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Die Welt · 1906-06-01 · 22 (1.6.1906) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
22 (1.6.1906)
Date
1906-06-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
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außen ist sie hauptsächlich Kolonisationspolitik, nach innen Konsolidierung der Partei und Stärkung der jüdischen Nation. Beide Richtungen sind innig miteinander verknüpft und können nicht getrennt werden. Dagegen ist „Propaganda", losgelöst vom Ganzen, schon in seiner Auffassung geringfügig und klein und ganz und gar nicht der gegenwärtigen Situation angemessen. Insofern ihr aber noch der gewöhnliche Beigeschmack von Reklamemacherei innewohnt, kann sie nicht nur verfehlt, sondern auch schädlich werden. Unsere einzige Werbekraft nach außen kann nur die innere Stärke sein. Die erste blühende Kolonie, die ersten wirklichen Erfolge in Palästina haben uns gewiß unendlich viel mehr Anhänger gebracht, als zahlreiche mühselige Propagandaveranstaltungen. Die richtige Parteitaktik muß den natürlichen Entwicklungsgang beachten, abwarten, bis etwas ganz ausgereift ist, sie muß sich an den Grundsatz halten : Natura non facit saltum. Dagegen befolgt die Propaganda, als abgerissene Aufgabe gestellt, das a tont prix-Handeln, sie muß die Dinge, die ihr nur als Mittel dienen, vergewaltigen. Es ist ganz natürlich, daß damit nicht die aufklärende Tätigkeit über Zionismus beseitigt werden soll. Ebenso ist es selbstverständlich, daß von der Zentralleitung ntfr die Direktiven ausgehen können, während die ausführenden Organe die einzelnen Lokalbehörden, denen die Kräftigung der Partei, die Eroberung von Machtpositionen im Judentum innerhalb ihrer lokalen Grenzen zerfällt, wie sie überhaupt stets willige Organe im Dienste der Parteipolitik sein müssen. Zum letzten Abschluß der jüdischen Kolonialbank Von Dr. ISAK STRAUS und ERNST GOITEIN (Heidelberg) Sehr geehrte Redaktion! Der Erfolg unserer praktischen Arbeit ist minimal, so hört man gerade in gut zionistischen Kreisen heute allenthalben klagen, und man sinnt .auf neue Wege, die, nachdem die alten anfangen zu versagen, neue Mittel liefern sollen für die weitgesteckten Ziele. All diese neuen Anregungen sind willkommen zu heißen, wenn sie die Möglichkeit eines auch nur eng begrenzten Erfolges in sich fassen, aber daneben soll man versuchen, jenen großen Institutionen des Zionismus neues reicher spendendes Leben einzuhauchen, sie der Lethargie zu entreißen, in der das anfangs so frisch pulsierende Leben zu entfliehen scheint. Mit dem Erfolg der Kolonialbank steht und fällt die endliche praktische Erfüllung unserer zionistischen Pläne; die Bank wird imstande sein, die großen Mittel für ihre gewaltigen Ziele aufzubringen, oder sie wird das nicht vermögen, d. h. sie wird niemals jenen Machtfaktor im wirtschaftlichen und damit im politischen Leben bilden, der allein sie befähigen wird, erfolgreich dem Endziel näher zu rücken. Und nun sehen wir ein stetiges Abnehmen der neu hinzutretenden Barmittel gerade bei diesem wichtigsten Institute. Während Theodor Herzl, nachdem zuerst ganz andere Summen in Aussicht genommen waren, schließlich als ein Minimum zwei Millionen £ ansetzte, sehen wir heute bei einem eingezahlten Kapital von etwa £ 250000 den weiteren Aktien-Absatz schon fast versiegen. Während im Jahre 1902 im ganzen 19000 Shares verkauft wurden, sinkt diese Summe im Jahre 1903 auf 6000, 1904 auf noch nicht 3000 und wird für 1905 und dem ersten Quartal 1906 zusammen mit kaum 2000 von der Bankleitung ausgewiesen. Also eine ständige rapide Abnahme. Mannigfache Gründe sind zu ihrer Erklärung herangezogen worden, uns soll hier allein der bedeutsamste und selten noch scharf genug betonte beschäftigen. Das Publikum, der große wie der kleine Kapitalist, kauft Bankanteile zur Kapitalanlage (die Spekulation interessiert uns hier nicht), dazu wählt es naturgemäß solche Werte, die bei solider Geschäftsführung eine gute Verzinsung bieten. Das letztere ist bisher bei der jüdischen Kolonialbank nicht der Fall, die bisher nur zweimal eine Dividende bis zu 2'/Wo ausschütten konnte, und damit scheiden ihre Shares aus aus der Reihe der zur Kapitalanlage geeigneten. Wohl bemerkt, auch für den noch so eifrigen Zionisten, der als Kleinkapitalist nicht auf den Ertrag seiner Renten verzichten kann, als Großkapitalist es nicht will. Welche Folgen das für den Sharesabsatz hat, ist klar aus den obengenannten Ziffern zu ersehen. Sie zeigen, wie weit unsere Bank kommen wird, wenn sie ihre Fortentwickelung allein gründet auf das gute jüdische Herz, das alljährlich ä fond perdu noch einige hundert Shares ihr abkaufen wird. Soll dieser