Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 23 (8.6.1906)
- Date
- 1906-06-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/3315709-3316186-3316210--48190-3343108- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
des Kongresses meisterte lebt, unvergeßlich vor unserem Auge. Der Sturm, der nach seinem Hinscheiden in der Bewegung losbrach, weckte immer von neuem die Sehnsucht nach einem Führer, der würdig wäre, in seinen Spuren zu wandeln. Auch wir in Deutschland haben die letzten Jahre die entstandene Lücke schmerzlich empfunden. Wo sonst ein Streit gegensätzlicher Meinungen unter den Genossen entbrannte, beugten wir uns gerne der Autorität und höheren Einsicht unseres großen Führers. Nun aber pocht jede Parteirichtung auf ihren Schein, jeder glaubt, den Ring der echten und unverfälschten Wahrheit zu besitzen, und bekämpft den Genossen, mit dem er Schulter an Schulter für die gemeinsame Sache kämpfen sollte, als ob er ein Feind seines Volkes wäre. So könnte es fast scheinen, als ob man es hier und dort nicht einmal mehr für nötig hielte, die engere Organisation zu achten, die man in mühevoller Arbeit unter Hingabe der ganzen Kraft aufgerichtet. Das ist eine große Gefahr, auf welche hinzuweisen ich für eine harte, aber notwendige Pflicht halte. Ein Kampf, wie er nach dem letzten Kongreß zwischen den einzelnen Richtungen auch in Deutschland entbrannte, ist mit dem Fluch der Unfruchtbarkeit behaftet. Statt daß man sich brüderlich hilft, um einen größeren Boden für die Idee der Freiheit zu schaffen, legt man sich gegenseitig eine Fessel an, die Verbitterung und Mutlosigkeit in allen Lagern hervorruft. Positive neue Werte werden hierdurch nicht geschaffen. Für die Führung der Politik und für die Taktik der Bewegung ist einzig und allein die oberste Leitung berufen, deren Zusammensetzung und Richtung auf dem Kongreß und nicht auf dem Delegiertentag der einzelnen Landesorganisationen bestimmt wird. Welche Stellung dieser Landesorganisation gegenüber den einzelnen Fraktionen des Kongresses zukommt, ist eine schwierige Frage, deren Lösung am besten einer Zeit vorbehalten bleibt, in welcher die Stürme der Parteileidenschaft einer beruhigteren Stimmung Platz gemacht haben. Gedanken, welche die große Verzweiflung einer unsagbaren Not unserer Brüder im Osten hervorgerufen, werden vielleicht in andere Bahnen gelenkt, nachdem diesen unseren Brüdern die Hoffnung winkt, neben der bürgerlichen Freiheit auch die Autonomie des eigenen Volkstums in gewissen Grenzen als Lohn einer leid- und gefahrvollen, mit blutigen Opfern erkauften Arbeit für die Freiheit zu erlangen. Wir können unseren Brüdern im Osten nur durch den Ausdruck unserer innigsten Sympathie in dieser Arbeit eine moralische Stütze sein. Wir wissen aber, daß die Sonne der Freiheit auch unseren russischen Brüdern nur um so deutlicher den Weg erleuchten wird, welcher zur endlichen Lösung der Judenfrage und der Judennot des gesamten Volkes führt. Die Aufgabe, welche dem Zentralkomitee in den letzten 2 Jahren oblag, war infolge der Schwierigkeiten der allgemeinen Lage innerhalb der zionistischen Bewegung schon schwierig genug. Sie wurde nicht erleichtert durch die neue Organisation, welche auf dem Delegiertentag in Hamburg beschlossen worden war. Der Schwerpunkt aller organisatorischen und propagandistischen Tätigkeit war in das Zentralbureau nach Berlin verlegt worden, so daß das Zentralkomitee lediglich eine beratende Körperschaft geworden war. Es ist auf