Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 22 (1.6.1906)
- Date
- 1906-06-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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auch die Sozialdemokratie in Wien eine große Partei ist. . . . Wer die Entwicklung dieser Stadt wirklich fördern will, wer dieses große Gemeinwesen, diese Stätte unermeßlicher Arbeit zielbewußt ausgestalten will, kann über die Arbeiter nicht hinwegschreiten. . . . Heute hat Wien gesprochen, und was hat es erklärt? Was die Sozialdemokratie mit den Wiener Christlichsozialen auszufechten hat, steht auf einem besonderen Blatt, aber das geht, genau gesprochen, niemanden als eben diese zwei Parteien an. Aber wer ist in dieser Wahl aufgetreten, wer konnte auftreten? Die zwei Parteien, die für die Wahlreform sind!" Die einzige Lehre, die also das führende sozialistische Blatt aus dem Wahlkampfe zieht, ist also nicht etwa ein Gelöbnis, gegen die antisemitische Gewaltsherrschaft bis zu ihrem Zusammenbruche zu kämpfen, — nein, im Gegenteile, sie reicht Herrn Lueger die Hand zum Bunde. Daß die Ergüsse so und nicht anders gemeint waren, beweist die Antwort des antisemitischen Moniteurs tags darauf. Das „Deutsche Volksblatt" schreibt am 11. Mai: „Wie berechtigt aber diese in der Wählerschaft vorherrschende Empfindung ist, geht aus dem Artikel hervor, in dem die „Arbeiterzeitung" das Wahlergebnis vom Mittwoch bespricht. Das Blatt des Dr. Adler verfährt mit den Christlichsozialen sehr milde (sie!), nichts liest man über Wetterzeichen, die den Zusammenbruch der herrschenden Partei im Rathause verkündigen, nein, aus den Schlußzeilen des Artikels klingt vielmehr etwas wie Kompromißanbot heraus. Dr. Adler bietet den Christlichsoziaien seine biedere Rechte, wenn sie ihm helfen, die Gautschsche Wahlrefonn unter Dach zu bringen." Herr Vergani weist die biedere Rechte des Herrn Adler zurück; dies ändert aber nichts an der Tatsache, daß Herr Adler sie ihm zu geben bereit war. Ich werde wohl einer der letzten sein, die von den Sozialdemokraten erwarten oder verlangen, daß sie sich für die Juden exponieren; aber daß die Wiener Sozialdemokraten unmittelbar nach dem Siege, den sie nicht in letzter Linie ihren jüdischen Genossen und Mitläufern verdanken, die Stirn haben, den Christlichsozialen ein Bündnis anzubieten, und sie als eine Volkspartei zu preisen, „die ihre Wurzeln tief im Erdreich versenkt hat", ist zu bezeichnend für den Geist der Wiener Führer und der angeführten Genossen, als daß wir es nicht festnageln sollten. Der Sieg der Sozialdemokratie —- soviel er auch politisch zu bedeuten hat, da er für die nächsten Reichsratswahlen ihr den sicheren Gewinn einiger Mandate voraussagt, - hat den Juden nichts zu sagen. Man darf eben nicht die reichsdeutsche Sozialdemokratie mit der österreichischen verwechseln, die doch auch gar manches auf dem Kerbholz hat; man denke an den Widerstand, den die reichsdeutsche Sozialdemokratie der Organisation einer polnischen Partei entgegensetzt. Dies hindert mich natürlich nicht, mit dankbarer Anerkennung des -wahrhaft humanen Geistes zu gedenken, den die reichsdeutsche Fraktion im Reichstage wiederholt bei der Besprechung der russischen Judenfrage zum Ausdruck brachte. Bei der österreichischen Sozialdemokratie wird man vergeblich nach einem spontanen Eintreten für die