gefährliche Stillstand weiterhin vermieden werden, sollen unsere Shares Absatz finden, so muß also versucht werden, das jüdische oder doch wenigstens das zionistische Kapital zu veranlassen, ebenso wie die Anteile anderer solide geleiteter Banken auch die des J. C. Trust zur Anlage zu verwenden und dazu braucht es höherer Erträgnisse. Nun liegt es uns ferne, vom grünen Tisch aus der Geschäftsleitung, die bisher so geringe Zinsergebnisse uns hat vorlegen können, die Einzelheiten des Geschäftes betreffende Ratschläge erteilen zu wollen. Was hier kritisiert werden soll, das sind allein die Prinzipien, die bisher maßgebend waren für die Tätigkeit der Bank, und die grade die lieuerschienene Bilanz pro 31. März 1906 wieder so deutlich zutage treten läßt. Kurz und einfach gesagt: Die Tätigkeit unserer Bank beruht nicht allein auf rein kaufmännischen Grundsätzen. Die Jüdische Kolonialbank ist auf anderem Boden erstanden, als andere Aktienunternehmungen rein geschäftlicher Art, ihre statutarisch festgelegten Ziele sind nicht allein von kaufmännischen Gesichtspunkten geleitet, aber ihre Handhabung heute soll und darf einzig eine solide geschäftsmännische Tendenz haben. Ein solches Institut kann und darf nicht eine Summe von mehr als einem Drittel seines Netto- Jahresverdienstes für einen noch so gewichtigen Zweck der Philanthropie ausgeben, (eine Ausgabe, die ihm dies Jahr die Verteilung einer Dividende wohl unmöglich macht). Tausende werden dadurch für eine Stunde Brot gehabt haben, und Hunderttausende werden, dient dies Prinzip weiterzur Richtsch nur, dauernd schmachten müssen. Kein Bankunternehmen wird heute einen erheblichen Teil seines Kapitals in englischen Konsols anlegen, nur um das Geld zu einer eventuell seinen Zwecken dienenden Operation stets bereit liegen zu haben. Jeden Moment gilt es heute sein Kapital rentabel angelegt zu haben, nur so können angemessene Jahreserträgnisse erzielt werden. Und daß davon grade bei unserer Bank alles abhängt, ist ja so sonnenklar. Soll für den Erfolg, für den mit so großer Aufopferung in der ganzen Welt die Zionisten arbeiten, die Kolonialbank einst gut gerüstet sein, so muß sie als ein erstklassiges Bankinstitut in ihrer Geschäftsführung wie in ihren Erträgnissen lange vorher schon dastehen. Mit den paar hundert oder tausend Shares, die sie jetzt noch alljährlich verkauft, wird sie das niemals erreichen können. Unsere Bank soll auch nicht von den philanthropischen Stimmungen ihres Volkes leben und wird nie daran erstarken, dazu braucht es ganz anderer, in ihrer Wirksamkeit viel mächtigerer Faktoren. So ist es die Tendenz, die anders werden muß, deren Änderung aber auch den ganz sicheren Erfolg verspricht. Denn warum sollte es unserer Bank weniger gelingen als Dutzenden von anderen ähnlich kapitalisierten Unternehmungen, es verhältnismäßig rasch zu einem ordentlichen regelmäßigen Jahresabschluß zu bringen. Besonders da sie durch die für ihr Amt so warm ideell interessierte Leitung vor allzu spekulativen Unternehmungen geschützt ist. Aber das ganze Bestreben muß dahin gehen, eine, wenn auch mäßige, so doch stetige Verzinsung bald zu erreichen, auf Basis einer rein kaufmännischen Leitung der Geschäfte. Dann, und nur dann wird es möglich sein, wenigstens das zionistische Kapital in größerem Umfang für die Bank zu gewinnen. Ein jüdisches Waisenhaus in Palästina Sehr geehrter Herr Redakteur! Die Zentrale der russischen Mitglieder des A. C. hat vorgeschlagen, Frs. 100.000 aus dem russischen Hilfsfonds zur Errichtung eines Waisenhauses in Palästina zu verwenden, für Kinder, die durch die Progrome verwaist sind. Gegen den Vorschlag an und für sich ist nicht nur nichts einzuwenden, er ist vielmehr lebhaft zu begrüssen. Er ist ein Ausfluß der alten zionistischen Idee, daß es mit dem Almosengeben allein nicht getan ist, er bemüht sich, dem Hilfswerke eine dauernde Bedeutung zu verleihen. Zweifelsohne hätten die Frs. 100.000, wenn sie sofort verteilt worden wären, viel Gutes bewirkt, Hungrige wären gespeist, Nackte wären bekleidet worden. Aber 100.000 Frs. sind eine sehr kleine Summe, sie wären verschwunden in dem Meer des Elends, das uns umbrauste. Nun aber soll einigen wenigen ganz und gar geholfen, es soll ihnen nicht nur Brot gegeben werden für heute und morgen, sie sollen gerettet, einem neuen, glücklicheren Leben zugeführt werden. Und Kinder sollen es sein! Noch nicht zerbrochen von der Wucht des Unglücks, junge Sprößlinge, die nur des besseren Bodens harren, um stark zu werden, gesund und blühend. Wrie aber wollen wir arbeiten? Aus 100.000 Frs. kann kein Waisenhaus errichtet werden. Ich darf wohl annehmen, daß das

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