Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 22 (1.6.1906)
- Date
- 1906-06-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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der Einbürgerung der Juden die Auflösung des Judentums erfolgen wird. Wenn erst in Rußland die öffentlichen Bildungsanstalten den Juden freigegeben werden, so erwächst uns in zwanzig Jahren eine völlig entnationalisierte Jugend, die nicht mehr jüdisch, sondern russisch denken und fühlen wird. Das jüdisch-nationale Leben wird dadurch unterbunden. Gewiß, die große ärmere Masse wird dem nicht folgen können, sie wird im Ghetto zurückbleiben, selbst wenn dieses gesetzlich aufgehoben sein wird. Dann werden sich eben in Rußland Zustände ausbilden, wie wir sie in Galizien nicht genug bedauern können. Die .Masse wird national bleiben, aber indem sich die reichen und intelligenten Juden von ihr loslösen, ist sie dann viel schlechter daran als jetzt. Das ist die natürliche Entwicklung der Dinge, wenn wir vor der Gefahr die Augen verschließen oder uns mit billigen Tröstungen abfinden lassen. Für mich ist kein Zweifel, daß die politische Befreiung der russischen Juden in der nächsten Zeit nicht erfolgen wird, und vollkommen wird sie wohl nie sein. Aber bloß die Aussicht auf bürgerliche Rechte, und wenn gar ein winziger Teil ihnen gewährt werden sollte, wird schon genügen, das Solidaritätsgefiilunter ihnen zn vernichten und das jüdische nationale Leben zu zerstören. Die oberen Schichten werden sich in einem Zeitalter assi milieren und die Befriedigung ihres Ehrgeizes anderswo suchen Von der Masse werden sich ferner die organisierten Proletarier los lösen, deren Haß gegen die jüdische Bourgeois ein grenzenloser ist Bleiben werden die ärmeren und religiös gesinnten Schichten» ii denen gewiß nationale Gefühle vorhanden sind, aber arme um: unwissende Menschen können nicht das Material für eine gesunde nationale Bewegung liefern. Ich möchte nicht, daß meine düstere Prophezeiung in Erfüllum, gehe. Vielmehr wünsche und hoffe ich, daß die Zionisten sich der Gefahr des Augenblickes bewußt werden und ihr Augenmerk an; die Zukunft richten. Mögen sie den Tanz um das politische Kai! andern überlassen und ihre Kräfte ausschließlich der nationale! Erhaltung widmen. Was wir jetzt verlieren können, bringen wir nie mehr ein. Die russische Judenheit bildete bis jetzt in nationale Beziehung unsere Reserven. Seien wir auf deren Schonung und Erhaltung bedacht. □!□ o o o o ^Oo EP3 □OD o o o o Jj ^Oo KORRESPONDENZEN Zur Taktik der zionistischen Partei Herr Dr. Jakob Thon (Berlin) schreibt uns: Das Judentum befindet sich gegenwärtig in einem der wichtigsten historischen Momente, die es überhaupt durchgemacht hat. Das Los des Zionismus ist natürlich auch von der Gestaltung dieses Momentes abhängig. Mit allgemein erwartungsvoller Spannung verfolgen wir die Ereignisse. Welche Wendung sie nehmen werden ist kaum jemanden ganz klar. Die widersprechenden Prophezeiungen, aus Hoffnungen und Befürchtungen geboren, sind zum wenigsten auf einwandfreier Beurteilung aller Faktoren aufgebaut. In Wirklichkeit ist es eine große Ratlosigkeit, die wir angesichts der gegenwärtigen Situation empfinden. Die Furcht vor der Assimilation als der notwendigen Folgeerscheinung der Emanzipation scheint vollständig hinfällig zu sein. Es ist zweifellos, daß in den Nationalitätenstaaten Rußland und Österreich, in denen die Rechte der einzelnen Völker zur Geltung kommen werden, die Juden als fremdes Element sich mehr werden absondern müssen als bis jetzt, da die stillschweigende Assimilation geherrscht hat. Die Assimilation als Programm ist jetzt in Anbetracht der durchgängig einheitlichen jüdischen Masse in Rußland und Galizien, des bereits stark entwickelten nationalen