Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 23 (8.6.1906)
- Date
- 1906-06-08
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3316186-3316210--48197-3343115- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
No.23 DIE] der Verein „Esra" für zwei Jahre einen Zuschuß von je 5000 Mk. bewilligt. Vermutlich wird auch schon im kommenden Jahre der erste Ölbaumhain des Nationalfonds gepflanzt werden, wahrscheinlich auf einem dem Nationalfonds von Herrn Goldberg in Wilna geschenkten Terrain bei der jüdischen Kolonie Chedera. Zum Schluß sei noch der Bestrebungen gedacht, die, auf Privatinitiative außerhalb Palästinas wohnender Gesinnungsgenossen basierend, der . palästinensischen Landwirtschaft zugute kommen. Nur in Kürze seien die jetzt vielfach auftauchenden Pläne erwähnt, durch Siedelungsgenossenschaften oder wenigstens durch korporativen Zusammenschluß größerer Gruppen Auswanderungslustiger die nötigen Geldmittel zu beschaffen, um Land in Palästina anzukaufen, es sukzessive zu bepflanzen und so allmählich die Möglichkeit zu erlangen, selbst nach Palästina überzusiedeln. Diese dem Prinzip nach sehr gesunde und in der von der Gesellschaft Menucha Wenachla begründeten Kolonie Rechoboth mit Erfolg durchgeführte Kolonisationsmethode krankt nur noch daran, daß infolge der geringen Mittel der Kontribuenten die Teilraten gewöhnlich so klein sind, daß die Zeitdauer bis zur Ermöglichung der Übersiedelung eine enorm lange wird, so daß die Kontribuenten in der Wartezeit vielfach erlahmen und sich zurückziehen, indem sie ihre eingeschossenen Beiträge verfallen lassen. Mehr darf man sich wohl von dem jetzt in Gründung begriffenen Pflanzungsverein „Palästina" versprechen, der zwar nicht die Möglichkeit eigener Übersiedelung schaffen will, aber doch durch die Masse der Kontribuierenden, einer großen Zahl Landarbeiter die Möglichkeit der Seßhaftmachung bietet. Die Idee ist die, daß jeder Jude in der Welt — den alten Traditionen entsprechend — ein Stückchen Land, und zwar möglichst einen Fruchtgarten, in Palästina sein eigen nennen sollte; als Einheit ist ein Dunam Land (ca. 1 n ha, etwas über Va Morgen) gedacht. Jedes Mitglied des Vereins hat die für Landkauf und Bepflanzung mit Fruchtbäumen nötigen 80 Mk. zu erlegen; kann es die Summe ■licht auf einmal zahlen, so steht es ihm frei, es ratenweise zu tun, wobei es nach Zahlung der zum Landkauf nötigen Summe von JO Mk. außerordentliches Vereinsmitglied wird, ordentliches hingegen erst nach Zahlung der weiteren 60 Mk. Sein Besitztitel wird durch Eintragung in das Liegenschaftsbuch des Vereins sowie durch Ausstellung eines Diploms bestätigt; auch erhält es, soweit i-rnten erzielt werden, jährlich eine kleine Palästinagabe in Gestalt von Landesprodukten (Mandeln, Rosinen, Oliven, Wein, Orangen, Konserven etc.) gewissermaßen als. Pachtschilling. Es hat auch das Recht, seinen Fruchtgarten einzäunen zu lassen, auch können nach seinem Tode seine Erben gegen Erlegung einer Steuer in diesen Besitz eintreten. Nach unserer Rechnung genügen 25 Mitglieder des Vereins zur Seßhaftmachung einer palästinensischen Arbeiterfamilie, 50 Mitglieder können sogar schon einer Familie die Übersiedelung nach Palästina ermöglichen; 10000 Mitglieder würden also 200 Familien, das sind 1000 Personen, die Möglichkeit gewähren, in Palästina zu leben. Der Verein wirkt also in dreifacher Weise: erstens trägt er bei zur Nationalisierung des palästinensischen Bodens, und darin liegt der Wert desselben für den Zionismus; zweitens bietet er armen Volksgenossen die Möglichkeit der Existenz, und drittens, und das ist gewiß nicht zu unterschätzen, wird er ein neues Band bilden zwischen den Juden in der Diaspora und in Palästina. Es sollte daher die Pflicht eines jeden Juden sein, diesem Verein beizutreten und für ihn zu wirken. Endlich sei auch noch der Plantagengesellschaften in Palästina gedacht. Die Genossenschaft Izhar zeigt uns, mit wie wenig Mitteln sich eine wertvolle Plantage in Palästina begründen läßt, falls die richtige Leitung vorhanden ist und man von vornherein über die zur Durchführung nötigen Geldmittel verfügt. Ohne großen Optimismus darf man sich von einer Orangenpflanzung 12—20 °/o Dividende versprechen. Genau so, wie die europäischen Völker in ihren Kolonien Pflanzungsgesellschaften gründen, indem sie Patriotismus mit Hoffnung auf guten Gewinn verbinden, so sollten auch wir Juden unserer Anhänglichkeit zu Palästina dadurch Ausdruck verleihen, daß wir dort in gut fundierten Plantagen- Unternehmungen Geld investieren. War früher die Schwierigkeit der Aufsicht ein gewaltiges Hindernis, so ist jetzi infolge der leichten Zugänglichkeit des Landes und vermöge der vielen Vertrauensmänner, die wir in Palästina haben, in unseren landwirtschaftlichen Fachmännern, in den Bankfilialen etc., das Risiko gerade für landwirtschaftliche Unternehmungen ein recht geringes. Wir sollten nicht nur Araber und Griechen die schönen Gewinne der Orangengärten