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Die Welt · 1906-06-08 · 23 (8.6.1906) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
23 (8.6.1906)
Date
1906-06-08
Page
– (sequence 4)
Language
German
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gegründet wurden, daß in dem einzigen, politischen jüdischen Verband, dem für „Vollberechtigung", der zionistische Einfluß durch eine Mehrheit sich behaupten konnte, seien sicher nicht Beweise für die ZangwiH'sche Behauptung. Allerdings hätte der Zionismus in Rußland in letzter Zeit vielleicht 2000 Anhänger verloren, um sie aber bald anderswo auftauchen zu sehen, — nämlich in Palästina. (Lebhafter Beifall.) Besonders glaubt Redner noch die gute Entwicklung des öserreichischen Zionismus hervorheben zu sollen, den er aus eigener langjähriger Erfahrung kenne und der unter der neuen Leitung in letzter Zeit einen beträchtlichen Zuwachs an Schwungkraft, Organisationsvermögen und innerpolitischer Bedeutung erhalten habe. Hingegen habe er den Eindruck, daß in Deutschland der Zionismus, obwohl er vielleicht, dank der hervorragend guten Organisation, kleine Fortschritte gemacht habe, doch kein starkes vorwärtstreibendes Element enthalte; woran das nach seiner .Meinung liege, wolle er zum Schluß ausführen. Redner verweilt dann länger bei der inneren, programmatischen Entwicklung des Zionismus. Kurz zusammengefaßt, erklärt er: die Katastrophen, das Eindringen des Zionismus in junge und proletarische Kreise, die Konkurrenz anderer jüdischer Strömungen hätten das soziale und ökonomische Moment in den Vordergrund gerückt. Da gleichzeitig die Ausdehnung des zionistischen Landprogramms auf die Nachbarländer Palästinas erfolgt sei, sei dem vorherrschenden Prinzip damit gebührend Rechnung getragen worden. Das nationalkulturelle Element, auf das der Redner diesmal nicht ausführlich eingehen will, sei demgegenüber leider mehrfach zurückgetreten und nur in kleineren verwandten, jedoch nur auf die Golusländer gerichteten, Strömungen in neuerer Zeit zur Geltung gelangt, die in den Forderungen jüdischer kultureller Autonomien, z. B. in Österreich und Rußland, gipfeln. Referent möchte den Umfang und Inhalt der erreichbaren kulturellen Möglichkeiten in den Golusländern, so sympathisch sie ihm sind, durchaus nicht überschätzen, ebensowenig könne er der Ansichtsich anschließen, daß die geforderten politischen Autonomien in materieller Hinsicht die zu hochgespannten Erwartungen befriedigen werden. In beiden Fällen seien die moralischen Werte für die Nation die größere Gewinnchance gegenüber den materiellen, und aus diesen moralischen Gesichtspunkten, aus der zu erwartenden Stärkung des Nationalbewußtseins heraus, seien vorallem dieVollberechtigungsbestrebungen zu begrüßen. Redner hebt endlich ein besonderes Merkmal des gegenwärtigen Zionismus hervor: den gesteigerten persönlichen Zusammenhang vieler Zionisten mit Palästina und widmet den Palästinapionieren, den Arbeitern und Unternehmern, die sich in letzter Zeit nach Palästina begeben haben, warme V/orte. Er wünscht aber, daß Einrichtungen getroffen werden, die insbesondere der Privatinitiative, die sich mit Kapital in Palästina betätigen will, mit Rat und Information zu Hilfe kommen .... Zum Schlüsse wendet sich Referent den speziellen zionistischen Verhältnissen Deutschlands zu. Die deutschen Zionisten hätten einen schweren Stand bei der Agitation. Die nationale Einförmigkeit Deutschlands gegenüber der nationalen Vielgestaltigkeit etwa Rußlands und Österreichs mache die Hervorhebung des national-jüdischen Elements schwieriger. Ökonomisch seien die deutschen Juden zumeist zur Zufriedenheit gestellt, und es fehle also der starke Antrieb, der in anderen Ländern aus der gedrückten, spezifischjüdischen, Wirtschaftslage hervorgehe. Kulturell seien die deutschen Juden dem nationalen Judentum, seiner Sprache, Literatur usw. entrückt, und die überwältigende deutsche Kultur nehme sie gefangen. Alle Versuche, die von zionistischer Seite gemacht werden, dem entgegenzuarbeiten, könnten nur einen relativen Erfolghaben und diesen zumeist nur in Hinsicht auf die jüngere Generation. Das seien die Gründe, die die deutschen Zionisten vor allem dazu veranlassen müßten, sich eine besondere Arbeitssphäre im Zionismus zu suchen und zu schaffen, die nach der Meinung des Redners (vom Politischen abgesehen) auf dem Gebiete der finanziellen Stärkungder Bewegung und dem Ausbau der Organisation nach der wirtschaftlichen Seite hin liege. Die Beiträge der deutschen Zionisten zu den Fonds der Bewegung entsprächen noch nicht den tatsächlichen Möglichkeiten. Außerdem unterscheiden sie sich z. B. von den östlichen Zionisten durch das vollständige Fehlen jeder privaten Initiative in Palästina, zu der sie doch nach ihren Mitteln außerordentlich befähigt wären. Der Einwand, den manche hiergegen machen, sie betrachteten eben den Zionismus als eine nur politische Bewegung, sei nicht angebracht. Denn was einer als Einzelner Palästina geben oder was er persönlich riskieren wolle, hänge einzig von ihm allein ab und sei kein Risiko für die Bewegung, die von Experimenten verschonen zu wollen, allenfalls noch als ein Standpunkt gelten könne. Redner schließt mit einem Appell an die deutschen Zionisten, sich dem von ihm empfohlenen Tätigkeitsgebiet entschlossen zuzuwenden, und mit der zusammenfassenden Feststellung, daß die allgemeine Gestaltung der Situation des Zionismus seit dem letzten Kongreß zu vielen guten Hoffnungen Anlaß gebe. (Lebhafter Beifall.) An die Referate schließt sich sofort die Diskussion: Dr. Jeremias, Posen, erklärt es für ein gutes Recht, ja für Pflicht, beim Delegiertentag Stellung zu nehmen zur Tätigkeit des A.