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Die Welt · 1906-06-08 · 23 (8.6.1906) · page 15

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
23 (8.6.1906)
Date
1906-06-08
Page
– (sequence 15)
Language
German
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No. 23 DIEEMELT 15 bescheidener gewesen, obwohl für dieselben wiederholt Propaganda gemacht worden ist. Das Ausland, insbesondere Holland, hat mehrmals größere Posten bezogen. Die Einnahmen hieraus betrugen 30 Mk. In dem Bestreben, immer neue Quellen für den Nationalfonds ausfindig zu machen, ist vor einiger Zeit der Vorschlag der Selbstbesteuerung gemacht worden; es haben sich auch in Deutschland, besonders in Berlin, Zehnergruppen, Minjanim, gebildet, die wohl einige Monate ganz gut gearbeitet, aber dann sich aus Mangel an Interesse wieder aufgelöst haben. Dagegen hat sich in Österreich diese Einrichtung recht zufriedenstellend entwickelt Es ist daher dringend zu wünschen, daß auch bei uns diese Institution wieder auflebe. Wir geben uns der Hoffnung hin, daß wir im nächsten Jahre über weitere Erfolge des Jüdischen Nationalfonds zu berichten haben werden, so daß wir in absehbarer Zeit das große Ziel, das wir für denselben erstreben, erreichen können. Die Nationalfonds-Verwaltung für Deutschland. Max Wollsteiner, Berlin NW. 23, Holsteiner Ufer 10. (Fortsetzung folgt.) 3l □ □ 7. ^REVUE DER PRESSE Vom Antisemitismus, seinem Rückgange und seinen Gegnern Unter diesem Titel brachte vor kurzem das Zentrumsblatt, die „Kölnische Volkszeitung" folgenden interessanten Artikel: Von den beiden großen antisemitischen Blättern, die Deutschland noch bis vor kurzem besaß, ist das eine — die Staatsbürgerzeitung — christlichsozial geworden, und das andere — die Dresdener Deutsche Wacht — hat Konkurs gemacht. Dieser ganze antisemitische Zeitungsstil scheint also der großen Mehrheit des deutschen Volkes nicht zu behagen, sonst würde nicht der „Pieitegeier" die antisemitischen Blätter beim Kragen nehmen. Die Antisemiten haben, wenn sie von Zeit zu Zeit auftreten, immer ein großes Publikum, aber bei ihrem erregten, maßlosen Wesen vermögen sie es nicht dauernd zu fesseln. Man kann ebensowenig fortwährend für teutonische Rassereinheit schwärmen, wie unausgesetzt Sekt trinken. Dazu kommt noch, daß keine andere Partei sich so mit den alldeutschen Bestrebungen verquickt hat wie die Antisemiten, und zur Stärkung ihres geistigen Gleichgewichtes hat das gerade nicht beigetragen. „Antisemitisch" plus „alldeutsch" — das gibt zuviel der Begeisterung und der holden Raserei, es ist gerade, wie wenn sich zu einem poetischen Rausch auch noch ein alkoholischer gesellt. Ich leugne gar nicht, daß der alldeutsche Gedanke auf den ersten Blick manches für sich hat; aber wie aus der Übertreibung der segensreichen Sparsamkeit der häßliche Geiz entsteht, so geht es auch mit dem „Überpatriotismus". Man denke sich, wir „germanisierten" fort und fort mit dem größten Erfolg und eroberten auch alljährlich neue Länder, so daß zuletzt in ganz Europa nur deutsch gesprochen würde. Der Weltkultur nützte das sicherlich nicht, und man könnte es sogar nicht einmal mehr „schön" finden. Um wieder auf die antisemitische Presse zurückzukommen, so möchte ich noch hervorheben, daß die vereinigten Antisemiten mehr Wähler und Reichstagsabgeordnete aufzuweisen haben, als die Freisinnige Vereinigung, und trotzdem sind ihre beiden größten Blätter ihnen unter