Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 22 (1.6.1906)
- Date
- 1906-06-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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No. 22 - DIE1 in düsteren Weissagungen dem Volke seine trostlose Zukunft ausgemalt. Jetzt sollte sich das alles erfüllen, die Weissagung der die Zukunft wie mit entschleiertem Auge durchdringenden Männer wurde schreckliche Wirklichkeit: Das Volk, durch den schrecklichen Krieg schon dezimiert, wurde durch die Fortführung Tausender seiner angesehensten Familien in die Verbannung erschüttert und, nachdem ihm so sein Lebensmark ausgebrochen war, in seinem Bestände aufgelöst. Das kleine, politisch viel unbedeutendere Juda hielt sich demungeachtet noch über ein Jahrhundert. Gerade seine Unbedeutenheit war es, die es vor einem früheren Ende bewahrte. Doch endlich kam auch ihm das Verderben. Hier waren es außer anderen Männern vor allem Jesaia, der königliche Prophet, und Jeremia, die größte Märtyrergestalt unter den Propheten, die nicht müde geworden waren, dem Volke das kommende Ende als die aus der Gerechtigkeit Gottes mit Notwendigkeit sich ergebende Zuchtrute darzustellen. Und nun geschah das lang Verheißene, doch nie Geglaubte: Auch dies Volk wurde entwurzelt und aus seinem Heimatboden gerissen. Nachdem Jerusalem genommen und es selbst mit seinem Tempel in Flammen aufgegangen war, mußten die Übrigbleibenden in die babylonische Gefangenschaft wandern, im Jahre 586. So erfüllen beide Völker, beides Teile eines Ganzen, in gleich trauriger Weise ihr Geschick. Doch war von vornherein zwischen ihnen ein gewisser Unterschied: Das Heimatland des größeren Teiles, Israels, wurde sofort durch fremde Kolonisten zwangsweise wieder besetzt, sodaß hier durch die Vermischung mit den zurückgebliebenen Restbeständen ein neues Volk, die Samaritaner, aufwuchs, das den Platz des alten völlig einnahm und für eine spätere Rückkehr der Ausgewanderten jede Hoffnung raubte. Juda dagegen blieb, nachdem die Blüte seines Volkes fortgeschleppt war, von fremden Ansiedlern verschont, sodaß für eine spätere Rückkehr der Exilierten Möglichkeit und Raum gegeben war. Und so geschah es denn auch. Während die Juden unter der Regierung des Cyrus wieder in die Heimat kehrten uud hier mit ihren zurückgebliebeuen Brüdern einen neuen Staat — wenn man das kleine theokratische Gemeinwesen so nennen kann — bildeten, blieben die Israeliten in der Verbannung. Doch auch von den Juden kehrten nicht alle wieder, bei weitem nicht alle. Das führt uns nun auf die in der Fremde verbliebenen Volksreste, sowohl Israels als Judas, deren Spuren wir hier nachgehen wollen. Von Israels Bevölkerung waren etwa 27 000 Männer mit ihren Familien gefangen abgeführt worden und teils in dem Lande Halah bei Haran und am Flusse Habor in der assyrischen Provinz Gosan in Mesopotamien, teils in Medien als königliche Schutzbefohlene angesiedelt. Als Juda, dem kleineren Gebiet, war eine entsprechend kleinere Anzahl exiliert worden, wohl an 18 000 Seelen. Sie erhielten ihre Wohnungen in der Landschaft Babylonien. Von Orten, an denen sie sich niedergelassen hatten, kennen wir Abib, den Fluß Kebar, der als einer der vielen Euphratkanäle erkannt worden ist, Kasphia und Ahava. In welchem Grade sie über das Land zerstreut waren, das wissen wir nicht, doch sind wir darüber orientiert, daß sie in geschlossenen Kolonien, die ihre alten Ge~ schlechtverbände beizubehalten erlaubten, lebten. Das änderte sich auch mit der Zurückführung des ersten größeren jüdischen Kontingents unter Cyrus nicht sonderlich, auch nicht durch die späteren Nachschübe aus Babylonien in die alte Heimat. Denn ein guter Teil der jüdischen Ansiedler hatte sich in der neuen Heimat schon so eingelebt, daß sie nicht mehr an Rückkehr dachten. Es blieb also eine ganze Menge Juden in Babylonien; ja, diese breiteten sich sogar mit der Zeit über diese ihre neue Heimat weithin aus. Nach Philo hatten später alle von fruchtbarem Gebiete umgebenen Städte