diese Art begreiflich, daß das Zentralbureau die ursprünglich enger gezogenen Grenzen seiner Befugnisse wegen der Dringlichkeit einzelner Aufgaben fortdauernd überschreiten mußte. Auch die wegen der örtlichen Entfernung, in welcher die Mitglieder des Zentralkomitees ihren Wohnsitz haben, vorgesehene schriftliche Abstimmung bewährte sich nicht. . . . Mit einem Wort: es ergab sich die völlige Ohnmacht des Zentralkomitees, als oberste Leitung der Bewegung in Deutschland zu fungieren. . . . Hierdurch war das Zentralkomitee fast völlig für eine positive Tätigkeit lahmgelegt, und es mußte sich der Vorsitzende auf eine mehr vermittelnde Tätigkeit zwischen den einzelnen Parteigruppen beschränken. Aus diesen Schwierigkeiten dürfte es sich erklären, daß der gewaltige sprunghafte Aufschwung der Bewegung in Deutschland einer ruhigeren Entwicklung Platz gemacht hat. Dies liegt durchaus nicht an der Einrichtung des Zentralbureaus, dessen Rührigkeit und Energie uneingeschränkte Anerkennung verdient. Der Grund liegt einzig und allein in der Auseinanderreißung zweier zusammengehöriger Organe, nämlich: der Zentralleitung und des Zentralbureaus. Aus diesem Gesichtspunkt halte ich es für eine Aufgabe dieses Delegiertentages, die Organisation der Zentralleitung einer gründlichen Umgestaltung zu unterziehen. Ich habe hiernach nur noch kurz über dasjenige zu berichten, was das Zentralkomitee trotz der ihm aufgedrungenen Machtlosigkeit als solches geleistet hat. Da ist in erster Linie die Tätigkeit des Zentralkomitees zur Beilegung des Konfliktes zu erwähnen, welcher durch die Bildung von Parteigruppen auch in Deutschland nach dem siebenten Kongreß begonnen hatte. Als sich die Unmöglichkeit herausstellte, auf dem Zirkularwege sowie durch Korrespondenz eine befriedigende Lösung des Konfliktes zu erzielen, fand eine Sitzung des Zentralkomitees in Berlin statt, in welcher nach harten Kämpfen eine Einigung der deutschen Zionisten bezüglich ihrer Stellung zu der jüdisch-territorialistischen Organisation erfolgte. Auch die Beschwerden über die „Rundschau" fanden bei dieser Tagung eine provisorische Erledigung. Das Resultat der Sitzung wurde in der „Rundschau" unter gleichzeitiger Bekanntgabe der Gesichtspunkte, aus denen heraus sie erfolgt war, veröffentlicht, und es muß konstatiert werden, daß, wenn auch von einzelnen Seiten sich Widerspruch gegen das in Berlin geschlossene Kompromiß erhob, dennoch im großen ganzen der innere Friede in der Organisation der deutschen Zionisten wiederhergestellt war. Bei der nach dem entsetzlichen Unglück unserer Brüder in Rußland auf Anregung des Präsidenten des Aktionskomitees in Brüssel tagenden Konferenz hat auch das Zentralkomitee durch eine Anzahl Delegierte teilgenommen. Ich brauche nicht besonders zu erwähnen, daß das Z. K. auf das eifrigste die Hilfstätigkeit für unsere unglücklichen Brüder gefördert hat. Das Zentralkomitee war außerdem bestrebt, ein freundliches Verhältnis auch zu andern großen Organisationen der deutschen Juden herzustellen. Es hat an den Versuchen zur Schaffung des „Verbandes deutscher Juden" regen Anteil genommen und wurde auf der Generalversammlung des Verbandes durch' zwei Delegierte und den ständigen Vertreter im Ausschuß repräsentiert. Auch an den Bestrebungen für die Statistik der Juden hat sich das Zentralkomitee beteiligt, und war in den Beratungen des Kuratoriums gleichfalls offiziell vertreten. Das Zentralkomitee hat bei dieser Tätigkeit den Standpunkt eingenommen, daß der