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Die Welt · 1906-06-08 · 23 (8.6.1906) · page 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
23 (8.6.1906)
Date
1906-06-08
Page
– (sequence 10)
Language
German
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10 DIE^ELT No. 23 auch jetzt verhindern noch die traurigen Zustände in Rußland eine energische Agitation zugunsten der Bibliothek. Der Ausbau des kleinen, von Prof. Schatz im Zusammenhang mit dem „Bezalel" begründeten, Museums wird wohl geringere Schwierigkeiten machen; jedoch muß sich erst die Schule des „Bezalel" als lebensfähig erweisen, bevor man das Sammeln von Geldern und Kunstgegenständen für das Museum in stärkerem Maße betreiben kann. Alle diese Bestrebungen erfordern aber Mittel, die wir Zionisten aus unseren laufenden Einnahmen nicht zu bestreiten vermögen. Selbst wenn ein obligatorischer Palästinaschekel eingeführt werden sollte, so würde er niemals genügen können, um die Nationalbibliothek, das Museum, die Schulen beträchtlich zu unterstützen. Wir halten daher die Begründung eines Palästina-Kulturfonds für eine ebenso wichtige Aufgabe wie die Schaffung eines Agrarfonds. Eine kleine, schon jetzt ausführbare und vermutlich nur geringe Mittel beanspruchende Aufgabe möchte ich ganz speziell den deutschen Zionisten ans Herz legen, das ist die Bekämpfung der Malaria in Jerusalem. Bekanntlich gibt es keinerlei Sümpfe bei Jerusalem, und die Malaria hat fast ausschließlich ihre Brutstätten in den Zisternen der Stadt, die Schlupfwinkel und Brutpiätze der Malariamücke darstellen. Es sollte doch nicht schwer sein, unter Leitung eines geeignet vorzubildenden Arztes in Jerusalem eine Organisation zu schaffen, welche die Überwachung, Desinfizierung und Ausräucherung der Zisternen sich zur Aufgabe stellt in der Art der englischen Mosquitobrigaden, die in Westafrika und Port Said so außerordentlich günstig gewirkt haben. Ich möchte vorschlagen, daß die zahlreichen Ärzte, die hier versammelt sind, die Sache in die Hand nehmen und zum Studium und zur Durchführung dieser für Jerusalem eminent wichtigen Angelegenheit eine Kommission bilden, wrelche von der deutschen Landeszentrale mit den zur Vorarbeit nötigen Geldmitteln versehen werden könnte. Was die Schaffung des Agrar- und Kulturfonds betrifft, so ist meine Ansicht die, daß die Bank jährlich eine gewisse Summe aus ihrem Gewinn für den Agrarfonds zurücklegen sollte, und daß anderseits die Aktionäre ersucht werden sollen, ihre Coupons hauptsächlich diesem Fonds zur Verfügung zu stellen. Für die Speisung des Kulturfonds hingegen sollte jede Ortsgruppe in jedem Jahre eine Festlichkeit veranstalten, und zwar, da es sich um Aufgaben handelt, an denen auch Nichtzionisten sich gerne beteiligen werden, in einer Form, welche die Nichtzionisten nicht verletzt. Gerade die Veranstaltungen der Propagandakommission in Berlin in diesem Winter haben gezeigt, daß dieses unschwer möglich ist. Würde man hiermit gleichzeitig einen Verkauf von Palästinaprodukten und Kunstgegenständen des „Bezalel" verbinden, so würde man einen dreifachen Zweck damit erreichen: unauffällige Agitation für die zionistische Bewegung, Speisung des Kulturfonds und Unterstützung der wirtschaftlichen Bestrebungen in Palästina. Was die hier gleichfalls zur Diskussion stehende Einführung eines Palästinaschekels betrifft, so bin ich natürlich ein Anhänger desselben. Die Abgabe muß aber für jeden Zionisten eine Steuer sein, kein Geschenk; jeder Zionist soll dadurch das Bewußtsein gewinnen, daß es seine Pflicht ist, auch für Palästina sein Scherfiein beizutragen. Daher wäre ich auch, wenn es sich durchführen läßt, für eine obligatorische Steuer; lieber würde ich einen kleineren, vielleicht von den einzelnen Ortsgruppen festzusetzenden Minimalbetrag sehen als die Degradierung zu einer bloßen Gabe. Was den Palästinaverein betrifft, so können wir die Gründung desselben natürlich nur begrüßen; einen Ersatz für die Palästinasteuer bietet er aber nicht. Nur wenn letztere abgelehnt werden würde, wäre er ein notdürftiges Surrogat. Hingegen glaube ich, daß ein solcher Verein neben der Palästinasteuer durchaus seine Berechtigung hat; hier würden sich alle diejenigen unter den Zionisten zusammenfinden, die den Drang nach Arbeitsbetätigung in Palästina besitzen, und binnen kurzem werden sie einen Kreis von Aufgäben sich geschaffen haben, deren Lösung sehr viel zur Entwicklung des Landes beizutragen vermag. Mit Recht wird hervorgehoben, daß dem Verein auch Nichtzionisten beitreten werden, und man kann hoffen, daß er bei tätiger Arbeit sich mit der Zeit zu einer fruchtbaren Ergänzung des 'bekanntlich nur auf die Landwirtschaft beschränkten Vereins „Esra" auswachsen wird. Die Verbindung mit der Palästinakommission wird natürlich eine engere sein, ich würde es aber für verkehrt halten, wenn der Verein .es als seine Hauptaufgabe betrachtete, die Palästinakommission materiell zu unterstützen. Will unsere Organisation eine leistungsfähige Palästinakommission haben, so muß sie schon selbst die nötigen Geldquellen dafür ausfindig machen, und