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Die Welt · 1906-05-25 · 21 (25.5.1906) · page 12

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
21 (25.5.1906)
Date
1906-05-25
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Und meine Kinder? Hab' ich es .denn nicht auch nötig, etwas zu verdienen? --Jüdlein, Jüdlein! Verdienen mußt du! Du stirbst Hungers? . . . Hast ja mehr Geld als der Herr da, den du bald fahren wirst.— Traurig lächelte der Jude, ließ das Haupt sinken und hing seinen Gedanken nach. Seine matten, tief in den Höhlen liegenden Augen sahen in die Ferne mit bleiernem, leblosem Blicke. Es hatte den Anschein, als sei der Jude vor Schrecken für immer erstarrt. Alles an ihm, sein kleines, rotes, im Frost gefrorenes. Bärtc-hen* sein fahles, grünliches Gesicht und auch die Schläfenlocken waren gleichsam vom Schreck erfaßt wie er selbst. Ein eisiger Winterwind stürmte heulend daher wie ein wildes Tier. Der Kutscher knöpfte fester den alten, abgetragenen Pelz zu und verharrte in seiner träumenden Stellung. Er hörte auch nicht, daß der Bürger halblaut vor sich hin sang: Ich bin ein Jüdlein, Still ergeben; Bin mager, Werd' nie fett im Leben. ... : ' Er hörte es nicht, denn seine Gedanken waren weit weg von hier. In seinem Heim weilten sie, wo nicht alles im Überfluß da war. - Jud! he du Jud! — herrschte ihn ein feiner Herr an, der soeben mit seinem kleinen Sohne, einem Gymnasiasten, aus dem Hause getreten war. Der Kutscher fuhr auf und wandte sich mit ergeben fragenden Blicken dem Herrn zu. - Geh'doch rascherund hol' aus der Kammer das Gepäck!-— befahl der Herr.' Der Jude beeilte sich, lief in den Hausflur und kam dann mit einem großen, schweren Koffer heraus, den er im Wagen unterbrachte; hernach holte er keuchend einen zweiten, der nicht leichter war als der erste. Als das gesamte herrschaftliche Gepäck untergebracht war, krochen Vater und Sohn in den Wagen; umwickelten die Füße mit einem Fell und streuten noch Heu darauf, damit ja kein Lufthauch eindringen konnte. Und die Kutsche setzte sich in Bewegung. Sie fuhren zur Stadt hinaus. Ein Sturm fegte Schnee daher und schlug damit selbst den durch das Zelttuch geschützten Herren ins Gesicht. Die Pferde kamen nur sehr langsam vorwärts. — Himmel, was das für Pferde sind! — sehne der Herr. — Wie soll man erst vierzig Werst mit solchen Pferden zurücklegen?!..... Kehr' um, Balagula (Kutscher), nach Hause! Lieber suche ich mir einen anderen Balagula, sonst kommen wir nicht nach Cwitkow." — Herr Skalskyj, — ließ sich darauf mit flehender Stimme der „Balagula" vernehmen, —Herr, fahren Sie mit mir. . . . Ich fahre doch immer mit den nämlichen Pferden Passagiere, und immer kommen wir gut und zur rechten Zeit an. — Rasch umkehren, sag' ich dir; denn wenn wir nur etwas zu spät zur Station kommen, zahle ich nicht! — drohte Skalskyj. — Fahren Sie, Herr, mit mir. ... Bis zum Abgang des Zuges sind's noch acht Stunden, und bis zur Station fahren wir alles in allem höchstens fünf Stunden. . . Wir werden noch rechtzeitig dort sein, — flehte ununterbrochen der Kutscher. — Oh, was wird mein Herr sagen, wenn ich jetzt zurückkomme? Fortjagen wird er'mich!— Und er hieb auf die Pferde ein, die anfingen, schneller zu laufen. — Du, merk' dir's, daß ich kein Geld gebe, wenn wir uns ein wenig verspäten! — schreckte ihn von neuem der Herr. Das Gewitter wütete, die Pferde, vom Kutscher ein ums anderemal geschlagen, legten über ihre Kräfte auf dem schneeverwehten Wege zwei Werst zurück, wurden aber bald müde. Der Jude bearbeitete das eine mit der Peitsche. Das Tier zitterte und drückte sich an seinen Genossen, ohne schneller zu gehen. Da holte Itzig gegen das zweite aus; kaum daß er es vom ermüdeten Pferde losbrachte. Die Pferde wateten Schritt für Schritt. — So schlag'sie doch!