Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 23 (8.6.1906)
- Date
- 1906-06-08
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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No. 23 DIE^ELT 7 Beifall. Dem Vortrag folgte ein Festkommers der Ortsgruppe Hannover zu Ehren der Delegierten, der in seiner herzlichen Zwanglosigkeit die Gäste, denen nach den ermüdenden Verhandlungen des Tages die vielen fröhlichen Darbietungen eine wirkliche Zerstreuung boten, bis spät in die Nacht zusammenhielt. HL Sitzung Dienstag, den 5. Juni. Beginn 10 Uhr vormittags Das Wort erhält Prof. O. Warburg. Referat des Mitgliedes des engeren A. C. Prof. O. Warburg über Palästina-Fragen Der Zionismus, soweit er sich auf die Palästinaarbeit bezieht, hat zwei Quellen, eine ständig fließende und eine intermittierende, nämlich die Palästinatreue und die Judennot. Erstere hat stets, auch in präzionistischen Zeiten, für Palästina gearbeitet, aber die Arbeit war in ihrer Art von der heutigen verschieden und bis vor kurzem völlig ungeregelt, außerdem auch hauptsächlich daran krankend, daß sie auf Wohltätigkeit basiert war. Die Judennot betrachtete Palästina hingegen nur als einen eventuell konkurrierenden Ausweg; daher ist der aus dieser Quelle dem Zionismus zuströmende Bach ein unsicherer, der häufig versiegt, wenn die Not gelegentlich abnimmt, oder wenn sich neue Emigrationsmöglichkeiten erschließen, oder wenn irgendwo anders als in Palästina eine lokale Autonomie winkt, oder wenn die politische Arbeit für Palästina zu geringe und langsame Erfolge aufweist. Hat diese intermittierende, auf der Judennot basierende, Quelle hauptsächlich ihren Sitz in den Ländern der Assimilation, also in Westeuropa und Amerika, so fließt die Quelle der Palästinatreue überall, wo es fromme und wo es national denkende Juden oibt, also besonders in Osteuropa. Dort sind die Juden zu allen Opfern für Palästina bereit; in den Ländern der Assimilation hingegen interessiert man sich für Palästina außerhalb der erwähnten, in diesen Ländern relativ eng umgrenzten Kreise einerseits nur aus einer gewissen Pietät, anderseits aber, weil man dort die Hoffnung hegt, im Orient resp. in Palästina den unglücklichen ostnropäischen Juden eine Heimstätte schaffen zu können. Wollen wir, daß unsere Bewegung im Westen nicht ganz auf den trotz aller Anstrengungen noch kleinen Kreis derjenigen beschränkt bleibt, die dem Zionismus bereits voll ergeben sind, so müssen wir bestrebt sein, auch den Gefühlen derjenigen Rechnung zu tragen, welche, ich möchte sagen, die Jagdgründe des Zionismus bevölkern, d. h., derjenigen, die bisher nur durch Pietät oder infolge der Judennot mit Palästina enge Fühlung haben. Es wäre zweifellos das Einfachste und Beste, könnten wir denen einen Palästina-Charter als Morgengabe bringen; aber es hängt nicht von uns ab, die Zeit zu bestimmen, wann dies erreicht sein wird. Bis dahin aber werden zweifellos viele, die lediglich mit der xAussicht auf diesen großen Moment sich uns angeschlossen haben, von uns abfallen, und zwar mehr, als wir zu gewinnen vermögen; denn die leichter für unsere Ideen Zugänglichen sind schon in unseren Reihen, und die noch draußen Stehenden sind schwieriger zu überzeugen, soweit es sich nicht um den jungen Nachwuchs handelt. Ganz gewaltig würde aber unsere Bewegung wachsen, wenn sich für uns die Möglichkeit böte, auch weniger idealistische, d. h. die nüchtern und praktisch denkenden Kreise für unsere Bestrebungen zu gewinnen; denn es kann einem Zweifel nicht unterliegen, daß gerade in diesen Schichten des jüdischen Volkes außerordentlich viel Energie, Wissen und daneben auch Kapital und Einfluß vorhanden ist. Diese Kreise sind bloßen Ideengängen und Zukunftshoffnungen nicht zugänglich, hingegen sind sie durch nüchterne Berechnungen und praktische Vorschläge zu gewinnen. Kann man ihnen solche Aufgaben vorlegen, deren Grundlagen schon erprobt sind, so werden sie sich gewiß in großer Anzahl daran beteiligen. Wir sehen dies z. B. am „Bezalel", welcher Verein, obgleich von Zionisten ausgehend, zum bei weitem überwiegenden Teil von Nichtzionisten unterstützt wird. Wenn auch diese erwähnten Vereine durch solche Beteiligungen noch nicht zum Zionismus überzeugt werden, so kommen sie doch in Fühlung mit zionistischen Ideen, sie verlieren die Abneigung gegen die ihnen früher als utopisch hingestellte Bewegung, bei vielen werden auch schlummernde Pietäts- und Sympathiegefühle erweckt, und manche werden schließlich doch dahin gelangen, sich uns völlig anzuschließen. Besonders in Amerika, wo der nüchterne praktische Sinn seit jeher die ideellen Bestrebungen mehr in den Hintergrund drängt, kann man nur dann größere und dauernde Erfolge für den Zionismus erhoffen, wenn man die konkrete Palästinaarbeit in den Vordergrund rückt und mehr von Unternehmungen der Gegenwart als von Hoffnungen der Zukunft redet. (Referent belegt das durch