Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 22 (1.6.1906)
- Date
- 1906-06-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Reichskanzler sollten da nicht dareinzureden haben? Mas sen aus weis u n gen der Angehörigen eines bestimmten Staates sind stets Maßregeln, welche die auswärtige Politik berühren, und deshalb immer Angelegenheiten, die das Reich a n gehen." Speziell, was Rußland anbelangt, kann man, wie die Dinge liegen, mit Bestimmtheit erwarten, daß der Akt der Ausweisungen die ohnehin bestehenden starken Antipathien gegen Deutschland noch wesentlich steigern wird, — besonders wenn das neue Regime zum Durchbruch gekommen sein wird. Man ist es gewohnt, in Rußland selbst die Deutschen überall dort zu sehen, wo die Freiheit aufgehalten oder niedergedrückt wird; man ist auch auf ihre scharfe wirtschaftliche Konkurrenz nicht gut zu sprechen. Nimmt nun Preisen Revanche für Algeciras, so werden die Russen um so mehr Revanche für die Ausweisungen nehmen. Boykott gegen Preußen, — das kann eine gefährliche Losung werden. Daß man bereits begonnen hat, diese Losung auszugeben, ist bekannt. Und es scheint, daß sie sich fortpflanzt, wie die nachfolgende Meldung zeigt: Warschau, 30. Mai. Eine Versammlung christlicher und jüdischer Kaufleute hat beschlossen, deutsche Waren nicht zu kaufen, ausgenommen solche aus Sachsen und Bayern, weil dort keine Russenausweisungen erfolgten. In Deutschland selbst werden schon warnende und ängstliche Stimmen laut. Wir lesen in der „Breslauer Zeitung": Deutsche, Polen und Juden. Die polnischen Juden sind bei den Wahlen für die Duma gegen die vereinigten Deutschen und Polen unterlegen. Während also in Preußen die Polen energisch bekämpft werden, verbünden sich in Rußland die Deutschen mit den Polen, um die Juden, die nach Ansicht der bedeutendsten Nationalökonomen die einzigen Förderer des Deutschtums in Rußland sind (der polnische Jude läßt seine Kinder stets deutsch erziehen), von der Duma auszuschließen. Es ist dies um so widersinniger, als die Polen kein Hehl daraus machen, daß sie nach Erlangung der Autonomie die Deutschen aus Polen hinausjagen werden. Furchtbar sind die Deutschen für ihren Rassenhochmut bestraft worden: sie haben in den baltischen Provinzen, in ihrer ureigensten Domäne, keinen einzigen Kandidaten durchgebracht. Nachdem die verbündeten Esthen und Letten 9 Sitze unter sich verteilt hatten, verschenkten sie, um die Deutschen zu verhöhnen, die letzten beiden Sitze an je einen Russen und Juden. Also den Deutschen, mit denen sie jahrhundertelang die Scholle teilten, verweigerten sie Sitz und Stimme in der Duma; die Juden hingegen, denen bisher der Aufenthalt in den Ostseeprovinzen von den Deutschen verwehrt wurde, erhielten ein Mandat zugeteilt. In den Provinzen am Schwarzen Meere, in welchen Deutsche und Juden gemeinsam deutsche Kultur verbreiten, ist es gelungen, deutschsprechende Kandidaten durchzubringen. Wie ein Antagonismus mutet es uns an, wenn der Abg. Brandenstein verächtlich ausruft: „Der Antisemitismus in Deutschland wird vor allem durch die russischen Juden genährt!" Die Austreibung der Deutschen aus den Ostseeprovinzen ist nach dem Ausfall der baltischen Wahlen nur eine Frage der Zeit. Der deutsche Rassenhochmut ä la Chamberlain hat wieder einmal böse Früchte getragen." Wenngleich in dieser Darstellung manches unrichtig ist, wie das „Verschenken" der Mandate von Seiten der Letten oder die Identifizierung der deutschsprechenden Juden mit bewährten deutschen „Kulturträgern", — die Schlußfolgerungen sind durch die Tatsachen der letzten Tage durchaus nicht Lügen gestraft worden. .,Das ist der Fluch der bösen Tat" . . . DIE VIERTE KONFERENZ DES VERBANDES FÜR JÜDISCHE VOLLBERECHTIGUNG IN RUSSLAND Brief aus Petersburg In der Zeit vom 24. bis 27. Mai tagte in Petersburg die