Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 22 (1.6.1906)
- Date
- 1906-06-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3315709-3316186-3316209--48174-3343091- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
GEGENWART UND ZUKUNFT Von DR. SIMON BERNFELD ) Seit dem Beginn der zionistischen Bewegung habe ich stets üe Ansicht vertreten, daß der Zionismus alle Arbeiten zu umfassen iat, die darauf hinzielen, das materielle Gedeihen und die geistige Entwicklung des jüdischen Volkes zu fördern. Folgerichtig sind omit alle anderen jüdischen Organisationen, die ganz oder zum eil dieselben Bestrebungen haben, mit dem Zionismus verwandt nd unserer Bewegung förderlich. Wir unterscheiden uns von inen uur hinsichtlich des Endziels, denn während jene Organisationen bloß die Erhaltung des jüdischen Volkes und des Juden- .mis in der Diaspora erstreben, sind wir davon überzeugt, daß rstens eine vollkommen befriedigende Lösung der Judenfrage ohne Schaffung eines politischen Zentrums für das jüdische Volk nicht löglich ist, und daß zweitens das Judentum, als nationale und ulturelle Erscheinung, in einer fremden Umgebung sich in seiner jschichtlichen Eigenart nicht entfalten kann. Jedenfalls aber muß es für uns feststehen, daß die sogenannte üegenwartsarbeit", die viele von uns vor Jahren dringend ver. nigt haben, nur dann eine wirklich zionistische ist, wenn sie das ■ndziel nicht aus den Augen verliert. Im anderen Falle hat es gar einen Zweck, sich von den anderen Organisationen abzusondern- Vir müssen eben das tun, was ohne uns nicht geschehen würde, ■nd was nur wir tun können. Selbst in Palästina geschieht jetzt Peinlich viel von anderer Seite, und unsere Arbeit dort hätte nur ann einen besonderen Wert, wenn sie im Sinne unserer nationalen estrebungen geschieht. Mit anderen Worten, nicht quantitativ;ann sich unsere Arbeit, mag sie infolge unserer beschränkten Mittel och so bescheiden sein, von den anderen hervorheben, sondern ■ualitativ. Dasselbe ist auch beispielsweise in der Emigrationsrage der Fall. Die zionistische Organisation kann gewiß nicht iarin mit den andern großen Hilfsorganisationen wetteifern, die iher so viele Millionen verfügen; aber wohl wäre es für uns eine egensreiche Aufgabe, daß die Emigranten in der neuen Heimat :em nationalen Gedanken erhalten bleiben. In der letzten Zeit haben wir uns aus verschiedenen Gründen auf das Gegenwartsprogramm beschränken müssen, und mit der hohen Politik ist es so ziemlich still geworden. Das ist kein Fehler, denn Politik kann man nicht nach Belieben zu jeder Zeit machen. Am allerwenigsten können wir Juden dies tun, da wir nur einen geeigneten Moment wahrzunehmen haben, der sich uns bietet. Das ist schon an sich ein großer Vorzug der zionistischen Organisation, daß sie auf der Warte steht, die günstige Gelegenheit, wenn sie sich dem jüdischen Volke einst bietet, nicht unbenutzt vorübergehen zu lassen. Anders ist es mit der inneren Arbeit, die ebenfalls die Erreichung unseres Endziels erstrebt. Gewiß, auch darin werden wir häufig von außen gestört; aber das jüdische Volk hat Joch in den vielen Jahrhunderten seiner Leidensgeschichte gelernt, den äußeren Umständen zu trotzen und sein Dasein unter den ungünstigsten Bedingungen zu behaupten. Dieses Leben außer den Zeit- und Ortsbedingungen setzt freilich eine starke nationale Kraft voraus, die dem jüdischen Volk einen starken nationalen Willen verleiht. Ich gestehe offen, daß mir in der letzten Zeit das Vorhandensein dieser Kraft und dieses Willens im jüdischen Volk zweifelhaft geworden ist., Aber jedenfalls ist dies die Aufgabe des Zionismus, unter den Juden den Willen zu nationalem Leben zu erwecken und zu stärken. Alle Gegenwartsarbeiten können nur dieses eine Ziel vor Augen haben, und ebenso müssen auch alle danach geprüft werden, ob sie zu diesem Ziele führen. Die politischen Vorgänge in Rußland haben dem Zionismus einen starken Stoß versetzt. Vor allem dadurch, daß diese Ereig- *) Ann). U. 11 ed. Wir kommen