Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 23 (8.6.1906)
- Date
- 1906-06-08
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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No. 23 DIEIqKELT 11 jüdischer Waisenkinder. Uns sollten die Fehler» die bei der Unterbringung der Kischinewer Waisenkinder gemacht wurden, bedenklich machen. Es ist ein pädagogischer Nonsens und eine finanzielle Verschwendung, eine Erziehungsanstalt zu gründen für eine einzige zufällig sich bietende Generation von Kindern. Eine sich nicht immerfort neuregenerierende, sondern durch das Heranwachsen und Herauswachsen der Kinder innerlich vom ersten Tage an absterbende Anstalt ist unmöglich. Wollen wir eine solche Anstalt gründen, muß sie eine dauernde Institution darstellen. Dann aber sind außerordentlich große Fonds nötig, die wir in absehbarer Zeit kaum schaffen können. — Dann bekämpft der Redner die Auslassungen der der Falästinaarbeit feindlichen Richtung. National-kulturelle Arbeit allein ist unmöglich. Die Schulen sind finanziell von nichtnationalen philanthropischen Gesellschaften abhängig und können nur gehoben werden, wenn sie finanziell unabhängig werden durch Initiative zwecks Schaffung solcher kulturellen Fonds, die in unserem Sinne kulturelle Verwendung finden könnten. — Diejenigen, die gegen praktische Palästinaarbeit sinaV arbeiten gegen ihre eigenen Prinzipien. Chowewe-zionistische Einwanderung und Arbeit erfolgt ohne unser Zutun in Palästina von selbst. An uns liegt es, durch Kontrolle und organisatorisches Eingreifen diese Arbeit aus einer chowewe-zionistischen zu einer politisch-zionistischen Charakters zu machen. Wer das nicht tut oder dieses verhindert, der trägt allein die Verantwortung für verkehrte, verhängnisvolle Palästinaarbeit. Nicht blos von draußen, sondern auch aus dem Innern Palästinas heraus, aus unseren Kolonien, kommt der heiße Ruf nach helfendem, sanierendem Eingreifen durch den Zionismus. Wer dieser unsäglichen verzweiflungsvollen Sehnsucht nicht Rechnung trägt, lädt auch die Verantwortung auf sich, wenn kostbares jüdisches Menschenmaterial das Land verläßt. Nicht Palästina trägt die Schuld an dieser Misere, sondern diejenigen, die die wirtschaftliche Erschließungsarbeit in Palästina hindern. (Beifall). Dr. Sandler, Breslau, bittet die anwesenden Ärzte am Nachmittag zu einer Besprechung zusammen zu treten, um über praktische Maßnahmen zur Ausrottung der Malaria in Jerusalem zu beraten. Die Aufgabe sei technisch nicht so schwer und nicht so kostspielig wie in anderen Malariaherden. Ferner bittet Redner, für eine weitere Verbreitung der Zeitschrift „Altneuland" unter den deutschen Zionisten Sorge zu tragen, und empfiehlt, auch die Esra-Zweigvereine für die Zeitschrift zu interessieren. Dr. Soskin, Berlin: Gestern wurde von Prof. Warburg hier erklärt, daß die Leitung der Bewegung nichts in Palästina unternimmt, was von dem Kongresse nicht beschlossen wurde, aber die persönlichen Ansichten der Kommission sind, daß die Kolonisation und die jetzige Strömung nach Palästina zu begrüßen ist. Man muß sich doch darüber klar sein, daß das Vorarbeiten und Versuchen zur Kolonisation führen muß. Die „Politischen" müßten, wenn sie gegen eine Kolonisation sind, auch die Palästinakommission abschaffen. Das wäre die richtige Konsequenz. Wir verhehlen uns nicht die Schwierigkeiten der Arbeit, wir wollen aber trotzdem die realen Unterlagen einer geregelten Besiedlung schaffen. Was eine ungeregelte, planlose Kolonisation Palästinas betrifft, so sind wir immer dagegen aufgetreten. Eine Gründung von Kolonien haben wir nie gebilligt, ja sogar, als vor 2*2 Jahren an die Palästinakommission vom Aktionskomitee die Anfrage erging, in welcher Weise eine Kolonie für die Kischinewer Juden zu schaffen wäre, ewiderte sie, daß wir gegen die Gründung von Kolonien sind. Diese müßten aus sich selbst heraus, als Folge unserer planmäßigen Vorarbeiten, aufkommen. Auch jetzt hat das russische A. C. im Hinblick auf die größere Einwanderung nach Palästina gewarnt vor Überstürzung. Die wirtschaftlichen Möglichkeiten für Neuankömmlinge sind in einem halbkultivierten Lande gering, und eine Katastrophe, die Abwanderung der zugezogenen Elemente, müßte eintreten. Herr Estermann wies darauf hin,.daß die andern Völker schon längstens die guten wirtschaftlichen Bedingungen Palästinas ausgenutzt haben würden, wenn dort eine Kapitalanlage lohnend wäre. Ich bemerke hierauf, daß die anderen Völker bessere Anlagemöglichkeiten in anderen Ländern haben, wir aber müssen unsere Arbeit auf Palästina konzentrieren, wenn auch die Schwierigkeiten groß sind. Ein Hauptmoment, welcher für Palästina spricht, ist u. a. auch, daß es nur 15°/o der Bevölkerung hat, welche es fassen könnte. Darum müssen wir uns dort möglichst bald eine wirtschaftliche und numerische Majorität schaffen