Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1906-05-25 · 21 (25.5.1906) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
21 (25.5.1906)
Date
1906-05-25
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3316186-3316208--48159-3343075
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

wäre. Und seitdem, allerdings unvernünftigerweise, der offene Kampf gegen das Zarentum begonnen hat, ist niemand mit größerer Selbstverleugnung sogar zur Verteidigung derer, die ihn im geheimen noch immer verachten, auf der Wahlstatt erschienen, als der Jude. Er ist — man darf es um so eher sagen, wenn keine Rassen¬ oder Gefühlsaffinitäten das Urteil fälschen können — unvermutet als Kämpfer aufgetreten, der nicht, wie alle seine instinktiven Feinde zu glauben geneigt waren, den Gegner mit List und auf geschickt kombinierten Umwegen angreift, sondern sein Leben in offener Schlacht mit einer unendlich überlegenen Macht aufs Spiel setzt Der Heldenmut, den er in allen Kampfarten,. denen er sich anpaßte, gezeigt hat, sei es als Soldat der Selbstwehr im blutigen Streite gegen die vom gottgleichen Zaren gedungenen Mörder, sei es beim gefahrvollen Versuch der Bekehrung kindischer Bauern zur antizaristischen Religion, sei es als Schmuggler im edlen, aber mit vogelfreiem Tode geahndeten Dienste der Volksaufklärung gegen die Finsternis der orthodoxen Gehirnknebelung, sei es als russischer Wilhelm Teil, als von der Volkswut bewaffneter Henker der großen mit Ehren überhäuften Verbrecher der Beamtenoligarchie oder als energischer Organisator des Terrorismus, des Streiks, des Aufstandes, als Bomben fabrizierender Chemiker, oder als Stratege des Barrikadenbaues: dieser Heldenmut hat seinen großartigen Widerstand gegen das römische Weltreich tragisch in die Erinnerung heraufbeschworen. Der Jude hat offenbart, daß unter dem schweren Joch seines nationalen Unglücks auf dem Grunde seiner Seele der ganze Opfermut, die ganze Tapferkeit, die ganze Findigkeit, die ganze Begeisterungsfähigkeit, die seinen Todeskampf gegen Titus belebte, still .weiter gelebt hat, um nun in einem letzten mächtigen Aufbäumen seines Selbsterhaltungsdranges noch einmal wie in einem schauerlichen Feuerwerk aufzuflammen. Nur die jämmerlichste Parteilichkeit könnte behaupten, das zukünftige Rußland verdanke nicht den Juden den größten Teil seiner Freiheiten. Die russischen Revolutionäre haben von ihnen ihre besten Kampfmethoden gelernt. Ohne sie hätte der Freisinn, wenn er es auch zu seiner ewigen Schande aus kläglichen Vorurteilen leugnet, niemals den Anschein der Leitung eines neugeborenen Rußlands usurpieren können. Nur eins ist ihnen, wie den energischsten Russen, denen von der terroristischen Sozialrevolutionären Partei, vorzuwerfen: daß sie in ihrer Begeisterung und in ihrem unbändigen Mut ihre Kräfte, und ganz besonders die intellektuellen und moralischen Fähigkeiten der russischen Volksmassen überschätzt und gegen das Zarentum den offenen Kampf zu einer Zeit begonnen haben, als die Beamtenoligarchie noch über genügende Machtmittel zur brutalen Niederschlagung ihrer bürgerkriegerischen Unternehmungen verfügte. Diese Verantwortlichkeit teilen sie jedoch — und aus gutem Grunde — mit den russischen Sozialrevolutionären und den in offenen bewaffneten Aufstand getretenen unterjochten Völkerschaften. Denn sie sitzen in deren Rat an vornehmer Stelle." ooooooooooooooo /?= vs- NOTIZEN RS ooooooooooooooo O =^v Palästina-Pioniere In Lodz wurde eine Gruppe „Palästina-Pioniere" gebildet, die zum größten Teil aus Poalei-Zion besteht. Die Bedingungen, unter denen die Aufnahme in die Gruppe erfolgt, waren: Alter über 18 Jahren, streng zionistisch-palästinensisches Bekenntnis, die Zahlung von einer Mindestsumme von 40 Rubeln (die in Raten zu 1 Rubel abgetragen werden können), gemeinsame Kassenführung, Verpflichtung zu gegenseitiger Unterstützung, Abreise nach Palästina im Herbst 1906. Ein Mitglied der Gruppe wurde in der Vorwoche nach Palästina vorausgesandt. Die Gruppe der Odessaer-Pioniere zählt bereits 600 Mitglieder. Die jüdischen Ackerbauer in Amerika Die „Jüdische Gesellschaft zur För4erung des Ackerbaues" Jewish Agricultural