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Die Welt · 1906-06-15 · 24 (15.6.1906) · page 5

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
24 (15.6.1906)
Date
1906-06-15
Page
– (sequence 5)
Language
German
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No. 24 DIE ^[E LT platten Lande durch Ankauf von Boden durch die Juden, beseitigen würde. . . Wir haben die Ausführungen des K. D.-Führers in so ausgedehnter Form wiedergegeben, da sie einen programmatischen Wert besitzen. Wir wissen nun, wie sich die herrschende Partei in der Duma die Lösung der Judenfrage denkt. . . . Kann es eine andere Lösung geben? Die radikaleren Parteien haben bisher kein eigenes Nationalitätenprogramm aufgestellt. Interterritoriale Autonomie und proportionelle Vertretung — diese zwei Prinzipien könnten als Grundsteine für den künftigen Aufbau des jüdischen Lebens in Rußland gelegt werden. Wir wollen nicht schon jetzt die Erklärungen der K. D. kritisieren. Wir wissen noch nicht, was der nächste Tag bringen wird, ob die Duma den Sieg davontragen wird. Und noch mehr als das, das jüdische Leben — soweit es sich um Rußland handelt — hat noch keine weiteren, breiteren Gesichtspunkte aufgestellt. Wir haben seinerzeit auf das Paradoxale der jüdischen Lage in Rußland hingewiesen, auf die ungeheure Schwierigkeit einer wirklichen Autonomie, der Lebensfähigkeit einer interterritorialen selbständigen Kultur. Die K. D. sind in dieser Hinsicht optimistischer: Sie glauben an unsere nationale Kraft, an unseren nationalen Instinkt. Und wenn die glauben — warum sollen wir zweifeln? Manchmal möchte es scheinen, daß der neue Geist, der das Judentum belebt hat, auch in diejenigen Kreise gedrungen ist, die sonst nur neben dem „Geschäft" noch eine spezielle „Mission" haben, den antisemitischen Blättern als Zielscheibe zu dienen. Es ist auch eine erfreuliche Erscheinung, daß in nichtjüdischen Kreisen nicht diese Spießbürger mosaischer Konfession gelten, sondern die kämpf- und schaffensfrohen Männer des Judentums, die den großen Gedanken der Volkseinheit und der Renaissance des Volkes — wir betonen dieses Wort, das der „Post" so unsympathisch, schier unerträglich ist — in sich aufgenommen haben. Aber hie und da vernimmt man aus den Fettlagern der deutschjüdischen Spießbürger ein Knurren. Mauschel meldet sich zum Wort. Eine solche drollige Erklärung der deutschen Staatsbürger m. K. lasen wir neulich im „Hannoverschen Courier", die wir wortgetreu wiedergeben: „Aus der Synagogengemeinde wird uns geschrieben: Dem am Pfingstmontag hier abgehaltenen Delegierten tag der zionistischen Vereinigung für Deutschland steht sowohl die hiesige Gemeindeverwaltung als fast sämtliche Mitglieder der Gemeinde antipathisch gegenüber. Fossilien Zwar gehören etwa 1 Prozent der hiesigen Gemeindemitglieder und etwa 2 Prozent der hiesigen jüdischen Bevölkerung jener Vereinigung an, doch beteiligen sich jene 10 Gemeindemitglieder (10 von 850) weder an den Versammlungen noch an den Bestrebungen, die sowohl von der Gemeindeverwaltung als von der ganzen Gemeinde mißbilligt werden. Die etwa 100 Mitglieder der hiesigen zionistischen Ortsgruppe sind fast sämtlich Ausländer sehr jugendlichen Alters. Das Repräsentantenkollegium der Synagogengemeinde Hannover hat in öffentlicher Sitzung schon im vorletzten Jahre eine sehr scharfe Resolution gegen eine hier begründete zionistische „Jüdische Turnerschaft" gefaßt und wiederholt zum Ausdruck gebracht, daß die vom Sohne des Landrabbiners (der in anderen Städten Deutschlands Propagandavorträge hält) ausgehende Agitation zu tadeln ist. Als Vorbedingung für die Wahl der Persönlichkeit des neuen Ortsrabbiners dürfte neben einer ersten rednerischen Kraft dessen antizionistisches