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Die Welt · 1906-05-25 · 21 (25.5.1906) · page 13

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
21 (25.5.1906)
Date
1906-05-25
Page
– (sequence 13)
Language
German
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No. 21 DIEIqKELT 15 Influenza! Und auch an meinem Haus ist sie nicht vorbeigegangen! . . Und wieviel die Arzneien allein kosten! Und auch der Doktor muß bezahlt werden.. Oj waj, waj! . . . Und überdies bricht noch der Schabbes herein ... und Geld braucht man zu alledem, Geld zu allem . . . Oi, wird Schloime am Leben bleiben? . . . Finster wird es draußen, immer finsterer. Wieder erhebt es sich, wie ein Sturm. Der Fahrdamm ist nicht zu sehen, und wo eigentlich der Weg sein soll, ragen Schneeberge in die Luft. — Der Fahrdamm ist nicht zu sehen, — denkt der Jude. — Oder vielleicht sehe ich ihn nicht, weil ich zwei Nächte nicht geschlafen habe? Es scheint so. Verlaß dich also auf die Pferde, sollen sie selbst den Weg finden. Br macht die möglichsten Anstrengungen, um ja den Weg zu erblicken, doch seine Äugen sind wie geblendet. Schnaubend waten die Pferde bis über die Knie im Schnee..... Plumps! Der Schlitten kippte um, die Passagiere fielen heraus. Im Fallen war der junge Herr ein wenig auf seinen Vater angeprallt, flog aber selbst glücklich auf den weichen Schnee. Auch der Vater war nicht tot. Nur der Jude, vom hohen Bock herunterfallend, stieß an irgendeinen festgefrorenen Erdklumpen an und stöhnte schwer auf. Herr Skalskyj kroch unter dem umgestürzten Schlitten hervor und ging fluchend auf den am Boden Liegenden los. — Verdammtes Aas, Judü — schrie er ihn zornig an, während er ihm mit der Faust den Nacken bearbeitete. Itzig krümmte sich bloß und hörte nicht auf, liegend zu schreien: Oj waj, oj waj! — Seht mal her!' Uns hat er umgeschmissen, und nun jammert er gar noch selber! Wirst du sofort aufstehen! — schrie er ihn roh an. Der Jude stöhnte. — Weh mir, erschlagen hab' ich mich und kann nicht aufstehen! . .. Rettet mich!.. . . Ich kann mich selbst nicht erheben. — -- Erschlagen hast du dich?! — fuhr ihn in höhnischem Ton Herr Skalskyj an. — Erschlagen hat er sich, erschlagen! . . . Und wir haben uns nicht erschlagen?! . . . Na, steh auf, denn du hoffst doch nicht am Ende, daß ich dir die Hand reiche, dich Schmutzaas herauszuziehen?! — Der Kutscher kam endlich zu sieh, erhob sich mühselig und fing an, den Schlitten herzurichten. Doch vermochte er ihn um keinen Preis zu heben und gerade zu stellen; — Herr, — bat er mit verschüchterter und flehender Stimme den Dickwanst,vielleicht möchten Sie mir ein klein wenig helfen! — Nun seh mal einer an! — fuhr der ihn empört an. — Ja, wofür nimmst du eigentlich Geld? Ich zahle ja, und nun soll ich auch den Schlitten noch herrichten!! '. . . Du Christverkäufer! Zieh ihn sofort heraus, oder ich zerschlage dir das ganze Gebiß! Ich und der Sohn, wir frieren schon ohnedies durch und durch! . . . Da begann der Jude sich wiederum anzustrengen, trieb die Pferde an, bis endlich der Schlitten in die richtige Stellung kam. Die Herren stiegen ein, die Pferde setzten sich in Bewegung. — Weh mir! — klagte in Gedanken der Jude — wieviel Zeit wir da verloren haben, und dazu gehen die Pferde noch so langsam! — Er zitterte vor Kälte, fühlte, wie ihm am Körper der Schnee schmolz, der ihm hinter den Kragen gekommen war; er blies sich in die Hände. — Hüo, hüo! — schrie er den Pferden zu. Sie gingen langsam vorwärts. Der Herr schimpfte ununterbrochen. Der Jude schwieg und trieb unausgesetzt die Pferde an, daß sie schneller gingen. Schnee, Schnee . . . . Der Schlitten stieß an irgendetwas an und wäre beinahe umgestürzt. Den Nacken des Juden trafen zwei Fausthiebe. — Wofür .denn? — wandte er sich verbittert zu Skalskyj. — Warum schlagen Sie mich denn? Ich bin ja auch ein Mensch. — Du ein. Mensch?! Das läßt sich hören! Ein Jude bist du, was sonst! Ein Tier, ein Vieh! Das „Vieh" senkte ergeben den Kopf. — Nu, es ist ja nicht mehr weit zum Bahnhof, sechs Werst — sprach nach einer halben Stunde erleichterten Herzens der Kutscher. — Bis Burty sind es nunmehr gegen zwei Acker, und von da . . . - Schüren! Der Schlitten stieß an und blieb in einem Tümpel stecken, der mit Schnee verdeckt war. Gleichwohl stand er, nur kam das Vorderteil höher zu stehen als das Hinterteil. Vergebens zerrten die Pferde, vergebens schlug der Kutscher auf sie ein, — nichts änderte sich.: der Schlitten stand im Schnee, so