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Die Welt · 1906-06-15 · 24 (15.6.1906) · page 4

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
24 (15.6.1906)
Date
1906-06-15
Page
– (sequence 4)
Language
German
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DIE^g ELT No. 24 den Sohn des Staatsanwalts ermordete, wurde vom tunesischen Gerichte mit drei Monaten Kerkerhaft bestraft; dagegen 60 Juden, die sich ihrer Haut wehrten und gegen die sie angreifenden Soldaten sich verteidigten, wurden zu einer Kerkerstrafe von 6 Monaten bis 2 Jahren verurteilt!. Wenn es in Tunis, unter dem Protektorate Frankreichs, so steht, was sollen die marokkanischen Juden vom selbständigen Scheriff von Maghreb erhoffen? In Europa ist die Kultur und das Wachsen der sozialen Bewegung doch ein Hemmschuh für die wuchernde Entwicklung des Antisemitismus, des brutalen Rassenhasses, — in Afrika fehlen auch diese Voraussetzungen. Man muß nur die Zähigkeit bewundern, mit der die Juden der berberischen Länder ihre Lage ertragen, ja noch den Mut finden, — wie es der Rabbiner von Tetuan unlängst getan hat, — ihre Not mit dem Mantel der Zufriedenheit zu maskieren. . „Land und die vier Freiheiten" Die K.-D.und die Judenfrage. das waren die Losungsworte, das imperative Mandat, mit denen die russischen Wähler ihre Vertreter in die Duma schickten. In der Adresse der Duma sind alle Forderungen zu Worte gekommen — wenn auch manches verschwiegen würde. So wurde das Prinzip der Gleichberechtigung aller Bürger proklamiert, das Prinzip der Autonomie nicht. Vielleicht war es taktisch geboten, diese Forderung nicht aufzustellen, vielleicht waren andere Gründe parteipolitischer Natur maßgebend. Jedenfalls hat sich die Duma bisher nicht ausgesprochen, wie sie die Nationalitätsfrage zu lösen wünsche. In dem schweren Konflikte, der zwischen der Volksvertretung und dem unverantwortlichen, gewissenlosen und unfähigen Ministerium Goremykins, das, trotz aller Beleidigungen, trotz des täglich und 'stündlich ihm entgegengeschleuderten Mißtrauens- und Verachtungsvotums noch am Ruder ist und die Geschicke Rußlands nach Plehwe- Witte-Durnowoscher Art leiten will, war die Agrarfrage der erste und schwierigste Punkt des Programms. Denn hier galt es nicht bloß eine Reform der Bürgerrechte durchzuführen, sondern eine wirtschaftliche Reform von höchster Bedeutung. Und darum mußten alle übrigen Fragen zurückgestellt werden. Hier, an dieser Frage, muß es sich zeigen, wer den Sieg endgiltig davontragen wird — das Volk oder die Bureaukratie. Für die Juden hat die Agrarfrage in Rußland eine untergeordnete Bedeutung, da ihre Interessensphären von der umstrittenen Reform nicht direkt tangiert werden. Die Hebung des Bauernstandes kann der großen Masse der Juden — dem Mittelstande — bloß nutzen. Ob dadurch die jüdische Großbourgeoisie, die für ihre kapitalistischen Unternehmungen, besonders aber die auf den Verbrauch des Auslandes berechneten, an der Verminderung der billigen, ausbeutungsfähigen Kraft, leiden wird — ist für das jüdische Volk irrelevant. Eine andere Frage ist es nun, wie die eventuelle günstige Lösung der Agrarfrage die Emanzipation der Juden beeinflussen wird. Wir nehmen den günstigen Fall — denn, falls es zu einem entscheidenden Konflikt zwischen der Duma und der Regierung kommt und die Duma auseinander gejagt wird, ist ein ungeheurer Brand, ein Kampf vorauszusehen, wie ihn noch kein Land je gesehen hat. Aber werden nicht die Bauern, sobald sie die Agrarreform durchgeführt haben werden, sich beruhigen und die Judenfrage nicht ohne weiteres so lösen, wie es alle freiheitlichen Elemente in Rußland wünschen und erwarten? Wenn die politische Prognose nicht gänzlich täuscht, so dürften die Bauern, die teilweise mit den K. D., teilweise mit der noch radikaleren „Arbeitsgruppe", deren Vertreter die Bauern Anikin und Aladjin sind, durch dick und dünn gehen, auch in der Judenfrage mit ihnen solidarisch sein. Aber wie sehen die K. D. selbst die Judenfrage an? Wohlverstanden — nicht von der Judenfrage im westeuropäischen Sinne des Wortes ist hier die Rede, denn es ist selbstverständlich, daß die konstitutionell-demokratische Partei, an deren Spitze auch Juden stehen, nicht für die Sanktionierung der jetzigen rechtlichen oder eigentlich rechtlosen Lage der Juden zu haben sein wird. Aber wie malt sich in ihren Köpfen die künftige Gestaltung der Lage der jüdischen Bevölkerung Rußlands aus? Eine Antwort, wenn auch nur eine teilweise, finden wir in einem bedeutsamen Artikel des Dumaabgeordneten von Odessa, Prof. Schtschepkin, der einer der hervorragendsten Wortführer der k.