in Babylonien und den benachbarten Provinzen jüdische Bewohner. Die Hauptpunkte £ELT- 15 bildeten Nisibis und Nearda. Daß sich mit ihnen hier in der östlichen Diaspora auch manche Nachkommen der zehn Stämme Israels vereinigten, ist wahrscheinlich, wenn auch die Verschmelzung der Israeliten mit den Juden nicht zu erweisen ist. Daß die ersteren im ersten Jahrhundert nach Chr. noch in gesonderter Existenz gedacht wurden, zeigt außer Josephus in seinen Antiquitäten, der sie auf unzählige Myriaden veranschlägt, auch das 4. Buch Esra. Ja, noch der Kirchenvater Hieronymus sagt, daß sie bis auf seine Zeit (um 400 n. Chr.) in den Bergen und Städten Mediens festgehalten würden. Doch sind das alles nur unbewiesene Gerüchte. Nach der neueren Forschung dürften sich die Israeliten, d. h. eben jene aus dem Zehnstämmereich Exilierten, vielmehr bald nach ihrer Zwangsaiffiedlung in ihren neuen Wohnstätten unter den Heiden verloren haben. Jedenfalls verdient die Erzählung samaritanischer Annale keinen Glauben, wonach unter dem Könige Suredi (Darius) 300000 Israeliten mit Weibern, Kindern und Knechten von dem Hohenpriester Abdel nach Samaria zurückgeführt worden seien, nachdem etwa 175 Jahre zuvor ein Teil der Exulanten heimgekehrt wrar. Dasselbe gilt von anderen Mutmaßungen über ihren Verbleib, Theorien, die sie mit verschiedenen neueren Nationen identifizieren. Die tollste dürfte die sein, daß die Israeliten, als ihnen der Zug nach dem Westen verwehrt wurde, nach Osten ausgewichen und so, Asien durchquerend, beim asiatischen Ostkap nach der neuen Welt übergesetzt seien, um hier in Amerika die Ahnen der Indianer zu werden. Aber mag in der Tat der Israeliten Spur in der Heidenwelt verloren gegangen sein, während die babylonische jüdische Diaspora sich nicht nur jahrhundertelang erhalten hat, sondern auch für die Ausbildung des gesamten Judentums von großer Wichtigkeit geworden ist, — die modernen Archäologen haben doch bei ihren Ausgrabungen die Spuren jener verschollenen Volksreste wiedergefunden. Allerdings erscheint es unmöglich, unter den wiederentdeckten Spuren die israelitischen von den jüdischen zu unterscheiden; und so haben denn auch die Archäologen von vornherein in ihren Nachforschungen darauf verzichtet, die einzelnen Exulantenzüge zu differenzieren, sie haben vielmehr alle Gefangenschaften, welche die Hebräer von Seiten der Mesopotamier erlitten haben, als eine Einheit aufgefaßt. Und da gibt es nun in der Tat eine ganze Reihe nicht uninteressanter Fundstücke, die, aus dem Schutt der Jahrtausende auferstehend, uns von den alten Hebräern, die ein widriges Geschick in das Zweistromland führte, Kunde geben. Zunächst ist das Grab des Propheten Hesekiel am Hindieh- Kanal zu nennen, einige Stunden südöstlich von Babylon. Es werden zwar manche Gräber des großen Propheten der Verbannung in Babylonien gezeigt; aber dies ebengenannte scheint vor den andern den Stempel der Echtheit an sich zu tragen Es ist ein Bau, den das Dorf Kifil, das übrigens ganz von Juden bewohnt ist, umschließt. In diesem Namen glaubt man die verderbte Gestalt des hebräischen Namens Jecheskel (Hesekiel) wiederzuerkennen. Das Grab nun ist reichlich mit hebräischen Inschriften bedeckt. Von ihm urteilt der amerikanische Ausgrabungsdirektor Dr. E. C. Banks, der in den „Sunday School Times" die Summe der hier interessierenden Ausgrabungsresultate zusammengestellt hat: „Der Bau, der von den frommen Einwohnern des Ortes beständig von neuem instand gesetzt wird, scheint nach seinem Stil aus den glücklichen Tagen der Araber herzurühren; aber seine Grundlage scheint bis zum Tode Hesekiels zurückzureichen. Doch, mag hier auch nur der Schein für Echtheit sprechen, es gibt noch überzeugendere Reste echt hebräisch-babylonischen Altertums. So sind in den Ruinen eines Hügels mit Namen Bismaya unweit der Stadt Kaut gewaltige Grundmauern aufgedeckt worden, deren quadratische Ziegelsteine sich mit hebräischen Namen bestempelt zeigen. Dazu sind weithin im mittleren Babylonien