und zur Festigung unserer Stellung in Palästina sofort in den Wettbewerb mit den anderen Nationen treten. (Lebh. Beifall.) Es gelangen nunmehr, nachdem noch einige Redner kurz gesprochen, die eingelaufenen Anträge zur Abstimmung. Ein Antrag, wonach eine Palästinaabgabe durch die Ortsgruppen eingehoben werden sollte zur Aufbringung und bis zum Höchstbetrage der vom Kongresse für die Palästinakommission bewilligten 15000 Mk., wurde abgelehnt. Zur Annahme gelangte mit 40 gegen 25 Stimmen folgender Antrag: Der Delegiertentag beschließt die Einführung eines Palästinabeitrages für die Mitglieder der „Zionistischen Vereinigung von Deutschland" von mindestens 1 Mk., ferner wurde mit 34 gegen 17 Stimmen nachstehende, von Julius Simon, Mannheim, eingebrachte Resolution angenommen: „Der Delegiertentag begrüßt den Vorschlag Dr.Moses', Mannheim, betreffend die Gründung eines Palästinavereins." Sodann gelangt ein Antrag Zlocisti, Berlin, zur Abstimmung, lautend: „Der Delegiertentag der deutschen Zionisten sieht in jeder Begünstigung der Zuwanderung nach Palästina durch das A.C. eine Gefahr für die politische Arbeit für Palästina und lehnt die moralische Verantwortung gegenüber der Zuwanderung ab." Dieser Antrag, für den namentliche Abstimmung verlangt und ohne Widerspruch angenommen wird, wird unter großer Erregung, die die zweideutige Fassung des Antrages zur Ursache hat, mit 40 gegen 33 Stimmen abgelehnt. Die Ablehnung wird mit großem Beifall aufgenommen. Schluß der 3. Sitzung. Schlußsitzung Um 3 Uhr nachmittags wird die Schlußsitzung vom Präsidenten Dr. Bodenheimer mit folgender Erklärung eingeleitet: Es ist von manchem angenommen worden, daß in dem Antrage Zlocisti unterstellt sei, daß, indem die Antragsteller jede Verantwortung für eine Begünstigung der Auswanderung># nach Palästina durch das A.C. abfehnen, damit implicite eine Übernahme der Verantwortung auf Seiten derjenigen liege, die gegen diesen Antrag stimmten, weil sie ihn überhaupt für unangebracht hielten. Ich bitte zu Protokoll zu nehmen, daß nach der Ansicht des Bureaus auch nicht die geringste Veranlassung zu einer solchen Auffassung vorliegt, es ist vielmehr selbstverständlich, daß jeder gegen den Antrag stimmen konnte, ohne die Verantwortung der Begünstigung der Emigration nach Palästina zu übernehmen. Angenommen wurde schließlich ein Antrag des Kartells zionistischer Verbindungen, lautend: „Da sich das Kartell zionistischer Verbindungen sowie die in ihm vereinigten Verbindungen gemäß Kartellbeschluß als Glieder der zionistischen Organisation betrachten, möge der Delegiertentag in Anregung bringen, daß die zionistischen Ortsgruppen das Kartell zionistischer Verbindungen in der Propagierung des Zionismus unter der Jugend unterstützen. Es mögen insbesondere die Ortsgruppen veranlaßt werden, die Abiturienten zum Anschluß an die zionistischen Verbindungen zu bewegen." Hierauf wurden die Debatten geschlossen und die Wahlen vorgenommen. Zum Vorsitzenden wurde unter großem Beifall Rechtsanwalt Dr. Bodenheim er per Akklamation wiedergewählt. Ins Zentralbureau wurden fast einstimmig gewählt die Herren Dr. Hantke, Dr.Leszynski undWollsteiner, ins Zentralkomitee die Herren: Dr. Adler, Dr. Elias, Dr. Friedemann, Dr. Gronemann, Dr. Halpern, Dr. Hantke, Dr. Kalmus, Dr. Kaufmann, Dr. Klee, Dr. Kollenscher, Hugo Schachtel und Julius Simon. Dr. Bodenheimer hielt hierauf ein kurzes Resümee über den Delegiertentag, worin er u. a. sagte: „Wir sind, das ist sicher, uns alle darin einig, daß unsere Bewegung eine politische ist. Die Frage des Territorialismus ist aus der zionistischen Bewegung Deutschlands völlig ausgeschaltet. Und solange die „Ito" in Hinsicht auf ihre Pläne und Absichten nichts Klares darstellt, liegt für uns keine Veranlassung vor, zu ihr irgendwie Stellung zu nehmen. Ich hoffe, daß nach diesem Delegiertentage, auf dem sich die Meinungen geklärt haben, der Friede und die Einheit in unserer Bewegung wieder hergestellt sind." (Lebhafter Beifall.) Mit Dankesworten des Herrn Gustav Schwabe an die Vorsitzenden, die vom Delegiertentag lebhaft akklamiert wurden, und mit einer Sympathiekundgebung für den Präsidenten des A.-C, Herrn David Wolffsohn, schloß der zehnte Delegiertentag. Zum Delegierten tag war eine große Zahl von Beglückwünschungsschreiben und Telegrammen von Einzelpersonen und Organisationen eingegangen, darunter eines vom Präsidenten des A.-C. David Wolffsohn, worin er ausführte, daß das Aktionskomitee unentwegt an dem politischen Charakter der Bewegung festhalte, dabei aber die unbedingt nötigen Vorarbeiten für Palästina stets im Auge behalte. Das Schreiben wurde mit lebhaftem Beifall aufgenommen und mit einem Begrüßungstelegramm erwidert. Auch an die Wittwe Theodor Herzls schickte der Delegiertentag auf Anregung Dr. Friedemanns ein in herzlichen Worten abgefaßtes Telegramm.