-d.-Partei ist. Prof. Schtschepkin wird wahrscheinlich schon kraft des Umstandes, daß er in Odessa beinahe ein imperatives Mandat bekommen hat, für die Judenrechte einzutreten (über den Wahlkanipf in Odessa habenwir seinerzeit berichtet), der Vertreter der]udischen Interessen unter den nicht-jüdischen Abgeordneten sein. Ein Artikel: „Sind wir Nationalisten?", der im Parteiorgane der K. D., in der „Rjetsch" erschienen ist, kann deshalb als der Ausdruck der Ansichten der Partei über die Nationalitätenfrage betrachtet werden. „Die Partei der Volksfreiheit", sagt er (d. h. die k.-d.-Partei) „wird von den rechtsstehenden Gegnern die Partei der Fremdvölkerfreiheit genannt. In diesem Vorwurf liegt ein schmeichelhafter Kern von Wahrheit. Von allen politischen Parteien Rußlands haben nur die Konstitutionell-Demokraten das Vertrauen aller nichtrussischen Völker, die in Rußland wohnen, zu gewinnen vermocht. Die Partei der K. D. kommt allen Bestrebungen der andern Nationalitäten entgegen und verpflichtet sich, ihnen das Recht auf ihre national-kulturelle Selbstbestimmung zu erringen und zu sichern. . . . Die ersten Worte des Programms der K. D. sind das Bekenntnis zum Prinzip der Gleichberechtigung. Die Forderung, daß alle Bürger vor dem Gesetze gleich seien, führt naturgemäß zur weitern Folgerung, zur Unterschiedslosigkeit der Konfession und Nationalität. Also nicht das Recht auf die Nationalität als Selbstwert zieht nach sich die Gleichheit vor dem Gesetze, sondern im Gegenteil — die Gleichberechtigung, als abstraktes, menschliches Prinzip, läßt jeden nationalen^ Unterschied vor dem Gesetz verschwinden . . . Aus der Forderung der Freiheit der Person folgt auch das Recht auf die eigene Sprache, Religion, auf die soziale Eigenart. Die Partei der K. D. hat noch eine selbständige Tendenz, die gleichzeitig zur Hebung der nationalen Unabhängigkeit und Wahrung der nationalen Eigenart führt. Das ist das Prinzip der Dezentralisation. Die K. D. sind für die Entwicklung der Selbstverwaltung auf der breitesten Grundlage bis zur zukünftigen Autonomie der einzelnen Gebiete. Nur jenen Völkern, die über, verschiedene Gebiete zerstreut sind, kann die Idee der territorialen Autonomie auch in der Zukunft wenig nützen. Aber diesen Völkern können die Juden mit ihrem Experimente, innerhalb des Verbandes für Gleichberechtigung eine interterritoriale Einigung in Rußland, mit einem eigenen Zentralorgan zur Leitung und Führung seiner kulturellen Selbstbestimmung, als Muster dienen. In dieser Hinsicht kommt das Programm der K. D. der Organisierung einer interterritorialen Autonomie durch seine Forderung der Freiheit der Verbände am weitesten entgegen. Jede Völkerschaft, die kein bestimmtes Territorium ausschließlich bewohnt, wie z.B. die Juden, die Tataren, kann in der Zukunft eine proportionelle Vertretung in den örtlichen Selbstverwaltungskörperschaften und in allen Wahlkörpern überhaupt erstreben. Aber bereits jetzt würden sie kraft des Verbandsgesetzes die Möglichkeit bekommen, einen nationalen Verband zu bilden, der sich über ganz Rußland erstrecken würde mit einenr Zentralorgan an der Spitze, dem alle Fragen der nationalen Selbstbestimmung zugeteilt wären. . . '." Ferner entwickelt Professor Schtschepkin in ziemlich breit angelegten Ausführungen die Anschauungen der K. D. über die Nationalitäten im allgemeinen — die nur koordiniert, nicht in hierarchischer Ordnung zusammenleben müßten — und über die Juden im besondern, wobei er der Ansicht ist, die Agrarreform werde auch den Juden zugute kommen, indem sie ihre industrielle und kommerzielle Stellung innerhalb Rußlands stärken und das Gespenst des Zionismus (!) in. Rußland, d. h. die Ansiedlung von Juden -auf dem

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