wie er stecken geblieben war. Der Jude stieg ab und stemmte sich von rückwärts, um ihn herauszuziehen, doch vergeblich! Der Schlitten kam nicht vom Fleck. Da begann er auf die Pferde einzuhauen, und eins von ihnen brach vor Schwäche zusammen. — Sollen wir hier übernachten, Höllensohn? — schrie der Dickwanst. — Keinen Heller kriegst du! — Der Jude stand da, bebend vor Schmerz und machtlos. Eine Weile lang überlegte er. — Herr ... — sagte er mit Tränen in der Stimme, — Sie . . . Sie ... steigen aus, sonst ziehen uns ... die Pferde . . . nicht heraus . . . aus diesem Tümpel . . . In den heftigsten Schimpfereien, die der russische Sprachschatz enthält, sich ergehend, mußte der Herr doch aussteigen, nicht ohne vorher dem Juden einen tüchtigen Hieb versetzt zu haben. Der Jude begann auch das Gepäck abzuladen; ermüdet, wie er war, gelang ihm dies nur mit schwerer Mühe. — Das ist ja kein Gepäck mehr, ganze Kisten sind es, — stöhnte er. — Na, warte nur! Deine Gäule taugen ja zu gar nichts, daß sie nicht bloß den Schlitten, sondern auch sich selbst nicht vom Fleck bringen können. — Die Pferde, wie, die Pferde, aber die Schneeverwehung . . . — Halt's Maul! - fuhr ihn zornig der Herr an. — Er wird noch was zu reden haben!.. Hast noch wenig Schläge bekommen?!. . Der Jude richtete das hingefallene Pferd auf und begann nun beide anzutreiben. Doch schon nach dem ersten Peitschenhieb fiel auch das zweite Pferd um, und bald lagen beide da. — Was fang' ich nur an?! - ließ sich verzweifelt der Kutscher hören. — Helft ihn herausziehen, meine Herren! Erweiset mir diese große Gnade! Wieder erging sich Skalskyj in den häßlichsten russischen Schimpfworten und weigerte sich, in die Schneetiefe zu kriechen, wo ^der Jude stand, schrie aber Itzig an, warum er das Gepäck im Schriee naß werden lasse. Der „Christverkäufer'* mußte ins Dorf laufen. Bald war er mit einem jungen Bauer zurückgekehrt. — Kann man bei euch keine Pferde kriegen, um dieses Aas da los zu werden? — fragte ihn der Herr. — O, warum denn umsteigen? — fiel der Kutscher ein. — Mensch, hilf mir den Schlitten herausziehen, sieben Kopeken gebe ich. Allein der Bauer hörte nicht auf den Juden. — Freilich kann man kriegen, —- erwiderte er feierlich, sich über das „freilich" freuend. — Aber, müssen Sie zwei Pferde haben? — Ja, zwei! Beeile dich also, damit wir noch den Zug antreffen. Eine halbe Stunde verstrich. Der Bauer kam zurück, aber ohne Pferde, weil die paar Pferde des Dorfes alle ausgefahren waren. Nun erst begann er dem Juden zu helfen. Doch auch zu zweien vermochten sie nichts auszurichten. Endlich zwang die unabwendbare Not auch den Herrn und dessen Sohn, die Hände an den Schlitten zu legen. Mit schwerer Mühe brachten sie ihn aus der Pfütze. Nun gingen die Pferde, die ein wenig ausgeruht hatten, weiter. — Hau doch tüchtig mit der Peitsche drein! — donnerte der Herr. — Was bemitleidest du sie! Immer dieses „hüo, hüo!" Mit dem „hüou kommst du nicht weit! Der Jude überwand sein Mitleid und schlug mit der Peitsche auf die Pferde los. Das eine wieherte, wandte den Kopf nach rückwärts und sah Itzig gleichsam vorwurfsvoll an. — Man kann nicht, Herr, sie müssen ein paar Minuten ausruhen, dann stehen sie von selbst auf. Herr Skalskyj schien des Schimpfens müde geworden zu sein, denn schweigend hörte er Itzig zu. Auf . einmal fingen die Pferde an zu schnauben, bäumten sich und wollten nicht vorwärts. Der Kutscher merkte auf und sah, daß mitten auf dem Wege ein krepiertes Pferd lag, gewiß eine Folge dieser harten, schweren Fahrt. Zusammengepreßten Herzens umfuhr er das Aas. . . . Sie verspäteten den Zug. Die Herren übernachteten im Wartesaal, den Frühzug abwartend; der Jude begab sich samt Pferden und Schlitten in das nächst der Bahnstation gelegene Einkehrhaus. II. Frühmorgens acht Uhr. Außer unsern gestrengen Herren, Vater und Sohn, sind im einfachen Wartesaal von Cwitkow noch keine Reisenden zu sehen. Jene hatten bereits einen Tee zu sich genommen, einen zweiten, und nun ließen sie sich Bier bringen. Und gerade in diesem Moment trat Itzig herein. Nachdem er schüchtern um sich gesehen, ging er an den Tisch heran, blieb stehen und wartete" schweigend, bis Skalskyj selbst ihn fragen würde, was er hier suche. Allein der Herr schwieg und tat so, als ob er den Juden überhaupt nicht bemerkt hätte. — Herr . . . redete ihn sehr leise der Kutscher an. Keine Antwort. — Herr! — sagte Itzig etwas lauter.

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