem Wort, man drängte sich im wahrsten Sinne des Wortes zur Arbeit. Leider aber konnten, wie bereits erwähnt, nicht mehr als vierundvierzig Schülerinnen aufgenommen werden, die übrigen zogen schweren Herzens fort und nahmen nur den Trost des Professors Schatz mit, daß im Laufe des Jahres noch viele Aufnahme finden würden. Jedenfalls haben sich einige hundert Arbeitsbewerber vormerken lassen. Sehr viele nehmen übrigens noch an den Abendkursen teil, die die Lehrer in ungemein zweckdienlicher Weise eingerichtet haben. Wir erfahren hier zu unserer großen Freude, daß der „Bezalel", der die besten Bevölkerungsteile Jerusalems um sich zu scharen berufen und in der Lage sein wird, in Europa, insbesondere in Deutschland, wohlwollende Förderer gefunden hat. Unter anderm sind dem Vereine 3 jährliche Schülerstipendien ä 300 Mk. und ein Jahresbeitrag von 1500 Mk. zugegangen. Die Stipendien sind dazu bestimmt,, den begabtesten, aber unbemittelten Schülern Mittel für den Unterhalt zu verschaffen. Als nachahmenswertes Beispiel verdient auch hervorgehoben zu werden, daß nach einem Vortrage des Dr. Podvinec in Kolin sich Herr Bernhard Mandelik zu einem Jahresbeitrag von 180 Francs und die Herren Ignaz Arnstein, Adolf Arnstein und Rom. Heller zusammen gleichfalls zu einem Jahresbeitrag von 180 Francs bereit erklärt haben, die als Stipendien für begabte, aber mittellose Schüler gelten sollen. J. K. £ELT — 9 Ein Kolonist über die Kolonien In einem interessanten Berichte aus Palästina, den wir der neubegründeten jüdischen Wochenschrift „Das jüdische Volk" entnehmen, schreibt H. Smeljansky, der selbst Kolonist ist und die Verhältnisse Palästinas sehr gut kennt, daß dieses Jahr im palästinensischen Leben bemerkenswerte Spuren hinterlassen wird. Es sind neue, frische Kräfte hinzugekommen, die sicherlich neues Leben schaffen werden. Was die frühere Kolonisation anbelangt, so wurden in der letzten Zeit wichtige Reformen durchgeführt. Der langjährige Streit der Kolonisten mit der Administration wegen des Weinkellers in Rischon endete insofern mit einem Erfolge der Kolonisten, als sie den Weinkeller in eigene Regie bekommen haben. Sie gründeten ein Syndikat aus allen Kolonien, das die Sache leiten soll. Gleichzeitig wurden unabhängig davon einzelne kleine Syndikate gegründet, die eigene kleine Kellereien anlegen und Verbindungen mit dem Auslande (z, B. mit Amerika), zwecks Verkaufs ihrer Produkte pflegen sollen. H. Smeljansky meint, daß den kleinen Gesellschaften die Zukunft gehört.. Er glaubt nicht, daß die Kolonisten nach dem verderblichen Einfluß der verflossenen Kolonisationsepoche fähig sein werden, ihre Geschäfte durch eine solch umfangreiche Gesellschaft wie das Zentral-Syndikat zu leiten. Hingegen ist er der Ansicht, daß die Konkurrenz, die naturgemäß unter klei-nen Gesellschaften entsteht, ihren Unternehmungsgeist wecken und insofern als aufrüttelndes Moment wirken wird. Die Weinernte war im verflossenen Jahre eine sehr gute, um 25°/o höher als durchschnittlich. Neben den Weingärten entwickeln sich immer mehr verschiedene Plantagen, besonders solche von Orangen. Die letzten Jahre waren sehr gewinnbringend, weil, dank der schlechten Ernte in Italien, die Preise von 3 Fr. pro Kiste auf 8 Fr. stiegen. Sogar minderwertige Orangengärten gaben 15% Reingewinn, andere bedeutend mehr. Jetzt gibt es in den jüdischen Kolonien ungefähr 4000 Dunam Orangenpflanzungen im Werte von 5 Mill. Frs. Die Orangengärten stellen schon deswegen eine der vorteilhaftesten Anlagen dar, weil sie schon im fünften Jahre Früchte tragen. Man begann auch Mandelbäume zu pflanzen. Diese bringen nur 8°/o Reingewinn, dafür aber ist dieser Gewinn sehr sicher. Jetzt sind bereits ca. 5000 Dunam mit Mandelpflanzungen bestellt. Eine große Zukunft erwartet die Olivenpflanzungen, da die palästinensischen Olivenbäume reiche Früchte tragen, die sehr gutes Öl liefern. Ein Mangel dabei ist aber, daß die Oliven erst sehr spät Früchte bringen. Es wäre sehr ratsam, die Oliven zwischen Getreidefelder zu pflanzen, da die Kolonisten während der Zeit, wo die Bäume heranwachsen, von dem Ertrag an Getreide leben könnten, und die Oliven wären dann in der Zukunft ein sehr guter Zuschuß. Es werden aber vorläufig leider sehr wenig Olivenbäume gepflanzt. In der letzten Zeit hat man gute Versuche mit Industriepflanzen gemacht, wie z.B.Tabak, Baumwolle und aromatischen Gewächsen. Erst vor zwei'Jahren haben Privatleute Tabak zu pflanzen begonnen und haben damit gute Resultate erzielt: Das Produkt, ist zufriedenstellend ausgefallen und kostet verhältnismäßig in der Herstellung nicht viel. Ein Kolonist hat die Ware angekauft und sucht zurzeit dafür einen vorteilhaften Markt. Die Kolonisten beginnen jetzt wieder aromatische Gewächse zu pflanzen, nachdem sie diese früher einmal nach dem mißlungenen Versuch der damaligen Administration einfach ausgerodet hatten. Im vorigen Jahre hat ein Franzose zusammen mit einem Juden eine kleine Parfümfabrik begründet, die gute Geschäfte gemacht hat und die jetzt schon erweitert wird. In der Kolonie Petach-Tikwah ist eine Gesellschaft zur Pflanzung von Baumwolle gegründet worden, und man kann erwarten, daß die Baumwollpflanzungen sich in Palästina bewähren werden.