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Die Welt · 1906-06-15 · 24 (15.6.1906) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
24 (15.6.1906)
Date
1906-06-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Die Gründe, warum sie es taten, lassen sich heute eher zurückkonstruieren, als beweiskräftig feststellen. Ist doch so leicht niemand in der Lage, mit zwingenden Belegen darzutun, warum in erster Linie die zionistischen Führer für die Kommission eintraten. Die Hauptmotive wurden ja klar genannt, aber schon sie sind in ihren psychologischen und materiellen Elementen weit auseinanderliegend, ja einander widersprechend. Die Entsendung der Kommission wurde begründet mit der Notwendigkeit einer Notstandsunternehmung, mit dem Werte einer zionistischen Erziehungsstation, mit der Verpflichtung diplomatischer Höflichkeit England gegenüber, mit der vorläufigen Aussichtslosigkeit politischer Schritte in der Türkei, mit der politisch-diplomatischen Wirkung, die das Vorhandensein anderer Chancen für die Juden auf die Türkei ausüben könne, und mit anderem mehr. #'Es wurde also einmal die wirkliche Besiedlung Ostafrikas, ein andermal nur ein diplomatisches^ Ausnutzen des Angebotes ins Auge gefaßt, von den anderen kontrastierenden Auffassungen abgesehen. Die Mehrheit der deutschen Zionisten machte sich die verschiedenen auf dem Kongresse dargebotenen Begründungen zu eigen. Die weitere Entwicklung der Dinge führte, je mehr man überzeugt wurde, daß das Ostafrika-Projekt praktisch nicht zur Ausführung gelangen werde, dazu, daß in dem in der deutsch-zionistischen Presse und in den Versammlungen geführten lebhaften Streite des „Nein" gegen das „Ja" sich allmählich die, die wirklich nur geleitet von politischen Erwägungen für die Kommission gestimmt hatten, den sogenannten „Zione-Zion" näherten, die sich indessen in Deutschland gut organisiert hatten. Damit wurde der Kampf den Extremen beider Seiten zugewiesen. Was immer man über den Schaden denken mag, den der Bruderzwist brachte, er hatte doch den nicht hoch genug einzuschätzenden Vorteil im Gefolge, daß die Diskussion sich in ganz kurzer Zeit, was in Jahren nicht gelungen war, den bedeutendsten prinzipiellen Fragen zuwendete und daß von beiden Seiten in alle, auch die verborgenen Gänge des Zionismus hineingeleuchtet wurde. Damit wuchs natürlich die Anteilnahme der Anhängerschaft, die sich für die einen oder die anderen entschied ... Es schien für eine Zeit, als aus Wien gemeldet wurde, daß die Kommission mit vorwiegend negativen Ergebnissen zurückgekehrt sei, daß ein Ausgleich gefunden werden könnte. Tatsächlich einigten sich die zionistische Leitung für Deutschland und die Zione-Zion auf eine Friedensresolution. Aber die extremen Ugandisten verweigerten die Gefolgschaft. Sie wollten auf dem bevorstehenden 7. Kongresse für Ostafrika, d. h. wenn das Projekt undurchführbar wäre, für das Prinzip einer außerpalästinensichen Kolonisation eintreten. Und das taten sie auch, allerdings ohne selbst als Opposition sonderlich zur Geltung kommen zu können. Daran war nicht sowohl die große, geschlossene Majorität, der sie gegenüber standen, schuld, als vielmehr die Tatsache, daß sie an die ausgesprochen territorialistischen Gruppen keinen Anschluß suchen wollten und den Anschluß an das kleine, aber bunt zusammengewürfelte Element der „politischen Zionisten" Rußlands, das sie irrtümlich für geistesverwandt gehalten hatten, schnell aufgaben. Klein an Zahl und isoliert mußten sie