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Die Welt · 1906-06-15 · 24 (15.6.1906) · page 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
24 (15.6.1906)
Date
1906-06-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Ho. U DIE ELT arbeiten sind, wobei sie aber scheinbar am liebsten die Arbeiten sozusagen entmaterialisieren, vom Boden und den Menschen loslösen möchten). Damit hört aber die Einheitlichkeit auf, und man sieht das Schauspiel quot capita — tot sensus. Einer der Hauptredner des linken Frügels reduziert in einer langen mit Herzl und Vambery belegten Rede die politischen Aussichten des Zionismus auf. Null, protestiert gegen den Chowewe-Zionismus und schließt mit der Aufforderung, an dem politischen (eben für aussichtslos erklärten!)■ Charakter der Bewegung festzuhalten. Ein anderer erklärt es für eia&- ~määaib& Taktik, ^das Land, das man erwerben wolle, selbst besser und damit schwerer erschwinglich zu machen, und fährt im selben Atem fort, daß der Herrscher der Türkei beim ersten Versuch der Juden, Boden unter den Füßen zu gewinnen, einschreiten werde, sagt weiter, daß wir zu belangreichen Unternehmungen kein Geld hätten und prophezeit den unvermeidlichen Zusammenbruch aller Tätigkeiten in Palästina, während er einen Augenblick vorher vor deren Gedeihen als einem Manko bei politischen Verhandlungen gewarnt hat. Ein Dritter ist ganz pessimistisch in Hinsicht auf die politischen Aussichten, da uns der geniale Führer fehlt und wir keine Milliarden.haben und empfiehlt — nationale Volkserziehung, eben dasselbe, wogegen gerade die Vertreter der politischen Zionisten auf das heftigste als gegen „Ideologien", angekämpft haben, als diese Forderung, freilich im Konnex mit den politischen und ökonomischen Forderungen, von der ehemaligen „demokratischen Fraktion" aufgestellt wurde .... Nicht ein einziger Redner hat, während das Schlagwort vom „politischen Charakter" der Bewegung hin- und herschwirrte, deutlich erklärt, was ihm als politischer Weg vorschwebt. Und wir hätten doch gerade von den sich selbst „Politische" nennenden erwarten müssen, daß sie ein System bieten, kein Schlagwort. Diese Hoffnung hat sich nicht erfüllt. Ich glaube, aus dem Grunde, weil schließlich die „Politischen" kein anderes politisches System liefern können, als es in den letzten Kongreßbeschlüssen zum Ausdruck kam. Sie sind heute weit genug, die Solidarität mit der „Ito" von sich zu weisen, und ein Uganda-Projekt existiert nicht. Wozu also lassen sie sich noch immer von einer Ideenfolge verwirren, die dem ugandistischen oder itoistischen System zugrunde lag, und zu deren höherem Ruhm die politischen Chancen des Zionismus diskreditieren, seine Energien entkräften, den Willen für direkte Palästinaarbeit brechen mußte? Mit dieser Frage werden die extremen Vertreter der „politischen" Gruppe fertig werden müssen — und daß dies bald geschehe, dazu hat der zehnte Delegiertentag viel beigetragen. Niemand wird behaupten, daß dieser Delegiertentag zu einer „Einigkeit" geführt hätte. Im höheren Sinne allerdings war er ein Zeichen der Einigkeit. Die persönlichen Beziehungen, die zwischen den Vertretern verschiedener Anschauungen bestehen, die selbstverständliche Voraussetzung, daß sich die differenzierten Anschauungen innerhalb eines, des Baseler Programmes, bewegen, der allseitige Wille zum Einander-Verstehen- Lernen, die Übereinstimmung in allen organisatorischen und taktischen Fragen, waren Elemente einer gesunden, lebendigen Einigkeit. Aber die vollkommene ideelle Einheit, nicht nur die des Zieles, auch die der Wegrichtung, ist noch nicht da. Sie soll auch nicht erzwungen werden, sie muß erkämpft, errungen werden im Streit der Geister, in den Kämpfen, die jeder selbst in seinem zionistischen Gewissen austrägt. So mag der zehnte Delegiertentag in seiner ernsten und würdigen Form nicht als Bringer des Sieges für die einen, der Niederlage für die andern betrachtet werden, sondern als ein ehrlicher Mittler der Anschauungen, als Förderer zionistischer Erkenntnis, zionistischen Wollens. F. ooooo — POLITISCHE REVUE Unter französischem Protektorat Als seinerzeit die jüdischen philanthropischen Politiker während des Marokko-Rummels einander überboten, um aller Welt zu danken, daß der amerikanische Vertreter zum Schluß der Algeciras- Konferenz en passant einige Worte über die Lage der marokkanischen Juden fallen ließ,- haben wir demgegenüber auf die verwunderliche Übertreibung und mangelhafte Abschätzung der richtigen Lage seitens der jüdischen hohen Politiker hingewiesen. Wir haben gesagt, daß, wenn es auch gelänge, Marokko zu „tunisieren", wie der stehende Ausdruck lautet, d. h. unter französische Protektion zu bringen, die Lage der Juden kaum wesentlich gebessert werden dürfte. Ein Bericht aus Tunis, den wir in der tunesischen Zeitung: „Le Courier de Tunisie" finden, zeigt, was die orientalischen Juden auch unter der französischen Protektion zu erdulden haben und in welcher Rechtlosigkeit sie leben.- In Tunis gibt es ein Judenviertel, „Hara" genannt. Die Araber und die Soldaten des Beys, die eingeborenen „Tirailleurs", machen oft Exkursionen in daö Judenviertel, die gewöhnlich mit Plünderung und Malträtierung der Juden enden. Die Regierung d(es Beys hat nichts dagegen, die französische Polizei drückt ein Auge zu. Aber in den letzten Tagen hat sich das Verhältnis zwischen den Eingeborenen und den „ungläubigen" Juden gefährlich zugespitzt. Einige Soldaten drangen in das Judenviertei, gingen in ein jüdisches Wirtshaus, betranken sich und wollten natürlich nicht bezahlen. Es entstand ein Auflauf, wobei ein Soldat sein Bajonett zog und einen Juden durchbohren wollte. Ein junger Jude, der daneben stand, schlug ihm noch rechtzeitig die Waffe aus der Hand und verwundete ihn. Daraufhin griffen die übrigen Soldaten und die übrigen „rechtgläubigen" Araber die Juden an und wollten sie massakrieren. Der französischen Polizei gelang es jedoch, sie zurückzudrängen, worauf sich die Soldaten unter Androhung einer fürchterlichen Rache zurückzogen. Die Juden baten den Gouverneur um Schutz, und er gewährte ihn auch, — aber die Soldaten, die das Judenviertel schützen sollten, waren gerade diejenigen, die an der Schlägerei teilgenommen haben. Man kann sich . nun denken, wie sie die Ordnung wiederhergestellt haben, — ganz nach russischem Muster. Die Araber drangen in das Judenviertel ein, plünderten, mißhandelten die Juden, und viele Juden sind schwer verwundet. Es kam so weit, daß ein Araber auf offener Straße den Sohn des französischen Staatsanwalts in Tunis M. Bourgeon erdolchte, da er ihn für einen Juden hielt. Die französische Polizei sah sich doch gezwungen, einzugreifen und wenigstens äußerlich die Ruhe wiederherzustellen. Aber die tunesische Justiz ist ganz wie die russische. Der Araber, der „irrtümlicherweise" 9

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