Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 23 (8.6.1906)
- Date
- 1906-06-08
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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8 DIE^EELT No. 23 Federstrich alle Bemühungen vernichten könne. Die Macht des Sultans mag sehr groß sein, immerhin gehört doch auch schon die Türkei zu den Ländern, wo es Gesetze gibt, und seit Menschengedenken ist es nicht vorgekommen, daß, soweit es sich nicht um Verschwörer handelt, wo die Konfiskation der Güter auf Rechtsgrundsätzen beruht, privatrechtlich erworbenes Gut einfach vom Sultan konfisziert worden ist; selbst den Armeniern, die in der Türkei genau so unter Pogromen gelitten haben, wie die Juden in Rußland, sind ihre Ländereien, Häuser, Läden, Fabriken nicht konfisziert worden. Dazu kommt, daß doch auch jeder innere Grund fehlt, der den Sultan oder die türkische Regierung veranlassen könnte, die wirtschaftliche Expansion der Juden in der Türkei mit Gewaltmitteln zu unterdrücken. Wenn es den griechisch-orthodoxen Bestrebtingen gegenüber versucht werden würde, so wäre es noch allenfalls erklärlich; von den Juden aber hat der Mohammedanismus nichts zu fürchten, noch auch jemals in der Geschichte etwas zu fürchten gehabt; was aber die Herrschaft der Türken in Palästina betrifft, so könnte eine Durchsetzung der arabischen Bevölkerung Syriens durch Juden derselben nur förderlich sein, ebenso wie unsere Bestrebungen auch für die Türkei ein Schutzdamm gegen etwaige territoriale Gelüste der europäischen Mächte sein würden. Daß aber die Juden in Palästina sich zu Revolutionären entwickeln sollten, wie ein Redner sagte, halte ich für völlig ausgeschlossen. Nur dort ist eine solche Entwicklung möglich, wo die Juden, wie es in Rußland der Fall ist, durch harte Ausnahmegesetze geknechtet und zur Verzweiflung getrieben werden; in allen andern Ländern der Welt haben sich die Juden stets als gute und treue Bürger erwiesen, und auch in. der europäischen Türkei, wo doch soviel Zündstoff vorhanden ist, wo Bulgaren, Griechen, Kutzowalachen, Serben, Albaner bewaffnet einander gegenüberstehen, ist die jüdische Bevölkerung stets durchaus friedfertig geblieben, und bildet dort eine der wenigen, wirklich zuverlässigen Stützen des Reiches. Mit den türkischen Beamten lebt die jüdische Bevölkerung der Türkei überall auf dem besten Fuße, und es unterliegt keinem Zweifel, daß die türkische Regierung die landwirtschaftlichen und industriellen Unternehmungen Palästinas weit lieber in Besitz der Juden sieht als in den Händen christlicher Untertanen der verschiedenen Großmächte, da sie stets befürchten muß, daß letztere hierdurch Handhaben zur Einmischung erlangen. Betrachten wir jetzt, nachdem wir bisher die Wichtigkeit und Möglichkeit der Palästinaarbeit festgestellt haben, die verschiedenen Aufgaben der praktischen Tätigkeit der nächsten Zukunft in Palästina, und zwar nach den drei großen Rubriken: Landwirtschaft, Industrie und Geisteskultur geordnet. Was die Landwirtschaft betrifft, so läßt sich nicht leugnen daß die Zuwanderung einer kräftigen jüdischen Arbeiterschaft einen bedeutenden Einfluß auf die Kolonisation ausübt und wenn es gelingt, diese Bewegung richtig zu leiten, in noch höherern Grade in der Zukunft haben wird. Das Bestreben einer gesunden Palästinapolitik muß darauf gerichtet sein, diese Arbeiter so weit zu unterstützen, daß sie imstande sind, mit den arabischen Landarbeitern zu konkurrieren. Dies wird nur dann