jüdische Sache suchen; wenn sie sich notgedrungen analogen Anregungen, die von anderer Seite kommen, anschließen muß, so spielt die Rücksicht auf die jüdischen Stimmen, denen z. B. der Häuptling Daszynski sein Mandat verdankt, die erste Rolle, eine Erwägung, die bei den reichsdeutschen Sozialdemokraten gewiß keine Rolle spielt, weil niemand behaupten kann, daß eine Million sozialdemokratischer Stimmen von den Juden Deutschlands aufgebracht wird, die im ganzen eine halbe Million Seelen zählen. So sehr im negativen Sinne also die Niederlage der Wiener Christlichsozialen zu begrüßen ist, im positiven Sinne hat der sozialdemokratische Sieg für die Juden nichts zu bedeuten. Damit ist aber die Bedeutung der Wiener Wahlen nicht erschöpft. Den Liberalen weint niemand eine Träne nach. Aber es muß doch in jüdischen Kreisen ein Nachdenken erwecken, wenn in der Leopoldstadt, im zweiten Wahlkörper, an Stelle der Liberalen Christlichsoziale gewählt wurden. Die Leopoldstadt ist der wunde Punkt der österreichisch-jüdischen Politik; aber man muß den Finger an diese Wunde legen, selbst auf die Gefahr hin, daß man manche Illusionen zerstört." Nach der letzten Volkszählung U900) sind in Wien bei einer Gesamtbevölkerung von 1674 957 Einwohnern 146926 Juden ansässig. Bei den Wahlen kommen vor allem die Bezirke I, II, IX und XX, Innere Stadt, Leopoldstarit, Aisergrund und Brigittenau in Betracht, in denen die Juden in größerer Dichtigkeit wohnen. Das Verhältnis ist folgendes: I. Bez.: Gesamtbevölkerung 58503, darunter 11393 Juden (gegen 43365 Katholiken). II. Bez.: Gesaintbevölkerung 144365, darunter 52543 Juden (gegen 87343 Katholiken). IX. Bez.: Gesamtbevölkerung 94582, darunter 17 206 Juden (gegen 73 123 Katholiken). XX. Bez.: Gesamtbevölkerung 71445, darunter 11234 Juden (gegen 58504 Katholiken). Wir sehen also, daß kein Wiener Bezirk eine jüdische Mehrheit aufweist; selbst die Leopoldstadt, die Herr Lueger die „Judeninsel" getauft liat, weist nur eine allerdings starke jüdische Minorität auf. Das Verhältnis zwischen Juden und Nichtjuden ist in der Leopoldstadt ungefähr 1:2. Zahlenmäßig ist es etwas günstiger: in Wirklichkeit ist es, wie ich später ausführen werde, viel ungünstiger. Solche Minderheiten, wie es die jüdischen sind, können nur bei Proportionalwählen zum rechten Ausdruck kommen. Der vorliegende Gautschsche Wahlreformentwurf schließt aber diese Methode für Wien aus. Er schlägt statt dessen vor, um die Minoritäten doch zu Wort kommen zu lassen, daß einzelne Bezirke für die Wahl in kleinere Einheiten zerlegt werden. So wird die Leopoldstadt in zwei Wahlbezirke zerlegt, von denen der eine dichter von Juden bewohnt ist als der andere. Die innere Stadt wird in vier Teile geteilt, von denen das Quaiviertel dicht von Juden bewohnt ist. Wahrscheinlich wird auch vom Aisergrund die mehr arische Rossau abgetrennt, und in dem übrig bleibenden Teile werden den Juden mehr Chancen geboten. Nebenbei wil! ich auch erwähnen, daß der vierte Bezirk (Wieden) zwei Mandate erhält, obgleich er nur 59 996 Einwohner, darunter 2990 Juden zählt. Die Millionen Rothschilds verschaffen den Christlichsoziaien ein zweites Mandat; das ist die Ironie der Geschichte. Bei der MandatsverteiluHg wird nämlich nicht nur auf die Einwohnerzahl, sondern auch auf die Steuerleistung Rücksicht genommen. Rothschild ist