Programm mit in Betracht kommen." Für uns hat diese Erklärung denselben Wert, wie die des gottseligen Onkels Jekew, von dem man erzählt, daß er einmal über einen Streit mit einem viel stärkeren, jungen und seiner Kraft bewußten Manne berichtete: „Und was hat er gesagt?" fragten ihn die Zuhörer. „Er hat mir ein paar Ohrfeigen versetzt." „Und was hast, du darauf geantwortet?" „Na, ich" — und der kleine Jekew mit dem runden Rücken und krummen Beinen stellte sich in die Positur, — „o, ich hab' ihm meine Meinung gesagt! Ich hab' ihm gesagt, daß ich dagegen protestiere." Wenn die hannoversche Gemeinde gegen den Zionismus protestieren will, — habeat sibi. Nur ist sie etwas zu spät gekommen. Wer da weiß, aus welchen politisch untauglichen, zurückgebliebenen, sattgegessenen Elementen die „israelitischen Synagogengemeinden" bestehen, wird wahrlich sich kein graues Haar wegen des Protestes der Hannoveraner wachsen lassen. Wenn man wissen will, was eine Bewegung nicht sein soll, sehe man sich ihre Gegner an. Und wir sind froh, daß wir ein solches Bild vor uns haben. Was ihre Erklärung über die Wahl des Rabbiners und die daran geknüpften Forderungen betrifft, so können wir nur bemerken, daß nach unserer Meinung dies direkt gegen die jüdische Religion verstößt. Ein Rabbiner, dessen Hauptvorzug darin besteht, daß er Antizionist ist, ist vorn religiösen Standpunkte mehr als anfechtbar. . . . Die Hannoveraner mögen es jedoch mit sich selbst ausmachen, — an solchen Rabbinern wird es nicht mangeln. Glück zu! WIENER BRIEF Von Dr. LEO SOFER Zur Illustration des in Nummer 22 der „Welt" erschienenen Artikels „Epilog zu den Wiener Wahlen" bringe ich einige Zitate aus dem Wiener sozialdemokratischen Partei-Witzblatt „Neue Glühlichter". Der parteimäßige Charakter dieses Blattes wird auch dadurch gekennzeichnet, daß der verantwortliche Redakteur der „Neuen Glühlichter" und der „Arbeiter-Zeitung, Zentralorgan der sozialdemokratischen Partei Österreichs" eine und dieselbe Person ist (Kralik). Die „Neuen Glühlichter" feiern nun den Sieg der Sozialdemokraten in der letzten Mainummer in folgender überaus würdiger Weise. Die letzte Seite des Blattes ist mit lauter „jüdischen" Karrikaturen gröbsten Kalibers versehen. Einem Juden hängt ein großer Stimmzettel auf den Namen Bielohlawek (antisemitischer Kandidat für den 1. Bezirk) aus der Tasche heraus. Darunter stehen die witzigen Worte: „Man soll nicht sagen, jach bin ein Philosemit." Eine andere Karrikatur hält einen Stimmzettel für Preyer (antisemitischer Kandidat für den II. Bezirk) in der Hand, daranter die Worte: „Gott, wie man sich täuschen kann, soll an er glauben, daß jach wähl christlich." Auf einem anderen „Bilde" umarmen sich Lueger und Kohn, darunter die Worte: „Wir bleiben die Alten." Noch liebevoller sind diese Worte unter einer entsprechenden Zeichnung: „Wie kann jach for die sozialdemokratischen Arbeiterkandidaten stimmen; seh jach aus, als ob jach schon gearbeitet hätte?" Und in dieser Tonart geht es in der ganzen Nummer weiter! Besonders gelungen scheint Herrn Kralik folgender Witz vorgekommen zu sein, der beweist, wie die sozialdemokratische Parteileitung den Wiener Proletarier erzieht: „Aaron: Nu, für wen hast du gestimmt, for den'Liberalen, oder for den Antisemiten? Isaak: For beide! Zuerst bin ich gegangen stimmen for den Liberalen, und dann for den Antisemiten. Dann soll mir aner Parteilichkeit vorwerfen." Dieser sittliche Tiefstand und diese perfide Verlogenheit, die aus solchen „Witzen" spricht, sind der Dank der Parteileitung an ihre jüdischen Genossen. Und diese lassen sich diese Gemeinheiten ruhig bieten. Doch genug von diesem ekelerregenden Schauspiel. 2*

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