Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 22 (1.6.1906)
- Date
- 1906-06-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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auch nicht beabsichtigt ist. Man denkt wohl an ein ähnliches Unternehmen, wie das der Erziehung der Kischinewer Waisen, die nach Palästina gebracht und dort einem bewährten Lehrer zur Erziehung übergeben wurden. Dieses Unternehmen ist gut gelungen. Aber mit der Entlassung des letzten Zöglings ist das Werk zu Ende. Die Kinder sind erzogen, der Fonds ist aufgebraucht, nichts erinnert mehr daran, daß hier einmal ein großes Werk unternommen wurde, - das hier zum erstenmale wieder jüdische Kinder systematisch ins Land ihrer Väter zurückgebracht wurden, um die Pioniere zu sein ihres Volkes. Die Kinder zerstreuen sich, der Zusammenhang wird allmählich gelockert, welche Garantien haben wir, daß die Kinder Palästina und der Zukunft des jüdischen Volkes erhalten bleiben? Darum müssen wir diesesmal anders vorgehen. Gewiß, wir dürfen das Geld nicht verwenden, um eine dauernde Stiftung ins Leben zu rufen, indem wir vielleicht jetzt nur die Zinsen verbrauchten und dadurch in den Stand kämen, auch in Zukunft jüdische Kinder aus den Mitteln des Fonds in Palästina zu erziehen. Das Geld ist für die Opfer der Progrome gespendet und muß dafür verwendet werden. Aber wir sollten uns doch einmal ernstlich die Frage vorlegen, ob es nicht vielleicht auf andere Weise möglich sein wird, unserm Unternehmen eine dauernde Bedeutung zu verleihen, einen Mittelpunkt zu schaffen, an den sich die Kinder halten können auch noch nach ihrer Entlassung. Wir haben in den letzten zwei Jahren mit Genugtuung beobachten können, wie die Liebe zu Esez Jisroel, das Verlangen, im heiligen Lande jüdische Institutionen zu errichten, in immer weitere Kreise des jüdischen Volkes dringt. Nicht nur herrscht heute unter der Masse der Zionisten deutlich erkennbar eine starke palästinensische Strömung vor, auch die anderen jüdischen Organisationen bemühen sich immer mehr und mit wachsendem Erfolg, einen Teil oder gar den Hauptteil ihrer Tätigkeit nach Palästina zu verlegen. Ich denke da an die verschiedenen Stiftungen für Wohltätigkeitswerke im heiligen Lande, die in den letzteren Jahren einem immer reger werdenden Verständnisse begegenen, ich denke vor allem an den Hilfsverein der deutschen Juden, der sich in hervorragender Weise um das Wachsen des jüdischen Einflusses in Palästina bekümmert. Wras uns Zionisten auch noch nicht gelungen sein mag, das eine steht fest, daß wir es errreicht haben: die jüdischen Organisationen, die noch vor wenigen Jahren jede Arbeit in Palästina ängstlich scheuten, kommen heute an praktischer Betätigung in Palästina nicht mehr vorbei: für immer weitere Kreise des jüdischen Volkes sind Judentum und Palästina eins geworden. Sollte es da nicht möglich sein, diese Organisationen für unser Unternehmen zu gewinnen? Mit ihrer Hilfe wäre es wrohl möglich, den Fonds so zu verstärken, daß er als Grundstock dienen könnte für ein bleibendes Werk, für ein ewiges Heim der verwaisten jüdischen Jugend in Palästina? Ein Waisenhaus nicht für die elternlosen Kinder der Palästinajuden, der Juden des Ostens, ein jüdisches Waisenhaus, offen und bestimmt für die Waisen des jüdischen Volkes der ganzen Erde. Ein Haus nicht nur als Zufluchtsstätte einer schutzlosen Jugend, eine Zentrale jüdischen Geistes im jüdischen Lande. Gewiß wird es nicht leicht sein, die Mittel zu erlangen, die nötig sind, um das Werk so groß zu vollenden, wie es mir vorschwebt, als „das Waisenhaus des jüdischen Volkes". Aber ist der Anfang gemacht, werden wir den Weg schon finden. Es würde sich darum handeln, das gesamte jüdische Volk, alle jüdischen Organisationen zu begeistern, einem Werke ihre Hilfe zu leihen, das das gemeinsame Erinnerungs-Denkmal der Juden darstellen soll an Zeiten der Schmach und des Unglücks, die hoffentlich jetzt vorüber sind. Und es wäre ein Zeichen von Bedeutung und es läge viel von Zukunftshoffnung darin, wenn wir dieses Denkmal der unglücklichen Vergangenheit errichteten im Lande unserer Zukunft. ibr. Jüdischer Komiminalfreisinn. U',ter der Spitzmarke: „Unser Kommunalfreisinn, wenn er sich unbeobachtet glaubt", schreibt die Breslauer „Volkswacht": Ein Teil der