noch auf die Ausführungen unseres gesch. Mitarbeiters, mit denen wir uns nicht vollinhaltlich identifizieren können, zurück. nisse das ganze Interesse der Juden in Anspruch nehmen. Außerdem können wir es nicht verhehlen, daß viele, die zuvor für die russischen Juden keinen anderen Ausweg fanden als die Emigration und diese im zionistischen Sinne gestalten zu können hofften, jetzt an eine andere Lösung der Judenfrage in Rußland glauben und sich deshalb vom Zionismus entfernt haben. Dagegen können wir nichts tun. Die große Masse läßt sich nicht belehren. Und in der Gegenwart wäre das umso schwieriger, als ein großer Teil der russischen Juden von den sozialistischen Ideen geradezu hypnotisiert ist. Was nicht mit der Lehre des internationalen Proletariats übereinstimmt, erregt in diesen Kreisen nur Hohn und Spott. Ich zweifle nicht daran, daß, wenn jetzt ein Jesaja unter uns aufträte und sich einen leisen Widerspruch gegen Kautsky erlauben wollte, er von einem Teile der jüdischen Jugend als ein „verblödeter Bourgeois" zurückgewiesen würde. Aber weil dies so in dem Charakter unserer Zeit liegt, ist es noch immer nicht nötig, daß der Zionismus entweder die Mode ganz mitmacht, oder sich passiv verhält. Gerade jetzt wäre seine Aufgabe, den nationalen Gedanken und den Glauben an die Zukunft unseres Volkes festzuhalten — das zu tun, was die anderen in dem politischen Paroxismus unterlassen oder gar mit allem Fanatismus verhindern. Es ist ganz gleich, ob dadurch uns frühere Mitläufer verloren gehen. Wir gewinnen nichts, wenn wir unser Programm verwässern, um die Masse zu uns herüberzuziehen, wohl aber tun wir sehr viel, wenn wir in dieser Sintflut der Zerstörung einen festen Punkt zu erhalten suchen, zu dem sich doch später, wenn die Enttäuschung so oder so eintritt, alle nationalgesinnten Juden, oder richtiger alle Juden flüchten werden. Es wurde uns gesagt, daß die Emanzipation der russischen Juden, die nahe bevorstände, ganz anders geartet sein würde als die Emanzipation der westeuropäischen Juden. Denn während unsere Stammesgenossen im westlichen Europa nur eine individuelle Befreiung erstrebt haben, soll die Emanzipation der russischen Juden eine nationale sein, und diese setze nicht die Assimilation voraus. Bevor ich darauf erwidere, muß ich das Mißverständnis aufklären, als ob ich von den russischen Juden erwartet hätte, sie müßten die Bürgerrechte aus Furcht vor der drohenden Assimilation zurückweisen. Wenn ihnen die bürgerliche Gleichstellung gewährt wird, so werden die meisten unter ihnen zweifellos davon Gebrauch machen und sich von der Gefahr der Assimilation nicht abschrecken lassen. Ich fordere nur, daß wir jetzt, durch die Erfahrung gewitzigt, nicht den Fehler wiederholen, der vor etwa hundert Jahren in den westeuropäischen Staaten gemacht worden ist und infolge dessen eine greuliche Verwüstung im jüdischen Volke entstand. Die Voraussetzungen sind in Rußland dieselben, wie sie beispielsweise in Österreich-Ungarn waren. Die Emanzipation hat dort dahin geführt, daß sich kleinere Teile von der Masse losgelöst haben, während die Masse selbst, der Führerschaft beraubt, in Armut, in Unbildung verkommt. Es ist für uns kein Trost, daß das jüdisch-nationale Leben bisher unter den russischen Juden gut entwickelt war. Es v^ar dies nicht anders auch in Deutschland. Solange die öffentlichen Schulen der jüdischen Jugend verschlossen blieben, erhielt sie ihre Ausbildung in privaten Schulen, lernte hebräisch und wurde im jüdischen Geist erzogen. Wie es jetzt in Deutschland aussieht, hat es vor 100 Jahren gewiß nicht ausgesehen. Ich erinnere nur daran, daß, als im Jahre 1818 der bekannte Tempelstreit in Hamburg ausbrach, der die ganze westeuropäische Judenheit heftig erregte, die Polemik von beiden Seiten fast ausschließlich in hebräischer Sprache geführt wurde, weil die Kenntnis dieser Sprache noch bei allen gebildeten Juden vorausgesetzt werden konnte. Kein Mensch hat beim Beginn der Emanzipationsbewegung geglaubt, daß mit