-C. Er kritisiert vor allem, daß Beschlüsse gefaßt sind, die die zionistische Bewegung auf Landkauf und Kolonisation festlegen. Die von Herrn Feiwel angenommene Besserung der politischen Aussichten des Zionismus wäre Illusion; die Mitteilungen Vamb6rys setzten das in helles Licht. Um so weniger Veranlassung habe man, die Herzischen Prinzipien zu verlassen, um so weniger dürfe man die Sache der Palästinapioniere fördern, da man ihnen keinerlei Sicherheit für Leben und Besitz bieten könne. Das sei Sache der Palästinavereine. Unsere Aufgabe sei nicht praktische Palästinaarbeit um jeden Preis und ohne alle rechtliche Basis; wir seien nicht in erster Tteihe Land-, sondern Volksbewegung. Deshalb müßten wir immer noch auf Extensität neben der Intensität der Bewegung bedacht sein. Unsere Kritik richtet sich nicht gegen die Errungenschaften des Zionismus, sondern dagegen, daß diese politischen Errungenschaften von der herrschenden Majorität uns genommen werden. (Beifall rechts). Dr. Israel Auerbach, Berlin, weist zuerst verschiedene Itofreundliche Ausführungen des Dr. Jeremias zurück, stellt fest, daß die Ito tatsächlich weder eine öffentliche Meinung der Judenheit repräsentiere, die sie in ihren Preß- und Tribünenstimmen für sich usurpiere, noch in ihren tatsächlichen Lebensäußerungen die behauptete Bedeutung offenbare. Dann übt Redner Kritik an der Arbeit der zionistischen Parteileitung, die nach seiner Meinung zuweilen zu spät in die sich darbietenden öffentlich-jüdischen Angelegenheiten eingegriffen habe. Bei der Aktion für die russischen Juden z. B. sei das A.-C. verspätet erschienen. Wenn dennoch die zionistische Bewegung im letzten Jahre Fortschritte gemacht habe, so seien vielfach günstige äußere Umstände eher die Ursache, als positive Arbeit vom Zentrum aus. Redner deutet auf die interessante Tatsache hin, daß die Erfolge gerade in denjenigen Ländern liegen, wo die demokratischen Strömungen vorwärts gegangen seien, besonders in Rußland, Österreich und England. Diese Fortschritte wären wesentlich größer gewesen, wenn die Parteileitung mehr Initi ative in demokratischer Richtung und weniger Rücksicht und Scheu den herrschenden Gewalten gegenüber betätigt hätte. Vor allen Dingen sei in Deutschland eine Änderung der Parteitaktik in dieser Richtung notwendig. Wir müßten mehr in sozial niedriger stehenden Kreisen agitieren und die deutschen Juden auf ihre eigene unwürdige Stellung als Juden in Deutschland hinweisen. Der eigentliche persönliche Unabhängigkeitssinn der deutschen Juden sei mehr zu wecken und der Wunsch nach größerer persönlicher und nationaler Freiheit dadurch zu erregen. So werde der Zionismus in neuen größeren Kreisen der deutschen Juden platzgreifen, und durchaus persönlich und national, nicht philanthropisch sein. (Lebhafter Beifall links.) Dr. Citron, Berlin (der unter den deutschen Zionisten zuerst seine Sympathie für die „Ito" ausgedrückt hatte), stellt sich von vornherein auf den Standpunkt, der Itoismus habe mit.dem deutschen Zionismus nichts zu tun, es existiere keine Ito in Deutschland. Er mißt dem 10. Delegiertentage besonders deshalb eine besondere Bedeutung zu, da er der erste Deiegiertentag nach dem 7. Kongresse ist, der eine völlige Wandlung auf dem Wege der zionistischen Arbeit hervorgebracht hätte. Der 7. Kongreß habe eigentlich keine positiven Beschlüsse gezeitigt, sondern nur wertvolle Projekte abgewiesen. Er zeichnet die Lage nach dem 7. Kongresse als das Hervorholen der Idee der Kleinkolonisation. Es habe doch keinen Zweck, möglichst viel Juden nach Palästina „hineinzuwerfen" und dort möglichst viel Land anzukaufen, sondern der Zionismus erstrebe eine Heimstätte für das jüdische Volk auf freiheitlicher nationaler Grundlage. Dieses Landankaufen und Hineinwerfen erschiene ihm als ein falscher Weg, aber auch der alte Herzische Weg sei heute nicht mehr der richtige. Dieser wäre solange richtig gewesen, als der geniale Führer an der Spitze gestanden habe und hinter ihm eine einige, treue Gefolgschaft war. Durch seinen Tod aber sei die innere Lage zerrüttet und der Weg ungangbar geworden. Die augenblickliche Lage des Zionismus gestatte keinerlei Tätigkeit. Entweder müßten wir den Zionismus bankerott erklären (Gelächter), das wollten wir nicht, vorwiegend aus Gefühlsgründen. Die Hoffnung aber, welche wir hegten, sei gescheitert. Also was könnten wir tun? Nur unsere Organisation erhalten und uns finanziell stärken. Wir müßten das Land erforschen und das Volk für diese Aufgabe erziehen. Denn, wenn wir heute das Land bekämen, wären wir, da das Genie eines Herzl nicht an der Spitze steht, und

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