sich mit einem Proteste gegen die Kongreßbeschlusse begnügen, den sie in der Form einbrachten, daß sie sich vorbehielten, gegen sie zu agitieren ... Das Entstehen der „Ito" und der hochgehende Wogenschlag nach dem . Kongreß-steigerten noch den Kampf der Geister um ein Bedeutendes. Die Gegner der Kongreßbeschlüsse vereinigten sich unter d-em Namen „Politische Zionisten", auf das „Politische" einen besonderen Wert legend, indem sie damit andeuteten, daß nach ihrer Meinung die Anhänger der Kongreßbeschlüsse, vor allem die „Zione-Zion", den wirklich politischen Boden verlassen hätten. Abermals durch mehrere Monate bis zur gegenseitigen Erschöpfung ein Wortkampf in der Presse und in Versammlungen — bis wieder ein Friede zustande kam auf der Basis, daß die Gruppe der „Politischen" bis zum nächsten Kongreß in Agitation und Propaganda das Ankämpfen gegen die Kongreßbeschlüsse vermeiden wolle . . . Aber unter der Asche glimmte es weiter. Und der zehnte Delegiertentag war wiederum der Schauplatz der prinzipiellen Meinungskämpfe der beiden Parteien „Zione-Zion" und „Politische Zionisten", die sich in ihrem Machtverhältnis (diesmal hatten die „Zione-Zion" ungefähr ein Fünftel mehr Stimmen) beinahe die Wage halten. * * * Die Anschauungen, die die geschlossen auftretende Gruppe der Zione-Zion auf dem Delegiertentage vertrat, sind ja bekannt. Sie halten sich an die Beschlüsse des 7. Kongresses und verdienen darum eigentlich keine Sonderbezeichnung. Ihre Hauptthese ist, daß der Zionismus als politische Bewegung in Palästina Vorarbeiten schaffen muß, die die Erreichung politischer Berechtigungen erleichtern und die Nutzbarmachung eventuell errungener politischer Rechte nur ermöglichen sollen. Innerhalb dieser programmatischen Anschauungen sind kulturelle, ökonomische und andere Sonderansichten zweifellos vorhanden, sie werden aber durch den einigenden Rahmen des Hauptprogrammes zusammengehalten. Viel schwerer aber ist es, die Grundanschauungen der „politischen Zionisten" kurz und mit unbedingter Garantie für die Richtigkeit darzulegen, selbst wenn man sich ernstlich bemüht, alle Gegnerschaft auszuschalten und volle Objektivität gelten zu lassen. Es schien mir nach den Verhandlungen des Delegiertentages, als hätten sie einen rechten Flügel, der mit ihnen nur noch lose und der Form nach (und zwar seit den Zeiten der ersten Ugandadebatten) verbunden ist. Das sind diejenigen, die noch aus dem oft von gegnerischer Seite erhobenen Vorwurf heraus, die „Zione-Zion" seien „Kleinkolonisatoren" ohne politische Aspirationen, ein Mißtrauen gegen Arbeiten in Palästina haben, ohne sonst prinzipiell dagegen zu sein. Wenn ich nicht irre, hat der deutsche Delegiertentag dazu beigetragen, dieses Mißtrauen zu verringern, insofern er es nicht ganz behoben hat. Über das prinzipielle System der beiden anderen Gruppen der „politischen Zionisten" Klarheit zu erlangen, ist mir aber beim besten Willen nicht gelungen. Es scheint mir keine irrige Annahme zu sein, daß ihrem System einzelne Voraussetzungen aus verschiedenen Theorien zugrunde liegen, aus der des „Charterismus", „Ugandismus" und zuguterletzt des „Jtoismus", die oft zu einander in lebhaftem Widerspruch stehen. Anders wenigstens glaube ich mir es nicht erklären zu können, daß oft der Nachsatz ihrer Folgerungen den Vordersatz aufhebt. Was sie alle einigt, ist ein Negatives: sie sind gegen jede Arbeit in Palästina (soweit es nicht Studien- oder „Vor"-

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