Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 21 (25.5.1906)
- Date
- 1906-05-25
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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— Ha? Was ist? — fragte kühl und ruhig der Herr. — Bin gekommen . . . ums Geld . . . stammelte gesenkten Hauptes der Jude. — Ums Geld?? — fragte, gleichsam erstaunt, Skalskyj. — Ums Geld?? . . . Hm! . . . Und wofür Geld? Habe ich etwa irgendein Geschäft in Cwitkow, daß ich jetzt hier sitze? Gestern sollte ich im Zuge sitzen, du aber hast mich nicht rechtzeitig hergebracht. Was für ein Geld also? — Gott! — wehklagte der Jude. — Ich habe Sie ja hergebracht, habe die Pferde abgerackert! . . . Herr Gott! . . . Geben Sie, für wieviel Sie mich gemietet. — Hab' ich's dir denn nicht gesagt, daß du nichts bekommst, wenn wir uns verspäten? Hab' ich dir nicht gesagt: „schlag die Pferde!" Doch sie haben dir leid getan! Nun, es ist dein Verschulden! — Herr, hab' ich sie nicht geschlagen? Wenn Sie sich heute ihre Haut ansähen! Lauter Striemen, lauter Wunden von der Peitsche . . . Gräßlich anzusehen! . . . Was fang' ich nun an? . . . Weh mir! * . . . Und der Jude schlug die Hände vors Gesicht. Seine Finger bebten. — Geschlagen schon, doch nicht, wann es nötig war. Na, dann verlange auch kein Geld. Der Herr füllte sein Glas und trank. — Haben Sie Mitleid! — schluchzte der Jude. — Diese drei Rubel wird ja mein Herr niemanden sonst abziehen als mir . . . Und ich habe auch ohnedies keinen Heller. . . Herr, auch Sie . . . sind ja ein Mensch . . . Haben Sie ein wenig Erbarmen mit mir .. . — Gib mir Ruh', sag* ich dir! Was geht das mich an? . . . Wenn du noch zudringlich wirst, dann paß auf: Sobald ich von Kiew zurück bin, erstatte ich bei Gericht die Anzeige, daß ich mich hier durch dich unnützerweise aufgehalten habe. Heute habe ich in Kiew ein wichtiges Geschäft, hocke aber hier in Cwitkow. — Aber womit soll ich das meinem Herren zurückzahlen? . . . Weh mir! Mein Sohn ist krank, liegt im Sterben . . . Für die Arzneien kann ich kein Geld auftreiben, da kommt noch das dazu! . . . Kann ich was dafür? Wollte ich diese Verspätung? . . . Ein dumpfes Schluchzen ging durch den Saal. — Sascha, magst du noch ein Bier! — wandte sich Herr Skalskyj zum Sohn, ohne auf Itzig zu achten. Doch der Jude war nähergetreten, erfaßte heftig seine Hand und küßte sie: — Herr . . . gütiger Herr, bezahlen Sie! . . . Mein Sohn stirbt . . . mein Herr jagt mich davon . . . geben Sie . . . geben Sie . . . Bei Ihnen sind drei Rubel eine Kleinigkeit, aber bei mir armen Teufel! . . . Ich habe einen Sohn . . . Hören Sie, Herr! .. . einen Sohn . . . einen Sohn!. . . Mein Schloime, mein Ältester!! .. . Sterben wird er!! ... — schrie er wild, wie besessen. Und von der Leidenschaft der Angst gepeitscht, bedeckte er die Hand des Herrn mit Küssen. Unangenehm berührt, entzog Skalskyj ihm die Hand und zuckte die Achseln. — Für die Zukunft hast du eine Lehre — stieß er durch die Zähne hervor. — Haben Sie Mitleid mit einem Armen! . . . Geben Sie wenigstens so viel, daß ich für die Nacht im Einkehrhaus bezahlen kann .... flehte schließlich der Jude. Der Herr schüttete den Rest der Flasche ins Glas, für ihn war der Jude überhaupt nicht anwesend. Itzig wischte sich die Tränen ab. Plötzlich entfernte er sich. In der Tür blieb er stehen und blickte zurück: Skalskyj trank das Bier. — Das ist das Blut meines Schloime! — wollte er aufschreien, allein er seufzte nur schwer und ging weiter . . . — Vater, bezahlt ihn! — bat nun der Sohn. Herr Skalskyj sah ihn verwundert an. — Es wundert mich, Sascha,, so etwas von dir zu hören: Ich glaube, du bist kein kleines Kind mehr, und du verstehst das nicht? Ich darf ihm ja schon aus Prinzip nicht bezahlen. — Wie das aus Prinzip? Er hat ja . . . — Ich hieß ihn umkehren, dazu noch in der Stadt. Sagte ich, daß ich ihn zahlen werde? Sagte ich nicht in Bahatschiwka, er solle zur Poststation fahren? Was willst du mehr? Im Innern habe ich recht, und was die formale Seite anbetrifft, glaube ich auch im Recht zu sein! Mit seiner Rede zufrieden, warf er dem Sohne einen Blick zu, aus dem das Bewußtsein seiner Überlegenheit hervorleuchtete. — Ja, Ihr scheint