gelingen, wenn sie ebenso wie die umwohnenden Araber ein eigenes Häuschen und etwas eigenes Gemüseland besitzen, und falls dies nur in größerer Entfernung von ihrer Arbeitsstätte sein kann, muß man für sie in den Kolonien selbst Volksküchen und Unterkunftshäuser errichten, wo sie während der Zeit angespannter Arbeitstätigkeit wohnen können. Auch Unfall- und Krankenversicherungen wären eine sehr wichtige Ergänzung dieser sozialen Fürsorge. Das sind natürlich vor allem Aufgaben der Chewewe-Zion-Vereine, die aber bei ihren geringen Geldmitteln nicht viel leisten können; aber auch die Zionisten sollten diese Bestrebungen, wenn auch nicht mit Geldern des Nationaifonds, unterstützen, da nur so die Grundlage für eine kräftige und großzügige landwirtschaftliche Kolonisation geschaffen wird, die — nach meiner Auffassung wenigstens, — doch das Fundament unserer ganzen Bestrebungen darstellt. Neben der Einwanderung von Arbeitern macht sich gegenwärtig auch ein Zufluß von wohlhabendem Leuten bemerkbar, die sich sehr gerne in Palästina als Landwirte ansiedeln würden, die aber leider nur selten ihr Ziel erreichen, da ihr Kapital nicht genügt, um sowohl Land zu kaufen, Häuser zu bauen, als auch noch genügend Betriebskapital übrig zu behalten. Einen geregelten ländlichen Kredit wie bei uns gibt es nicht in Palästina, und wo es gelingt, Darlehen aufzunehmen, sind die Zinszätze ungemein hoch und fast ruinös. Dazu kommt noch, daß die Übertragung der Ländereien schwierig, langwierig und kostspielig ist, so daß die meisten wohlhabenden Ankömmlinge nach einigen Monaten decouragiert das Land wieder verlassen. Die russische Gesellschaft Geulah bemüht sich zwar neuerdings, ebenso wie die Anglo-Palestine-Co., diese Leute mit Land zu versorgen, jedoch ist die Auswahl von Ländereien, über welche diese beiden Institutionen verfügen, naturgemäß nur eine sehr kleine, da sie bei den geringen Pachtsätzen auf kurze Kündigung nicht viel Geld in Land investieren dürfen. Auch sind beide Institute nicht imstande, den Ansiedlern lange Kredite zu gewähren. Hier sollte ein zu schaffender Agrarfonds resp. eine mit den Rechten einer juristischen Person versehene Agrarbank, wenn eine solche erreichbar ist, vermittelnd eintreten, was um so leichter durchzuführen sein würde, wenn es sich, wie der Direktor der Anglo-Palestine-Co. meint, ermöglichen ließe, für einige 100 000 Frs. Obligationen auf das gekaufte Land, also eine Art Pfandbriefe, allein in Palästina abzusetzen. Die landwirtschaftliche Tätigkeit der Bank erstreckte sich bisher, abgesehen von einigen Landkäufen und Verkäufen auch auf die Begründung von Darlehnskassen der Kolonisten, auf die Beleihung landwirtschaftlicher Produkte usw. Sie hat in dieser Hinsicht schon eine recht segensreiche Tätigkeit entfaltet. In der Organisierung und moralischen Unterstützung der auf Selbsthilfe gerichteten Bestrebungen der Kolonisten sowie in der Gewährung von Krediten, soweit solche genügend sichere Unterlagen hüben, wird auch in Zukunft die Hauptbedeutung der Bank für die Landwirtschaft liegen; dauernde Festlegung größerer Kapitalien, wie z. B. zum Bau von Speichern, Bewässerungsanlagen Sekundärbahnen, Eisenbahnstationen, wird man von einer so kleinen Bank nicht erwarten können, eventuell sind hierfür aber seitens der Bank besondere Gesellschaften zu gründen. Was den Nationalfonds betrifft, so soll derselbe ja ausschließlich zum Ankauf von Land dienen, aber nur zum Besten der Allgemeinheit; er kommt also an