Aid Society) hat, wie soeben ausgegebene Verwaltungsbericht mitteilt, im verflossenen jähre 42 Familien mit 183 Seelen als Farmer angesiedelt, von denen 25 aus Rußland, aus Rumänien, 6 aus Galizien stammen, 2 in Amerika als Söhne russischer Immigranten geboren sind. Siebzehn dieser Farmer haben sich in Süd-Dakota auf Homesteads (Regierungsland) im Umfange von 160 Acres niedergelassen; 20 haben Farmen gekauft, 3 gepachtet; 2 Unverheiratete sind bei jüdischen Landwirten in Michigan als Tagelöhner untergebracht worden. Die Installationskosten beliefen sich auf 6—700 Dollars pro Familie; einzelne werden bis zur vollen Selbständigkeit noch 3—400 Dollars erhalten müssen. Man sieht, daß die Kolonisation in Nordamerika erheblich billiger ist als in Argentinien. Während der letzten fünf Jahre hat die Gesellschaft 202 jüdischen Familien dazu verholfen, sich auf Homesteads niederzulassen. Dieselben besitzen jetzt insgesamt 25000 Acres Land, Vieh, Gebäude, Geflügel, Maschinen. Die inzwischen von ihnen ausgeführten Ameliorationen haben den Wert ihres Bodens auf 400 000 Dollars gesteigert, während die Kosten sich nur auf 75 000 Dollars beliefen. Der Bericht macht den reichen Juden in Amerika den Vorwurf, daß sie die Möglichkeit, jüdische Einwanderer auf Regierungsiändereien, die zu zehntausenden von Acres zur Verfügung stehen, nicht benutzt haben. In Nord-Dakota allein seien gegenwärtig noch 7000 Acres frei, die ganz gut in jüdischen Besitz übergehen könnten. Der Bericht schließt mit der Bemerkung, daß die Gesellschaft keine philanthropische sei, daß vielmehr das Geld gegen hypothekarische Sicherheit geliehen ist und mit 3!/2n/o verzinst wird. Die Farmer, sind also durchaus keine Almosenempfänger. Jahresbericht des Zentralbureaus für jüdische Auswanderungsangelegenheiten Dem ersten Jahresbericht des Zentralbureaus für jüdische Auswanderungsangelegenheiten (Hilfsverein der deutschen Juden) Berlin, Lützowstr. 8, entnehmen wir über die Auskunftserteilung folgende Einzelheiten: Die brieflichen Anfragen, die an das Bureau von Auswanderern gerichtet worden sind, betrugen insgesamt 1184, davon kamen aus Rußland 800, aus Oesterreich 210, aus Rumänien 80, aus anderen Ländern, darunter Deutschland, Amerika, Chile, Kanada, Schweiz, Belgien, Holland, England, Frankreich 94. Der Sprache nach waren von den Briefen: russisch 430, jüdischdeutsch 245, hebräisch 155, deutsch 280, in anderen Sprachen (polnisch, englisch, französisch) 74. Die Briefe gingen aus von rund 7 500 Personen, da die Anfragenden zum Teil Familien, Gruppen, Vereine oder gar Gemeinden waren; etwa 100 rührten von christlichen Auswanderungslustigen her, diese fast alle aus Oesterreich-Ungarn. Von den Anfragenden gaben sich aus: 40'Vo als Handwerker, 15°;'o als Landwirte oder landwirtschaftliche Arbeiter, 15° o als Kaufieute, 20°m gaben keinen Beruf an und lO0/« waren ohne bestimmten Beruf. Die Briefe enthielten über 5000 Fragen. Von den Anfragen bezogen sich dem Lande nach auf Nord-Amerika 35°/o, England 10°,o, Kanada 15%, Argentinien 10"», Kuba 10"o, Palästina 5°/o, auf andere und unbestimmte Länder 15" o. Dem sachlichen Inhalt nach bezogen sich von d£n Fragen auf den Arbeitsmarkt 25°/o, auf Reiserouten und Reisekosten 20 "o, auf Einwanderungsbeschränkungen 20°/o, auf Durchzugsbeschränkungen in den Durchwanderungsländern, namentlich Deutschland, 15°/o, auf andere Verhältnisse, auf geeignete Einwanderungsländer, auf Unterstützungen etc. 20°/o. Zu den 7500 Personen, die sich brieflich über die Auswanderungsverhältnisse erkundigten, kommen noch etwa 1000 Personen, die mündliche Auskunft in Berlin oder bei den Organisationen an der Grenze einholten. Außer diesen haben rund 8700 Personen von dem Zentralbureau und seinen Schutzkomitees Erleichterungen und Vergünstigungen während der Reise erfahren, so daß insgesamt etwa 17 200 Personen direkten Nutzen gezogen haben durch die Gründung des Bureaus. Diese Zahl wird ganz erheblich vermehrt durch diejenigen, die indirekt durch die Korrespondenzblätter und durch die Veröffentlichungen vorteilhafte Belehrung und Auskünfte erhalten haben.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.