Zionismus nicht bloß Fragen der Zukunft des jüdischen Volkes zu lösen habe, sondern als eine lebendige Volksbewegung an allen Aufgaben, welche die Gegenwart an uns stellt, zielbewußt teilzunehmen verpflichtet sei. Wir gehen hierbei insbesondere von dem Gedanken aus, daß, je größer und stärker die staatsbürgerliche und soziale Stellung der deutschen Juden ist. um so mehr Kräfte für die Teilnahme an unsern allgemeineren und ferneren Zielen zur Verfügung stehen. Die deutschen Zionisten haben trotz der Betonung ihres nationalen Zusammenhangs mit dem jüdischen Volke niemals einen Zweifel darüber gelassen, daß sie darum ihrer Pflichten gegen ihr engeres und weiteres Vaterland sich nicht weniger bewußt sind, und daß sie darum auch den Anspruch erheben dürfen, für die Verteidigung ihrer staatsbürgerlichen Rechte mit aller Energie einzutreten. Wir haben es demnach für unser gutes Recht gehalten, durch Veranstaltung von Versammlungen an verschiedenen Orten gegen die jeder Übung im Völkerrecht und der Humanität widersprechenden Massenausweisungen russischer Juden aus dem preußischen Staatsgebiet lauten Protest zu erheben. (Lebhafter Beifall.) Wir erachten es für eine dem deutschen Judentum zugefügte kränkende Beleidigung, daß allein gegen ausländische Juden mit solcher Schärfe vorgegangen wird, währenddem man einwandernden Polen in den Industriebezirken und Italienern im Süden Deutschlands zu Zehntausenden jede Erleichterung gewährt, um dieselben ansässig zu machen. Die gegen unsere russischen Brüder in Bausch und Bogen erhobenen Anschuldigungen weisen wir als haltlos zurück, nachdem festgestellt ist, daß die Mehrzahl der Einwanderer sich redlich, wenn auch ärmlich, von ihrer Arbeit nährt. (Wiederholter lebhafter Beifall, i Währenddem wir so die Mißgriffe der preußischen Polizei tief beklagen, freuen wir uns feststellen zu können, daß der deutsche Kaiser nach wie vor unserer Bewegung das größte Wohlwollen entgegenbringt.... Redner fährt dann fort: Das engere Aktionskomitee muß in seinem Bestreben, durch Hebung der Kultur und Schaffung von industriellen und kaufmännischen Unternehmungen in Palästina die Beschlüsse des siebenten Kongresses zur Ausführung zu bringen, von uns tatkräftig durch Beschaffung der nötigen Geldmittel unterstützt werden. Auf diesem Boden bewegen sich die Anregungen, welche von den verschiedensten Seiten für die Flüssigmachung von Mitteln für die Palästinakommission erfolgten. So anerkennenswert diese Vorschläge sind, so wäre es doch vorzuziehen, wenn durch eifrige Propaganda die Einkünfte aus dem Schekel, die Sammlung für den Nationalfonds und der Verkauf von Aktien der Kolonialbank derart gefördert würden, daß hierauf eine gesunde Politik in Palästina begründet werden könnte. Vor allem ist es unsere Pflicht, ehe wir an die Schaffung neuer Vereine und Fonds gehen, erst die alten Institute auszubauen. In allererster Linie halte ich es für eine dankbare Aufgabe aller derer, welche für einen Palästina- Schekel agitieren, dafür zu sorgen, daß die Shares der Anglo- Palästina-Bank neben denen der Kolonialbank Absatz finden. Von den 40 000 Shares dieser Bank sind erst einige 100 Stück verkauft, und die übrigen ruhen im Portefeuille der Kolonialbank. Es dürfte keinem Zweifel unterliegen, daß die Gründung von Filialen in Palästina und die Schaffung neuer wirtschaftlicher Unternehmungen seitens der Zentralleitung viel rascher und energischer gefördert werden könnte, wenn sich außer der Kol6*nialbank unsere Gesinnungs-