Bewußtseins geradezu ein wahnwitziges Unternehmen. Die plötzlich wieder energisch gewordenenFührer derfrüheren Assimilationsgeneration strengen sicherlich zum letzten Male ihre Kräfte an. Von dieser Seite droht keine Gefahr. Vielmehr läßt sich von der nächsten EntWickelung eine positive Erstarkung der jüdischen Nation erwarten. Ob auch diese Entwickelung zu unserem palästinozionistischen Programm führt, läßt sich nicht so ohne weiteres beantworten. Wie natürlich die Umwandlung war, die sich in den letzten zwei Jahren in der zionistischen Partei vollzogen hat, offenbart sich jetzt ganz deutlich. Es hat sich nie unter den Zionisten ein so starker Drang nach Palästina kundgegeben, wie jetzt. Es scheint so die Sehnsucht des jüdischen Volkes nach Zion als Wahrheit sich beweisen zu wollen. Wie wird nun diese palästinäpetale Kraft durch das national entwickelte Leben des Hauptteiles der jüdischen Masse in ihren bisherigen Wohnsitzen beeinflußt werden? Wird sich das nationale Gefühl in seiner Entwickelung bis zu dem Grade steigern, daß wir zur vollständigen nationalen Befriedigung den Mangel des eigenen Landes erst recht intensiv empfinden werden? Oder wird sich bald zeigen, daß überhaupt nur ein ganz geringer Teil der □!□ ^Hth o o o o 1—IUI—I nationalen Aspirationen in der Diaspora Befriedigung finden können, und somit wird das jüdische Heimweh nur bald noch stärker werden? Diese Möglichkeiten scheinen nahe zu liegen. Vielleicht aber win es auch umgekehrt sein: die neugeschaffenen Möglichkeiten werden zum nationalen Sichausieben genügen, und da auch von der neuen Gestaltung der Dinge und der Freiheit kein ökonomischer Auf schwung zu erwarten ist, so wird die Sehnsucht nach einer anderen Heimat geschwächt werden! Wer weiß es? Immerhin aber liegt die endgiltige Ausbildung, die Entscheidung dieser Frage recht weit ab. Für die nächste Zukunft ist noch mit beiden Faktoren gleich zu rechnen: dem innigen Wunsche eines großen Teiles des jüdischen Volkes, in Palästina ehestens festen Sitz zu fassen, und dem in nationalen Formen sich entwickelnden Leben der jüdischen Masse. Vielleicht sind dies die zur Verwirklichung des Achad-Haamschen Ideals, des „geistigen Zentrums" in Palästina notwendigen Bedingungen: in Palästina die „Pioniere," - aus den Kräftigsten und Besten unter uns —und in der Diaspora der richtige Resonanzboden. Freilich sind die Ereignisse viel zu überwältigend, als daß wir sie bemeistern könnten. Doch heißt es sicherlich für unsere Parteileitung jetzt, der Bedeutung des Augenblicks gewachsen sein, auf der Höhe ihrer Aufgaben stehen. Sie muß die Tendenz der Entwicklung richtig aufspüren und ausnutzen. Die zionistische Partei, die stärkste im Judentum und einzige mit positivem Programm fürs Judentum, darf es nicht zulassen, daß eine neue Epoche für unser Volk beginnt ohne ihre ausschlaggebende Mitwirkung. Es ist dies eine Aufgabe der Taktik unserer Parteileitung. Taktik ist wohl zu unterscheiden von Propaganda. Der Unterschied ist nicht lediglich ein nomineller, sondern trifft die Sache. Die richtige Taktik kann nur von der zentralisierten Parteileitung ausgehen. Sie muß im innigsten Zusammenhange mit dem ganzen Parteileben bleiben. Sie muß von dem Punkte aus dirigiert werden, von dem das ganze Terrain überblickt wird. Bei voller Aufrechterhaltung des nötigen Maßes von Autonomie für die einzelnen Landesorganisationen, darf doch in so bedeutungsvollen Momenten, wie der jetzige, in Rußland und Österreich nicht ohne Einvernehmen mit der Gesamtpartei, ohne Zutun der Zentralleitung gehandelt werden. Die richtige Taktik der Partei ist ihre Politik nach innen und außen. Sie bedeutet das richtige Ausnutzen jeder gebotenen Gelegenheit zur Stärkung unserer Position, zur Erreichung unseres Zieles. Nach