nur, was die formale Seite anbetrifft, im Recht zu sein, allein ... — Hör' zu, — fiel der Vater dem Sohne rasch ins Wort — wenn der Schneider dir Hosen anfertigt, die nur auf eine Katze hinaufkönnen, wirst du ihm bezahlen? — Papa, dann nehmt Ihr ja seine Arbeit nicht an, aber der da hat uns hergefahren, hat die Pferde abgequält . . . — Besser, wenn er uns nach drei Tagen hergebracht hätte! — brauste der „Papa46 auf. — Vierzig Werst zwölf Stunden fahren! Ist das nicht unerhört! Das macht ja eine Werst — 5 Stunden. . . Mit einem Wort ... So lange fahren, wer hat das je gesehen! . . Skalskyj faßte sich mit Würde an den Kopf. — Schon aus Überzeugung kann ich nicht bezahlen, und ich bin ein Sklave der Überzeugung! . . . Willst du vielleicht, daß ich ihm umsonst das Geld gebe, aus Mitleid etwa? — Meinetwegen aus Mitleid nur . . . — So viel Geld habe ich nicht, daß ich jemand drei Rubel aus Mitleid geben könnte, — erwiderte der Vater. — Paß mal auf: Unlängst mußte ich im Pensionat hundert Rubel für deine Schwester zahlen, und jetzt muß ich auch für dich zahlen; überdies wirst du mich auch noch um etwas bitten für Kleinigkeiten. Na, woher soll ich dann all das Geld nehmen, wenn ich jedem schäbigen Juden drei Rubel schenken werde? Der Gymnasiast fühlte sich beleidigt und begann an den Lippen zu kauen. — Übrigens, ich glaube, du hast einige Rubel bei dir, die die Mutter dir gegeben? Wer wehrt dir's denn, sie an Itzig zu verschenken, wenn du gar so mitleidig bist? — fügte Skalskyj lächelnd hinzu. Der Sohn wußte nichts Besseres zu tun, als die Frage des Vaters zu ignorieren. Er antwortete nicht. Überdies vergaß er bald den Juden und begann darüber nachzugrübeln, wie er wohl am leichtesten den Vater in Kiew hintergehen und wenigstens manche von den mitgenommenen ukrainischen Büchern behalten könnte. Der Zug sollte ankommen, und der Saal wimmelte bereits von Reisenden. Schließlich waren alle eingestiegen. Im Coupe hatten unsere Reisenden einen schönen, wohlgepflegten Herrn zum Nachbar. Diesem erzählte der alte Skalskyj von der „Zudringlichkeit" des Juden. — Sollte man das glauben? — erzählte er im Tone gespielter Entrüstung. — Spielte sich auf einen Lazarus heraus . . . mengte seinen Herrn hinein . . . und den kranken Sohn . . . und das . . . und jenes . . . Hören Sie? . . . Ein Jude natürlich! . . . Und Sascha glaubte ihm schon! Der Nachbar lächelte gutmütig. — Junger Mann, junger Mann! . . . Ihr kennt die Welt ganz und gar nicht, und deshalb streitet ihr mit den Vätern herum, ja ja! — sprach er salbungsvoll. — Hören Sie nur auf solche Leute. . . Er wird Ihnen gewiß einen kranken Sohn, eine sterbende Frau erdichten . . . Ein Jude eben! Sein Ton war wohlwollend-vorwurfsvoll. Dann beugte er sich zum alten Skalskyj hinüber und flüsterte ihm ins Ohr: — Wissen Sie, Ihr Sohn hat .ein wunderbares Herz, nur ist er sentimental. Behüten Sie ihn vor Übereilung. Bei seinem nervösen Temperament würde es ihm nicht schaden, etwas mehr Egoismus zu haben. Der edle Herr bekümmerte sich ganz unnötigerweise um den Jungen. Alexanders Hirn nahm jetzt eine viel wichtigere Angelegenheit in Anspruch: Wie könnte man wohl vor dem Vater die ukrainischen Bücher verstecken? Und es fiel ihm gar nicht ein, an Itzig zu denken, auch nicht an den sterbenden schäbigen Judenjungen. S° KORRESPONDENZEN °% Wir erhalten folgende Zuschrift aus Liverpool: Sehr geehrter Herr! Auf einem Meeting der Liverpooler zionistischen Vereine vom 20. Mai wurde auf einen Antrag des Präsidenten der „Poalei-Ziön", der vom Vizepräsidenten der „Agudas Hazionim" mitvertreten und \ von den Repräsentanten der anderen Vereine unterstützt wurde, nachfolgende Resolution einstimmig angenommen: „Das Meeting der vereinigten Liverpoler zionistischen Vereine, unter Vorsitz des Zentralkomitees, wünscht seine dankbare Anerkennung für die unermüdliche Arbeit des Herrn L. J. Greenberg im Interesse der nationaljüdischen Bewegung zum Ausdruck zu bringen. Es spricht ihm als dem englischen Mitglied des Aktionskomitees sein vollstes Vertrauen in seiner Führung aus, indem es zugleich die Hoffnung zum Ausdruck bringt, daß die unqualifizierbaren und ungerechtfertigten Angriffe, denen er von Personen, die sich