den Händen verschwunden, während die geehrten Wadelstrümpfler eine große Zahl gutdotierter und vielgelesener Blätter ihr eigen nennen. Bloß in ihren eigenen Kreisen können sie diese Leser nicht haben, sonst würden sie bei den Wahlen besser abschneiden. Daraus geht mit zwingender Logik hervor, daß ihre Blätter auch von Leuten aus anderen Parteien viel beachtet werden, und dieser Umstand; beweist wieder, daß die von der Freisinnigen Vereinigung wenigstens das Zeitungsgeschäft verstehen. Eine kleine Lehre möchte ich meinerseits noch den Antisemiten zu geben mir erlauben. Die Antisemiten und Alldeutschen „entrüsten" sich in ihren Blättern fortwährend über irgend etwas, bald über irgend einen ausländischen Staat, bald über die Regierung, bald über die Juden, bald über das Zentrum oder dergleichen. Das ist nicht klug, wenn man es auch nicht gerade so zu machen braucht, wie der Zeitungskönig Scherl, der in seinen Blättern immer die Sonne und nur die Sonne scheinen läßt. Hin und wieder sind ja auch „erquickend wie Gewitter goldne Rücksichtslosigkeiten", aber alle Tage will der Leser auch nicht auf den Tisch schlagen; manchmal will er auch vergnügt sein und lachen. Für die ganze alldeutsch-antisemitische Presse ist aber ihr, steifleinener Ernst und ihr grimmiges Wesen kennzeichnend; sie ist vollkommen „witzlos". Man hat oft den Eindruck, diese Leute hielten den Frohsinn für etwas Entwürdigendes und die Satire für stumpfsinnig. Dieser humorfeindliche Ernst ist aber von jeher mit aller Schwarmgeisterei eng verbunden gewesen. Von der Heiligkeit ihres Prophetenberufes überzeugt, waren Jan van Leyden und Thomas Münzer ebensolche Fanatiker, wie wir sie jetzt hin nnd wieder im Flotten- und Ostmarken verein oder im Alldeutschen Verband finden. Das politische Leben der Reichshauptstadt stand in den achtziger Jahren ganz und gar unter dem Zeichen des Kampfes zwischen den Antisemiten und den Freisinnigen. Als dann Stöcker in Ungnade fiel und die Regierung aufhörte, die antisemitische Partei zu unterstützen, ging dieselbe rasch den Krebsgang. Darauf hofften die Freisinnigen, Oberwasser zu gewinnen, allein es ging ihnen nicht besser, als den Antisemiten; auch ihre Bewegung vollzog sich im Zeichen des Krebses, und der lachende Dritte war die sozialdemokratische Partei. Sie hat den Antisemitismus fast ganz niedergerungen und drängt auch die Freisinnigen von Jahr zu Jahr weiter zurück. Die Stadtverordnetenwahlen geben davon einen vollgültigen Beweis, und bei der nächsten Reichstagswahl mag die freisinnige Partei sich vorsehen, wenn sie überhaupt noch ein Mandat behalten will. Die Antisemiten werden wohl kaum jemals wieder zu Kräften kommen. Aus der Stadtverordnetenversammlung sind sie ganz verdrängt, und bei den parlamentarischen Wahlen zählen sie nicht mehr mit. Nur in einem Teile der akademischen Jugend finden sie noch Boden, aber ein Rückgang macht sich auch hier bemerkbar. Früher waren unter dem Einfluß Treitschkes und anderer Männer noch die meisten Studenten antisemitisch gesinnt, jetzt wenden sich aber schon viele der neuen „roten" Sonne zu, und es wird harter Arbeit bedürfen, diesen Strom zurückzudämmen. Von einer „Reaktion" sehen wir nichts, denn daß die kulturkämpferische „Bewegung" gegen die katholischen Studentenverbindungen geeignet sei, der Sozialdemokratie ein Paroli zu bieten, glaubt nicht einmal der ^stärkste Mann".

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