einheimsen lassen, sondern auch selbst daran teilnehmen. Die Gründung solcher Plantagenunternehmungen halte PLT- 9 ich für eine der wichtigsten Aufgaben praktischer Palästinaarbeit, wenn auch natürlich nicht des Zionismus. Was die industrielle Entwicklung Palästinas betrifft, so ist bekanntlich in bezug hierauf Palästina ein fast noch jungfräuliches Terrain; daß sich gute Erfolge erzielen lassen, zeigen Beispiele der neuesten Zeit. Es gibt vielerlei erfolgversprechende Industrien, selbst wenn man von den von Dr. Hoppe so scharf bekämpften Bierbrauereien und Brennereien absieht. Es sei nur an Konservefabriken, Ziegeleien, Zement-, Seifen-, Gries- und Makkaroni-, Parfümerie-, Zigarettenfabriken etc. erinnert. Desgleichen lassen sich manche bergbauliche Unternehmungen schaffen, ferner harrt das Transportwesen der weiteren Ausbildung, besonders was den Bau von Kleinbahnen, Einrichtung eines Automobilverkehrs, Herstellung einer geregelten Küstenschiffahrt betrifft; ferner sind auf dem Gebiete der Kanalisation, Wasserleitung und Beleuchtung der größern Städte noch manche Aufgaben zu lösen. Hier gilt es, das praktisch Durchführbare und eine Rentabilität Versprechende von dem vorläufig Unausführbaren oder Unrentablen zu scheiden und die nötigen Vorarbeiten technischer und finanzieller Natur zu veranlassen. Die Bank kann diese Arbeiten natürlich nur fördern, sie aber nicht auf eigene Rechnung unternehmen; die Palästinakommission kann, sollte sie später über die nötigen Fonds verfügen, zwar etwas mehr als bloß moralische Unterstützung gewähren, die Hauptsache muß aber der Privatinitiative überlassen bleiben, und wir meinen, daß es am besten sein würde, wenn diese Fragen von einem eigens hierfür begründeten und kaufmännisch geleiteten Industriesyndikat studiert und in den günstige Resultaten versprechenden Fällen durch Gründung von Gesellschaften in die Praxis umgesetzt würden. An dem Syndikat, dessen Kapital wir im Minimum auf 100 000 Mk. veranschlagen, in Anteilen von 1000 Mk. mit Anzahlungen von 500 Mk., sollte natürlich auch die Bank beteiligt sein, schon damit sie das nötige Interesse für die Tätigkeit des Syndikats auch dauernd bewahrt. Werden gut durchstudierte und ausgearbeitete Projekte vorgelegt, so sollte es nicht allzuschwer sein, die nötigen Kapitalien dafür aufzubringen, zumal da momentan ja in Rußland gerade jüdischerseits viel Geld brach liegt, welches die Besitzer sehr gerne in rentabel erscheinenden Unternehmungen in Palästina anlegen würden. Schon haben sich für einige der Unternehmungen kapitalkräftige Interessenten gemeidet. Es ist ja auch klar, daß solche von größern Gruppen und von unserer Bank gestützte Unternehmungen den ungünstigen Verhältnissen in der Türkei weit leichter Widerstand leisten können als Einzelpersonen, namentlich wenn es Ausländer sind, die, wie die Russen und Rumänen, bei ihrer Regierung häufig keinen genügenden Schutz finden. Was schließlich die kulturelle Hebung Palästinas betrifft, so hat sich ein erfreuliches Zusammenarbeiten der Zionisten mit dem „Hilfsverein der deutschen Juden" angebahnt. Die „Alliance" wandelt zwar noch in Palästina ihre eigenen, wenig erfolgreichen Wege, aber es ist dort infolge der Bildung der deutschen Konferenzgemeinschaft der „Alliance" eine Möglichkeit vorhanden, auch sie eines bessern zu belehren. So sehr wir auch die Tätigkeit der „Alliance" in den andern Ländern des Orients zu schätzen wissen, so können wir doch nicht umhin, es für höchst bedauerlich zu halten, daß die „Alliance" es ablehnt, in Palästina mit den wenigen andern Institutionen, die den Kulturfortschritt in Palästina erstreben und vertreten, gemeinsam zu arbeiten. Neben dem Verein „Bezalel", der seit März in Jerusalem seine Schule für Kunstgewerbe und Hausindustrie eröffnet* hat und die zehnfache Zahl an Anmeldungen hat, die er aufzunehmen in der Lage ist, ist es vor allem die Frage der Errichtung einer Mittelschule resp. eines Realgymnasiums in Jerusalem, die stark ventiliert wird, und die auch der Hilfsverein auf unsere Anregung hin mit in sein Programm aufgenommen hat. Im wesentlichen handelt es sich hierbei nur um die Aufbringung der nötigen, recht erheblichen Fonds, da es nicht möglich ist, die Anstellung der Lehrer und den Bestand der Schule von ungewissen Jahresbeiträgen abhängig zu machen. Erst nach Vollendung der Mittelschule, also frühestens in 4 Jahren, wird man an die Gründung einer Hochschule denken können. Eine weiterel sehr wichtige Aufgabe ist die Errichtung von Schulen in den kleineren jüdischen Gerneinden Palästinas, wie z. B. in Gaza und Hebron, damit die jüdischen Kinder nicht genötigt sind, die überall vorhandenen christlichen Missionsschulen zu besuchen; auch hierbei ist ein Zusammenarbeiten mit dem Hilfsverein das Gegebene. Die Ausführung der Beschlüsse des letzten Kongresses bezüglich der Nationalbibliothek mußte leider infolge der pekuniären Verhältnisse unserer Organisation noch unausgeführt bleiben, und