einen von der amerikanisch-zionistischen Föderation empfangenen Brief.) Aber nicht nur aus Utilitätsgründen ist die Palästinaarbeit empfehlenswert, sondern — und das möchte ich besonders betonen — sie ergibt sich auch naturgemäß aus der inneren Entwicklung des zionistischen Gedankens. Wenn seit einiger Zeit der Ruf nach praktischer Palästinaarbeit in der zionistischen Bewegung immer lauter wird, so darf man dies nicht, wie es von manchen Seiten geschieht, als Reaktion gegen den sogenannten „politischen" Zionismus ansehen, sondern es stellt eine Weiterentwicklung desselben dar. Der Wunsch, eine praktische Wirksamkeit in Palästina zu entfalten, beruht zum Teil zweifellos auf dem nicht wegzuleugnenden Bedürfnis unserer Gesinnungsgenossen, ihre Tätigkeit nicht nur und ausschließlich in den Dienst der Agitation und des Sammeins von Geldmitteln für eine ferne Zukunft zu stellen, sondern an. einer greifbaren Sache, deren, wenn auch langsame, Entwicklung sich immerhin doch verfolgen läßt, mitzuarbeiten. Andernteils aber bricht sich doch auch die Ansicht immer mehr Bahn, daß eine erfolgreiche politische Tätigkeit nur dann ausgeübt werden kann, wenn man in wirtschaftlicher Beziehung die genügenden Vorarbeiten gemacht hat. Große Politik treiben heißt die Konsequenzen der politischen Lage ziehen, und die politische Lage ist nichts weiter als das Resultat der vorhergegangenen, im wesentlichen wirtschaftlichen Tätigkeit. Der Sturm auf eine Festung kann erst dann Erlolg haben, wenn in langwieriger Vorarbeit die beherrschenden Positionen genommen sind, wenn man in mühevoller Tätigkeit die Laufgräben gezogen und alle Vorbereitungen für den Sturm getroffen hat; erst wenn in Palästina das schwere Geschütz wirtschaftlicher Vorbereitung Bresche geschossen hat, hat der Sturm der hohen Politik Aussicht auf Erfolg. Natürlich wird man auch die wirtschaftliche Arbeit durch parallel gehende politische Aktionen zu fördern vermögen, große Erfolge wird man aber aller Voraussicht nach erst dann zu erzielen vermögen, wenn man den Mächten zu zeigen vermag, daß Palästina eine jüdische Interessensphäre nicht nur in der Zukunft werden könnte, sondern bereits tatsächlich eine solche ist. Früher wurde gewöhnlich gegenüber den praktischen Bestrebungen in Palästina eingewendet, daß unter den gegebenen Verhälnissen eine wirtschaftliche Tätigkeit in Palästina unfruchtbar bleiben müsse, ohne öffentlich-rechtliche Sicherung gäbe es überhaupt keinen Fortschritt in der Türkei. Die letzten Jahre haben aber ganz im Gegenteil so deutliche Fortschritte in der Türkei gezeigt, — man braucht hierzu nur die Konsularberichte zu studieren, — daß sich das Dogma der Unmöglichkeit wirtschaftlichen Fortschrittes unter den gegebenen Verhältnissen durchaus nicht mehr aufrecht erhalten läßt. Wenn in der Türkei nichts zu holen wäre, so wäre nicht ein solcher Wettstreit der verschiedenen Nationen denkbar, die sich alle bemühen, dort in wirtschaftlicher Beziehung festen Fuß zu fassen, Bestrebungen, die zwar von den verschiedenen Regierungen aus politischen Gründen unterstützt werden, aber immerhin doch von Einzelpersonen, Syndikaten und Banken aus rein finanziellen Gründen eingeleitet und durchgeführt werden. Auf dem ganz entgegengesetzten Boden, auf dem der Anerkennung der Möglichkeit einer wirtschaftlichen Entwicklung in Palästina, wurzeln zwei andere -Gründe, die jetzt häufig gegenüber unserer Palästinaarbeit ins Treffen geführt werden. Erstens sagt man, man dürfe Palästina nicht wertvoll machen, weil dann der Sultan um so weniger geneigt sein würde, das Land herzugeben. Dieser Einwand beruht auf der Auffassung, daß der Sultan Palästina verschenken solle, was doch von keiner Seite verlangt wird, noch auch erwartet werden kann. Es handelt sich für uns doch nicht um Abtrennung Palästinas vom türkischen Reiche, sondern um die Erlangung gewisser Privilegien, um eine Art lokaler Autonomie. Wenn England der Südafrikanischen Gesellschaft oder de^ Niger- Compagnie einen Charter gibt, so verschenkt es das Land ebensowenig, wie Deutschland Neu-Guinea und Ostafrika durch den Charter an die Neu-Guinea-Compagnie und an die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft verschenkt hat. Wenn man aber wohl mit Recht annimmt, daß die jährlichen oder wenigstens periodischen Abgaben einer Chartergesellschaft für den Fall, daß es sich um ein wirtschaftlich entwickeltes Land handelt, größer sein werden, als bei einem kulturell rückständigen, so muß man doch anderseits auch bedenken, daß ein wirtschaftlich hochstehendes Land sehr viel mehr zu leisten und aufzubringen vermag; dazu kommt aber, daß die wirtschaftliche Entwicklung Palästinas auch ohne unser Zutun jedes Jahr Fortschritte machen würde, dann aber zu unsern Ungunsten. (Lebhafte Zustimmung.) Noch weniger stichhaltig ist der letzte Einwand, daß ohne öffentlich-rechtliche Sicherung der Sultan jederzeit durch einen 2*