der einfachste und gradeste Weg scheint mir der Palästina-Schekel zu sein. Nun noch zum Schluß einige Worte über die Palästinakommission selbst. Sie sieht bekanntlich ihre Hauptaufgaben 1. in der wissenschaftlich-wirtschaftlichen Erforschung Palästinas (literarische Studien, Versuche und Expeditionen), 2. in der Verbreitung dieser Kenntnisse durch Schrift und Wort (Korrespondenz, „Altneuland", Ferienkurse), 3. Vorarbeiten und Anregung zu wirtschaftlichen und kulturellen Unternehmungen (Palästina - Handelsgesellschaft, landwirtschaftliche Versuchsstation, Ölbaumspende, Bezalel, Pflanzungsverein Palästina, Industrie - Syndikat für Palästina), 4. bildet die Palästinakommission den Beirat des Aktionskomitees in wirtschaftlichen Palästinafragen, und 5. die vorläufige Verwaltungsstelle der Ländereien desNationalfonds. Vorläufig sage ich deshalb, weil selbstverständlich bei zunehmender wirtschaftlicher Aufschließung Palästinas auch dorthin die Zentrale für ""die Verwaltung der Ländereien des Nationalfonds kommen muß. Die Palästinakommission in Europa hat dann in dieser Frage nur noch den Beruf, die Forderungen der palästinensischen Kommission der Zentrale gegenüber zu vertreten resp. letztere in ihrem Verkehr mit den Palästinensern zu beraten. Schon jetzt ist es durch Übersiedelung einiger Aktionskomiteemitglieder nach Palästina möglich geworden, einige der von hier aus schwer zu führenden Verwaltungen des Aktionskomitees palästinensischen Kommissionen anzuvertrauen. Die meisten aufgeführten Aufgaben werden aber der Palästinakommission noch lange verbleiben müssen, da wir leider keinen Grund haben, hoffen zu können, daß Palästina sich für uns zu einem Zentrum wissenschaftlicher Bestrebungen und zu einem kapitalkräftigen Land schon bald entwickeln wird. Aber der Weg dahin ist offen, es wird von unserer Energie abhängen, wann wir unsere Palästinaarbeit hier werden schließen und die weitere Entwicklung dem Lande unserer Väter selbst werden überlassen können. Möge jeder Zionist durch Unterstützung der Palästinaarbeit sein Scherflein dazu beitragen, daß dieser Zeitpunkt nicht allzufern liegt. (Langanhaltender Beifall.) Dr. Jeremias, Posen, stellt fest, daß auch die „politischen Zionisten" immer für Palästinaarbeit in den Grenzen der politischen Ziele eingetreten seien. Die immer wiederkehrenden Verdächtigungen, als seien wir gegen jegliche Palästinaarbeit, sei Brunnenvergiftung. (Rüge des Präsidenten). Nur für wissenschaftliche Vorarbeiten und für national-kulturelle Bestrebungen im Lande sind wir zu haben; alles, was darüber hinausgeht, mag von besonderen Organisationen ausgehen, gehört aber nicht in den Bereich der zionistischen Organisation. Wie bedenklich alle kolonisatorische Tätigkeit selbst seitens eines Staates mit diplomatischen und militärischen Machtmitteln, in der Türkei ist, dafür zitiert Redner mehrere Absätze aus einem Artikel des Professors Warburg über die Kolönialarbeit Deutschlands in Kleinasien. Der Bericht des Herrn Pineles-Galatz vor der Jahreskonferenz 1904 beweise, daß selbst Besitzkonfiskation in der Türkei nicht zu den Unmöglichkeiten gehöre. Trotzdem hält ein anderes Mitglied der Palästinakommission, Herr Dr. Oppenheimer. diejenige für schwere Schädlinge, die der Kleinkolonisation als Mittel zum Zweck widerstreben. Wir werden, solange uns die Mitarbeit nicht vollends verleidet ist, weiter bemüht sein, diese Auffassung zu „schädigen". Ester mann, Hamburg: Die Beruhigung, die nach der gestrigen Erklärung des Herrn Professor Warburg eingetreten, ist nach seinem heutigen Vortrage in das Gegenteil verwandelt worden. Gestern hieß es, keine andere Arbeit, als eine solche, die lediglich auf Erforschung des Landes gerichtet ist; heute dagegen sagte er schon, daß Land mit den Mitteln des Nationalfonds gekauft werden müsse, wenn Gefahr besteht, daß ein Konkurrent uns zuvorkommen könnte. Was Herr Professor Warburg als das Ziel der nächsten Arbeit hinstellte, ist nichts anderes als die präzionistische Kleinkolonisation, die wir aus den bekannten Gründen ablehnen. Die Einwanderung der sogenannten Pioniere ist geeignet, unsere Bewegung zu schädigen, denn unter gegenwärtigen Verhältnissen wird es nicht möglich sein, für die Einwanderer Arbeit zu schaffen. Es wird somit nötig werden, sie nach einiger Zeit nach Amerika oder anderswohin zu schaffen, was Enttäuschung hervorrufen muß. Schachtel-Breslau konstatiert aus den Worten Estermanns und seiner Freunde ein Fallenlassen Palästinas und Suchen nach neuen Ländern. „Landsucher" aber gehören nicht auf einen zionistischen Delegiertentag. Er vertritt den Antrag der Ortsgruppe München, das A. C. möge bald das Nötige zur Hinübernahme und Erziehung russischer Waisenkinder nach Palästina veranlassen. Vielleicht sind auch der Hilfsverein und Dr. Salvendi- Dürckheim für diese Angelegenheit zu interessieren. Dr. Israel Auerbach wendet sich gegen den Vorschlag Schachtel und den Antrag der Münchener Ortsgruppe auf Errichtung eines national-jüdischen Waisenhauses für die Unterbringung russisch-

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