Verhandlungen der letzten Sitzung der Repräsentanten der hiesigen jüdischen Gemeinden dürfte auch für Fernstehende von Interesse sein, im besonderen, wenn man bedenkt, daß im Vorstande und Repräsentantenkollegium der Synagogengemeinde zum Teü dieselben Freisinnsgrößen sitzen, wie im Magistrat und Stadtparlament. Auf der Tagesordnung stand ein Antrag des Vorstandes, die Steuerstufe von 900—1050 Mk. Einkommen von der Steuerzahlung zu befreien. Das wäre ja an sich recht löblich. Aber: Wer nicht zahlt, darf nicht mitreden. Nach dem Gemeindestatut haben nur diejenigen Gemeindemitglieder das Wahlrecht für die Repräsentanz, die auch Steuer zahlen. Die mit einem Einkommen bis 900 Mk. Besteuerten hatten auch bisher schon kein Wahlrecht. Nun soll diese von Herrn Stadtrat Pingsheim als so großartig sozial hingestellte Gewerbebefreiung auch •denen zugute kommen, die Einkommen bis 1050 Mk. haben, ja es wurde weiter schon angedeutet, daß beim nächsten Etat vielleicht auch die Steuerstufe von 1050- -1200 Mk. Einkommen der gleichen Vergünstigung teilhaftig werden würde. In der Debatte empfiehlt zunächst Stadtrat Pingsheim die Vorlage, zu der man gekommen sei, da von ca. 400 Zensiten dieser Klasse ca. 150 überhaupt nicht gezahlt haben, 19 erst auf Mahnung und bei 14 habe man eine Exekution vornehmen müssen. Wer aber sein Wahlrecht sich nicht nehmen lassen wolle, dem stelle die Vorlage frei, der Gemeinde zu erklären, daß er bereit sei, aus eigenem Antriebe Steuern zu zahlen. Demgegenüber betont Professor Dr. Badt, das sei doch zu viel verlangt, daß jemand ausdrücklich erkläre, er verzichte auf eine Steuerfreiheit, und das würde dann ein Erkaufen des Wahlrechts sein. Für dreimal 6 Mk. (soviel beträgt die Steuer ungefähr in. dieser Klasse pro Jahn könne man dann alle 3 Jahre einmal wählen. Redner wendet sich mit aller Schärfe gegen die Vorlage und macht alle möglichen Vorschläge, wie man gegen die Wähler dieser Klasse sozial verfahren könne, ohne sie ihres Wahlrechts zu berauben. Alle seine Vorschläge wurden aber vom Vorstandstisch als undurchführbar oder statutenwidrig abgelehnt. Herr Stadtrat Pingsheim hebt nochmals die soziale Bedeutung der Vorlage hervor; es sei keine Entrechtung, wenn der Vorstand denen, die wählen wollen, dies freistellet indem er sie zahlen läßt. Herr Dr. Alexander findet das äußerst liberal. Dagegen erklärt sich auch Herr D. N. Schlesinger entschieden gegen die Vorlage, die ihm durchaus widerstrebe. Der Vorstand mü:se einen Ausgang finden und wenn er das Gemeindestatut selbst ändern solle. Bei der Abstimmung stimmen nur die Herren Professor Badt und D.N.Schlesinger gegen die Vorlage, alle anderen dafür, durchweg kommunale Freisinnsgrößen. Darauf wird noch über eine Resolution des Herrn Justizrats Ollendorf abgestimmt, die den Vorstand ersucht, Mittel und Wege zu schaffen, um die Härten dieses Beschlusses zu mildern. Aber auch diese findet keine Majorität bei diesen Liberalen. Und diese zweite Abstimmung ist vielleicht noch charakteristischer als die erste. Sie zeigt deutlich, daß es den Herren nicht um eine soziale Erleichterung zu tun war, sondern um etwas anderes: Gerade aus den minderbemittelten Schichten rekrutieren die Gegner dieser „Liberalen", sie waren ihnen bei der letzten Wahl schon etwas unbequem geworden. 400 von ihnen hat man nun das Wahlrecht genommen, wenns Glück gut ist, kommt in zwei Jahren bei der nächsten Etatsberatung der Antrag, der schon so halb angekündigt ist, und man schafft sich noch mehr unbequeme Gegner vom Halse. Und das alles unter der Etikette „Liberal". Der Hilsnerprozeß.?ber eine Versammlung in Angelegenheit F der Hilsneraffare berichtet die „Neue freie Presse": Im „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" in Wien hielt Samstag abend Hof- und Gerichtsadvokat Herr Dr. Friedrich Elbogen einen Vqrtrag, der sich mit der Rechtsprechung im Hilsnerprozeß befaßte/ Dr. Elbogen sagte: Ich muß es mir versagen, hier noch einmal alle die Argumente zusammenzutragen, mit denen das alberne Ritualmordmärchen bekämpft wurde. Wer die Einflüsterungen leitender Dummköpfe und perfider Demagogen höher anschlägt als alle Bullen zahlreicher Päpste, dem ist nicht zu helfen. Und wenn gegen die Dummheit bekanntlich selbst Götter vergebens kämpfen, was können dann gegen die von einer