erster Stelle für den Ankauf solcher Böden in Betracht, die, wie die landwirtschaftliche Versuchsstation, die Lehrfarm, das genossenschaftliche Gut, an sich gemeinnützigen Zwecken dienen sollen, ferner auch zur Sicherung solcher Ländereien, die durch hervorragenden historischen oder wirtschaftlichen Wert für die Allgemeinheit von besonderer Bedeutung sind oder, wie beim Herzl-Wald, dem Andenken bedeutender Persönlichkeiten geweiht werden sollen. In zweiter Linie wird man den Nationalfonds dann heranziehen dürfen, wenn es gilt, größere, erst durch umfangreiche* Meliorationen nutzbar oder wertvoll zu machende Gebiete zu erwerben, wie z. B. sumpfige, aber im übrigen fruchtbare Ländereien, trockene, aber der Bewässerungzugängliche Landstriche usw., ferner zum Ankauf von erst durch Aufforstung der Verwertung zuzuführenden Berggegenden oder Dünenlandschaften, schließlich aber auch zur Sicherung von Grenzländereien gegenüber streitbaren Beduinen oder feindlichen Stämmen, die den normalen Kolonisationen wegen des Risikos schwer zugänglich sind, in Ausnahme auch zum Ankauf fruchtbarer, aber von Konkurrenten umworbener Flächen Landes. Es wird meist nicht leicht sein, eine rentable und gleichzeitig sichere Verwertung der Nationalfondsländereien zu finden, und zwar wird dies häufig erst nach Aufwendung großer Geldmittel für Ameliorationen gelingen. In vielen Fällen wird man überhaupt auf eine äußerlich sichtbare Rentabilität verzichten müssen, wie z. B. bei den Versuchsstationen, Lehrfarmen, Aufforstungen, Grenzsicherungen, Um die für die Eigentumssicherung immerhin nicht ganz ungefährliche langfristige Verpachtung zu vermeiden, wird man entweder kurzfristige Pachtverträge mit den Nachbarn eingehen oder aber zu der in den ersten Jahren vermutlich unrentablen Selbstbewirtschaftung seine Zuflucht nehmen müssen. Für die Besitznahme von Grenzdistrikten sowie für die vorläufige Sicherung neuerworbener Ländereien scheint die Besetzung mit Viehzüchtern ein gangbarer Weg zu sein. Für einen solchen Pachtversuch mit jüdischen Viehzüchtern ist an erster Stelle das für das genossenschaftliche Gut angekaufte Terrain Duleikah-Um el Djun südlich vom Tiberiassee in Aussicht genommen, da es noch mehrere Jahre dauern wird, bis es seiner eigentlichen Bestimmung wird zugeführt werden können. Die in Hattin für die Lehrfarm angekauften Ländereien müssen erst zusammengelegt und ergänzt werden, bevor sie für die Farm tauglich sind, auch das kleine bei Attlith, für die Versuchsstation angekaufte Terrain konnte noch nicht abgetrennt werden. Sobald das geschehen ist, soll mit dem Bau der Wirtschaftsgebäude begonnen werden und gleichzeitig mit einer umfassenden Agitation zur Beschaffung der nicht unbeträchtlichen Geldmittel, die notwendig sind, will man nicht auf jährliche Zuschüsse ausschließlich angewiesen sein. In den ersten Jahren soll die Versuchsstation nur als Farm betrieben werden, um das Land auszuprobieren und die Vorbereitungen für die Versuche auf eine solide Basis zu stellen. Bis dahin hoffen wir dann auch die Geldmittel für den wissenschaftlichen Betrieb flüssig gemacht zu haben, der einen jährlichen Zuschuß von mindestens 12 000 Mk. erfordern dürfte. Es braucht wohl kaum erwähnt zu werden, daß die Versuchsstation nicht als rein zionistisches Unternehmen gedacht ist; sie soll ebenso wie der „Bezalel" einem gemischten Komitee der verschiedenen dabei beteiligten Korporationen unterstehen. Als erste nichtzionistische Organisation hat