Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 24 (15.6.1906)
- Date
- 1906-06-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Vor dem Wiener Rathaus steht auch eine Art „Siegesallee". Einige mehr gutgemeinte als künstlerisch ausgeführte Figuren: Babenberger, Führer aus der Zeit der Türkenbelagerung, stehen da in zwei großen Linien, und rechts, dem Rathause zunächst: Sonnenfels, dessen Kopf auch die Arkaden der Wiener Universität ziert. Sonnenfels, ein Kind der Nikolsburger Judengemeinde, war zur Zeit Kaiser Josephs II. eine wichtige Persönlichkeit; auf dem Gebiete des Strafrechtes hat er sich durch Abschaffung der Folter unvergängliche Verdienste erworben. Sein Standbild stand ganz unbemerkt mit den anderen auf einer Brücke über der „Wien". Als nun dieses Flüßchen überwölbt wurde, wanderten die Figuren ruhelos in Wien herum, bis der Magistrat sie schließlich vor dem Rathause aufstellte; nolens volens konnte er Sonnenfels nicht von dieser Ehrung ausschließen. Mußten sich hier die Christlichsozialen, wenn auch widerwillig der Ironie der Geschichte fügen, so haben sie in einem andern Falle bewußt einen getauften Juden geehrt. In der Brigittenau wurde nämlich ein Platz „Mortaraplatz" getauft, nach jenem Judenkinde, das seinen Eltern geraubt wurde und dann von den Jesuiten zu einem großen Lumen der katholischen Kirche erzogen wurde. Habeant sibi! * * * Das neue österreichische Ministerium Beck muß mit der größten Reserve beurteilt werden. Sehr sympathisch ist der neue tschechische Landrnannsminister Dr. Pacak, nicht nur, weil er wegen seiner Überzeugung drei Jahre im Kerker schmachten mußte, sondern auch wegen seiner entschieden freisinnigen Gesinnung, freisinnig in des Wortes ehrlicher Bedeutung. Der neue Minister des Innern v. Bienerth hat als Unterrichtsminister in den Kabinetten Gautsch und Hohenlohe große Objektivität an den Tag gelegt. Die „N. Fr. Pr." hat ihn zwar wegen seines Entgegenkommens den Katholiken gegenüber einen Klerikalen gescholten, aber er hat der jüdischen Konfession in der neuen Volksschulordnung dieselben Zugeständnisse gemacht, wie den anderen. Wir können erwarten, daß er in seinem neuen verantwortungsvollen Amte seinen Prinzipien treu bleiben wird. Der Justizminister, Dr. Klein, hat schon in den vorangehenden Ministerien fleißig den Mantel nach dem jeweiligen Winde gedreht; er wird auch weiter dieser sehr „gesunden" Übung treu bleiben. Der neue Premier Freiherr v. Beck und der Ackerbauminister Graf Auersperg werden wahrscheinlich eine neutrale Haltung beobachten. Aber wir haben auch einen geaichten „Liberalen" im Ministerium: den Unterrichtsminister Prof. Hofrat Marchet Nun, ich glaube nicht fehlzugehen, wenn ich Prof. Marchet nach seiner bisherigen Haltung dahin charakterisiere: Gott beschütze uns vor unsern Freunden, vor unsern Feinden werden wir uns selbst schützen. Auch an letztern ist in dem Ministerium kein Mangel; gehören doch der deutsche Landmannsminister Prade und der Eisenbahnminister v. Derschatta einer Partei an, die programmgemäß das Judentum bekämpft. Derschatta speziell setzte eine „Schonzeit für Juden" fest, solange die Deutschen ihre Kämpfe mit den Slaven nicht ausgetragen haben; dann kann die lustige Jagd wieder beginnen. Wir sind neugierig, wie die beiden letztgenannten Vertreter der „Deutschen Volkspartei" sich mit dem antisemitischen Programmpunkte abfinden werden. Im allgemeinen scheinen beide Programme nicht allzu ernst zu nehmen. Während es einst als Dogma galt, speziell bei der „Deutschen Volkspartei", daß die Deutschen ein objektives Beamtenministerium fordern, sich aber jeder direkten