vierte Konferenz des „Verbandes für jüdische Vollberechtigung". Der Verband stellt bekanntlich die politische Organisation dar, die vor und während der Wahlen zur Reichsduma die Führung der jüdischen Bevölkerung übernommen hatte. Der Verband vereinigt in sich Vertreter verschiedener Richtungen, darunter viele Zionisten und Nationaljuden, denen als einigendes Ziel die Erreichung der Vollberechtigung vorschwebt. Schon ehe nun der Verband zu seiner dritten Konferenz zusammentrat, konnte man mit Bestimmtheit erwarten, daß die diesmalige Zusammenkunft zu lebhaften Auseinandersetzungen führen würde. Die Fragen der Tagesordnung waren Wochen vorher Gegenstand hitziger Diskussionen in Versammlungen und in der Presse, und in den verschiedenen Lagern sorgte man für eine zahlreiche und gute Beschickung der Konferenz, auf der tatsächlich neben den Dumaabgeordneten eine ganze Reihe in der Öffentlichkeit bekannter Persönlichkeiten erschien. Die Versammlung nahm aber einen noch weit erregteren Verlauf, als man vorausgesehen hatte, ja es gab sogar stellenweise stürmische Szenen, bei denen die Geister auf das heftigste aneinanderprallten und ein Zusammenbruch des Verbandes zu befürchten war. Sicherlich ist ein Teil der Erregung der allgemeinen nervösen und hochgespannten politischen Stimmung zuzuschreiben, von der Petersburg jetzt erfüllt ist. Zweifellos aber handelte es sich um weitreichende prinzipielle Kämpfe, die für die weitere Entwicklung der russischen Juden von großer Bedeutung sind, und von denen es leicht verständlich ist, daß sie mit dem Einsatz aller Kräfte geführt wurden. Mit um so größerer Genugtuung kann man das Endergebnis begrüßen, das in einem Ausgleich der schon für unüberbrückbar gehaltenen Gegensätze und in einer Einigung aller Parteien gipfelte. Diese schließliche Einigung ist ein Zeugnis für die politische Reife der russischen Juden, die angesichts des Ernstes der Situation das Interesse der Zusammenfassung aller jüdischen Kräfte höher stellten als ihre Parteiforderung. Die Hauptfragen, die vor der Konferenz standen, waren: Sollen die jüdischen Abgeordneten in der Durna eine national-jüdische Gruppe bilden, oder sollen sie, unter die Einzelparteien je nach ihren Anschauungen verteilt, die jüdischen Interessen nach eigenem Ermessen vertreten? Und wenn sie eine Gruppe bilden, soll diese einen Klubzwang nach dem Majoritätsprinzip auf ihre Mitglieder ausüben können? Für und gegen die Gruppenbildung, für und gegen den Klubzwang ging die Diskussion der Delegierten (deren Zahl etwa 100 betrug). Die Gründe, die für eine national-jüdische Gruppe und deren verbindliche Kraft ins Treffen geführt wurden, waren ungefähr folgende: Die Juden haben trotz aller Drohungen und Einschüchterungen seitens der verschiedensten gegnerischen Elemente des Landes eine ganz außergewöhnliche Anteilnahme an den Wahlen genommen, sie haben jüdische Vertreter gewählt, weil sie bestimmt voraussetzten, daß die Juden an ihnen ihre unbedingten Sachwalter und Verteidiger haben werden. Diese jüdischen Deputierten hätten demnach kein Recht, in anderen Parteien unterzutauchen und den Schutz der jüdischen Interessen unter der Firma anderer Parteien zu leisten. Die jüdischen Wähler haben ihre Deputierten nicht als K.-D. oder S.-D., sondern als Juden gewählt. Selbstverständlich müssen sich, die jüdischen Abgeordneten zu einer Gruppe zusammenschließen, um das Judentum deutlich in die Erscheinung zu bringen, um durch die Existenz einer Gruppe allein den jüdisch-nationalen Gedanken zu manifestieren und zu beweisen, daß die Juden sich als eine besondere Nation fühlen, was viele noch zu bestreiten geneigt sind. Die Existenz der Gruppe wird weiter dazu führen, daß die Judenfrage offen auf die Tagesordnung der Duma gesetzt und nicht auf Umwegen gelöst werden wird, wodurch ein Umschwung