—schrie der feine Herr, trotzdem er sah, das Itzig sie ohnedies nicht schonte, — schlage sie, sonst schlage ich dich! Du willst wahrscheinlich, daß wir auf der Station übernachten?!— — Haben Sie Mitleid mit dem Tier,— bat der Jude, — wenn ich sie schlagen werde, werden sie bald müde und sich dann überhaupt nicht rühren können. . . . Und auf der Station werden wir rechtzeitig sein. . . . Hüo, hüo! — trieb er die Pferde an. — Laß, Papa! — sprach mit weicher Stimme der Sohn, der, ganz in Tücher vergraben, die Kälte nicht fürchtete, — nun was, werden wir eben eine Stunde weniger in der Station warten. . . . Mag er nur fahren, wie er fährt! .... — Was zum Kuckuck bin ich mit diesem Teufelsjuden gefahren? — brummte der Vater, als hörte er nicht des Sohnes Worte. Das Schneegestöber ließ etwas nach, die Fahrt wurde leichter, doch gingen die Pferde auf dem verwehten Wege noch immer nicht, wie es sich gehörte. Sie waren in einem Dorfe angelangt. — Weißt du was, Jud, — wandte sich der gnädige Herr Skalskyj zu Itzig, — fahre zur Poststation, Wir steigen in den Postwagen, und du kehre nach Hause zurück, denn was tun, wenn du besessene Lüdergäule hast und keine Pferde? -~ Der Jude kehrte nicht um. ■ — Da haben wir:ja bereits zehn Werst zurückgelegt, und das hat kaum etwas mehr als eine Stünde gedauert, — erwiderte er ehrerbietig und wurde betrübt. — Ich bezahle nicht, wenn wir uns verspäten. Der Jude schwieg. Wie lange wir noch auf diesen Zug werden warten müssen, dachte er und holte über den Pferden mit der Peitsche aus. Die armen Geschöpfe schienen es zu fühlen, daß es dem Fuhrmann leid tat, sie zu schlagen, und es hatte den Anschein, daß sie, wie um ihm zu danken, von selbst liefen, wie sie nur eben konnten. — —. ~~ ■'. — Vater, wozu fahrt Ihr eigentlich nach Kiew? — fragte der Gymnasiast, seinen Mund vonder Tücherunzahl befreiend. — Wie ich glaube, habt Ihr dort gegenwärtig giar keine Geschäfte, und Ihr fahrt nur, um zu reisen. . . . '! — Keine Geschäfte! — entgegnete der Vater unwirsch dem neugierigen Alexander und zuckte die Achseln. — Wer wird das besser wissen, ich oder du?! Auf die Mutter'gestützt, beging Alexander, ohne es zu wissen; eine große Taktlosigkeit: denn gestern wusch Madame Skalskyj den ganzen Abend ihrem Mann den Kopf und machte ihm eine sehr unangenehme, denervierende Szene, indem sie pathetisch die feststehende Tatsache konstatierte, daß er nach Kiew überhaupt nicht zu fahren brauche. Und nun wagte es der naive Gymnasiast, von neuem an das heikle Thema zu rühren. ' — Bist du etwa mein Kontrollor?! Soll ich etwa ..zuerst um deine Erlaubnis bitten? fuhr Herr Skalskyj plötzlich erzürnt den Sohn an. — Stecke deine Nase nicht in Vaters Angelegenheiten, die dich nichts angehen! . . . Sag' mir lieber, mein Söhnchen, --- fügte er sarkastisch hinzu, um Revanche zu nehmen, — was für ukrainische Bücher hast du heute in dem Ranzen eingepackt? . . Führst du sie nicht etwa ins Gymnasium?! Ha?! Um irgendein Unglück über dich heraufzubeschwören?! ... . Paß auf, daß du sie mir alle in Kiew zurückstellstf ... Nun schwiegen sie beide, und beide waren sie zornig. — Schloimunju, Schloimunju! — dachte der auf dem Bock. -■ Ob er wohl am Leben bleibt? Jetzt liegen sie ja alle an dieser Krankheit darnieder . . . Wie heißt sie nur? . . . In- . . . In- . .

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