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Die Welt · 1906-06-15 · 24 (15.6.1906) · page 1

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
24 (15.6.1906)
Date
1906-06-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
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DIEMELT KÖLN AM RHEIN, UBIERRING 23^^ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG X. JAHRG. KÖLN, 15. Juni 1906 p-|ir6 iWrt ]PD Vd No. 24. NACHWORT ZUM ZEHNTEN DELEGIERTENTAG DER DEUTSCHEN ZIONISTEN Es ist seltsam, daß dem Zionismus in Deutschland seit Moses Heß kein Theoretiker erstanden ist. Seltsam, weil gerade das große Vorbild, das Heß darbot, zu einem Atisbau und zu einer Vertiefung seines Systems locken konnte, seltsam auch darum, weil die deutschen Zionisten in einem Lande leben, wo die Theorie im Anfang der Dinge steht, und die Juden für gewöhnlich von der allgemeinen Geistesrichtung der sie umgebenden Völker stark beeinflußt zu wrerden pflegen. Es würde zu weit führen, wollten wir untersuchen, warum es in-Deutschland — mit Ausnahme vielleicht einiger Palästina-Fachmänner — an Theoretikern mangelt. Tatsache ist, daß die bedeutendsten Parolen des Zionismus nach Deutschland getragen, nicht von Deutschland ausgegeben werden. Seitdem sich die deutschen Zionisten nach einer kurzen Gegenwehr des zunächst und besonders in Berlin vorherrschenden Chowewe-Zionismus — übrigens eine interessante historische Reminiszenz — dem von Theodor Herzl inaugurierten politischen Zionismus angeschlossen haben, wurde bei ihnen das „iurare in verba magistri" nicht nur als Parteitugend gepflegt, sondern galt sozusagen als Doktrin. Die deutschen Zionisten waren jahrelang wortgläubige Vertreter des abstrakten politisch-diplomatischen Zionismus, wie er imHerzlschen „Judenstaat" niedergelegt war. Das war ihre Theorie, an der sie festhielten, unbekümmert darum, daß allmählich das zionistische Leben und die zionistischen Menschen in anderen Ländern neue Probleme, neue Streitfragen, neueTheorien in den Zionismus hineingetragen hatten. Praktisch aber entwickelte sich ihre Organisation zum diszipliniertesten Element. Es fiel ihnen nicht bei, an den Entscheidungen des Kongresses zu mäkeln, sie zu kritisieren, irgendwie Fronde zu machen. Deswegen waren auch ihre Delegiertentage noch bis in die neueste Zeit hinein (bis 1904) ihrem Gesamtcharakter nach „Ordnungs"-Konferenzen, die sich mit der bestmöglichen Gestaltung der Organisations- und Propagandaverhältnisse befaßten und von keinerlei inneren, oder um beim Worte zu bleiben, theoretischen Fragen beschwert waren. Allerdings war vereinzelt schon die Kritik in Deutschland zu Worte gekommen. Die Fragen der Fraktionsbildung waren aufgetaucht, das kulturelle Problem wurde von einer kleinen Gemeinde aufgerollt, Proteste gegen eine einseitig-diplomatische Behandlung der zionistischen Frage, gegen eine Agitationsmethode, die sich stark das philanthropische Moment zunutze machte, gegen ein zu forciertes Hervorkehren des Deutsch-Staatsbürgerlichen, Deutsch-Kulturellen und ein Zurückdrängen des Rein-Nationalen, suchten sich immer lauter und energischer Gehör zu schaffen. Aber die deutsche Organisation wehrte alle ihre gedankliche Einheit störenden Einflüsse ab. Man mag es jetzt Kurzsichtigkeit, Ungerechtigkeit, dogmatischen Konservativismus nennen, man mag viele Schäden von heute auf die tauben Ohren von gestern zurückführen, — jedenfalls muß man fesstellen, daß bis vor etwa drei Jahren die Stärke der deutschen, zionistischen Organisation in der Geschlossenheit lag, mit der sie jede Kritik — und die damalige Kritik erscheint uns heute unendlich zahm — im Keime erstickte und die an Zahl unbeträchtlichen Minderheiten niederdrückte. Die Kritischen betrachtete man, bezeichnete sie auch als „Nörgler", „Ideologen", man sagte und tat noch mehr — aber das ist heute nebensächlich. Denn seither hat sich alles gewandelt, und niemand wird heute vielleicht manche vormalige Versündigung gegen das Recht auf freie Kritik als Lebensprinzip einer Bewegung mehr bedauern, als die, die sich dieser Sünden einmal im besten Glauben schuldig machten. * * * Seitdem der Ostafrikaplan aufgetaucht ist, ist der einst so* dogmatisch-unbewegliche deutsche Zionismus erfüllt von „Kritik" und — wenn man will —von Theorie, die auf- und niederwirbeln. Und es ist merkwürdig genug, daß gerade die unentwegtesten „Antikritiker" von früher vor nichts Halt machen, keine letzten Folgerungen zurückdrängen, selbst wenn die Grundfesten des zionistischen Gedankenbaues zu zittern beginnen. . . Als das Ostafrika-Projekt vor dem sechsten Kongreß stand, hat bei weitem die Mehrheit der deutschen Delegierten der Entsendung der Kommission zugestimmt.

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