Anteilnahme an der Regierung enthalten müssen, gilt jetzt das Umgekehrte. Auch der polnische Landmannsminister, Graf Dzieduszycki, nimmt den Juden gegenüber eine sehr zweideutige Haltung ein; er trieft von Toleranz und schönen Phrasen, und wenn es dazu kommt, schadet er den Juden nach Möglichkeit. Es heißt also für die Juden, dem Ministerium Beck gegenüber sehr scharfe Wacht halten. AUS PAL ASTINA Von der Kunstgewerbeschule Bezalel in Jerusalem. (Brief aus Jerusalem) Ein schön gemaltes Schild kündigt die offizielle Eröffnung des „Bezalel" an. In der kurzen Zeit ihres Bestehens hat sich die Schule bereits nicht nur das Ansehen und die Achtung der Jerusalemer Judenschaft zu erwerben verstanden (sie ist, ein seltener Fall, bisher sogar von allen sonst üblichen Intriguen und den sogenannten „Chererns" verschont geblieben), sondern sie ist auch für viele Jerusalemer Juden eine soziale Hoffnung und teilweise sogar schon eine ökonomische Hilfe geworden. Das Schulhaus, in dem der „Bezalel" vorläufig untergebracht ist, ist eines der schönsten und stattlichsten Gebäude Jerusalems, zwar in einer Seitenstraße, aber immerhin im Mittelpunkte der Stadt gelegen, so daß Schüler und Schülerinnen es jederzeit leicht erreichen können. Leider aber werden diese günstigen Eigenschaften dadurch eingeschränkt, daß das Gebäude schon heute sich für die Zwecke des „Bezalel" als zu klein erweist, und daß speziell für den Mal- und Zeichenunterricht nicht genügend hell und gut beleuchtete Räume vorhanden sind. Deswegen trägt sich der Leiter des „Bezalel", Prof. Schatz, mit der Absicht, wenn das Institut nur einigermaßen durch seine Leistungen das Vertrauen der westeuropäischen Förderer der Anstalt gerechtfertigt haben wird, ein eigenes Gebäude für den „Bezalel" zu errichten. Das jetzige Gebäude des „Bezalel" besteht aus zwei Etagen und einem Souterrain. Im untern Stockwerke, in dessen Korridor die Riesenstatue „Meschiach" von Glicenstein vorläufig postiert ist, wurden zwei große und fünf kleine Zimmer für die verschiedenen Unterrichtszweige adaptiert. Im ersten Zimmer erhalten neun Schüler, die aus verschiedenen Ländern Europas stammen und die bereits früher Unterricht an Kunstschulen genossen haben, Anweisung im höheren Zeichenunterricht nach lebenden Modellen. Als Modelle fungieren meistens arme Jerusalemer Juden, die dadurch zu einem kleinen Verdienst kommen. Die Erfolge dieser Abteilung, die unter der speziellen Leitung des Professors Schatz steht, sind außerordentlich erfreuliche. Das ist umsomehr mit Genugtuung zu begrüßen, als aus den Schülern dieser Abteilung später das Lehrerpersonal für den „Bezalel" entnommen werden soll. In einem zweiten Zimmer erhalten sechs Jerusalemer Jünglinge, die noch keinerlei Vorunterricht empfangen haben, aber nach der Meinung des Professors Schatz großes Talent besitzen, im Zeichnen nach fertigen Modellen Unterricht. In einem dritten Zimmer werden, gleichfalls unter Leitung des Professors Schatz, drei Schüler, darunter einer aus Jerusalem, in der Bildhauerei unterwiesen. Zurzeit lehrt man sie Plastiken aus Ton formen, die dann in der kleinen im Souterrain befindlichen Gipsgießerei in Gips umgegossen werden. Das Gipsgießen selbst lernen fünf Jerusalemer Jünglinge und einige junge Leute, die es später als Erwerbsquelle benutzen wollen. Eine andere Abteilung ist der iVlalerei in Farben gewidmet. Unter der vorzüglichen Leitung von E. M. Lilien lernt dort eine Reihe von Schülern Blumen, Früchte, Schmetterlinge usw. nach der Natur malen. Einer der älteren Schüler dieser Abteilung, Herr Stark, der ein besonderes Talent bekundet, beschäftigt sich unter der