nun auf der Wieden wohnhaft und garantiert für absehbare Zeit den Antisemiten ein zweites Mandat. Bei den letzten Wahlen wurden auf der Wieden im vierten Wahlkörper (allgemeine Wählerklasse) 1085 sozialdemokratische gegen 3684 christlichsoziale Stimmen abgegeben. Um nun zu unserem Hauptgegenstande zurückzukehren, kann ich die Auspizien selbständiger jüdischer Kandidaturen selbst in den quasi jüdischen Wahlbezirken Wiens unter den heutigen Verhältnissen nicht als günstige gelten lassen. Wie ich früher erwähnte, ist das Verhältnis zwischen Juder; und Nichtjuden in der Leopoldstadt (und dementsprechend in den anderen Bezirken) viel ungünstiger, als die Zahlen zu versprechen scheinen. In Wien wohnen nämlich zirka 140280 ungarische Staats bürger, davon die Hälfte Juden, die natürlich bei den politischen Wahlen kein Stimmrecht hatten, von ihnen der Großteil in der Leopoldstadt und in der inneren' Stadt. Die Zahl der Wähler des zweiten Bezirkes ist 26694. Bei den letzten Wahlen stimmten 8 048 für die Christlichsozialen und nur 7381 für die Sozialdemokraten. Dieses Verhältnis würde sich bei selbständigen jüdischen Kandidaturen natürlich noch zuungunsten der Juden verschärfen. Mutatis mutandis gilt dies auch für die anderen Bezirke. Trotzdem bin ich weit davon entfernt, eine nationale jüdische Politik in Wien für aussichtslos zu bezeichnen. Im Gegenteil, ich habe seit Jahren für diesen Gedanken gewirkt und sehe die Dinge heute günstiger an als früher. Aber man muß sich vor Augen halten, daß die Lage viel komplizierter ist, als manche glauben. Um mit Aussicht nationale Kandidaturen in Wien aufzustellen, bedarf es einer schweren, aber nicht unmöglichen Kleinarben und Vorarbeit, für die ich heute kaum die Anfänge sehe. Ich spreche nicht von der selbstverständlich notwendigen Agitation, um das Großteil der Wiener Juden dem assimilatorischen Geiste zu entreißen, der sie heute auf die sozialdemokratische Fahne schwöre;1 läßt, so wie sie gestern auf die liberale schwuren. Selbst wenn wir alle Wiener Juden unter dem nationalen Banner geschart hätten, was noch in weiter Ferne steht, hätten wir bei den allgemeinen Wahlen rebus sie stantibus keine Erfolge. Wir können sie nur dann erzielen, wenn die ungarischen Juden Wiens samt und sonders das Wahlrecht in Wien erhielten. Das ist nach dem neuen Heimatsgesefre nicht unmöglich; allerdings haben die christlichsozialen Machthaber dem einen Riegel vorzuschieben gesucht, indem sie — gegen den Geist des Gesetzes — durchsetzten, daß jeder fremde Staatsbürger bei der Aufnahme in den Wiener Gemeindeverband eine Maximaltaxe von 600 Kronen erlegen muß. Natürlich wird für jüdische Bewerber die Maximaltaxe zur Minimaltaxe. Hier muß eine zielbewußte Arbeit einsetzen. Aber diese Arbeit muß eben geleistet werden, ohne sie halte ich einen Sieg unserer politisch-österreichischen Ideen für ausgeschlossen, obwohl ich weiß, daß die Verhältnisse im Osten der Monarchie für eine politische Betätigung der Juden günstiger liegen als im Westen. Viel läßt sich auch in Wien durch eine vernünftige Kompromißpolitik mit nichtantisemitischen Parteien erzielen, sobald wir eine Macht hier geworden sind. Wir werden aber erst dann eine Macht sein, — das ist meine persönliche Überzeugung, — wenn wir die angedeutete, unumgänglich notwendige Kleinarbeit geleistet haben werden.