Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 21 (25.5.1906)
- Date
- 1906-05-25
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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worden, wer weiß, ob die Juden überhaupt noch hätten bestehen, ob sie die bittere Zeit der Verbannung hätten ertragen können. Ihr ganzes Glück bestand ja darin, daß alle Beamten in Ägypten erwiesenermaßen sehr „bakschisch"-lüstern gewesen waren. Man hat sie immer kaufen können. Und die Juden haben sich so gewöhnt an das „Kaufen" und „Auslösen", daß ihnen in der ersten Zeit der Freiheit ganz sonderbar zumute war. Wie kann man sich einem „Gewaltigen" ohne Silberling nahen? Doch — schließlich gewöhnten sie sich auch an diese Neuerung und an ihre vom Volk gewählten Hüter und Richter und entwöhnten sich allmählich davon, Bestechungen zu geben.-- Nun denn, was ist sonst los im jüdischen Lager? Woher die Bewegung? Etwas Neues ist" geschehen, etwas Unerhörtes. Zum ersten Male, seitdem man von einem neuen Vaterlande zu reden begonnen hatte, von Erez. Israel, von der Befreiung aus der Knechtschaft und einem Leben als freie Bürger im eigenen Lande, hat man die Juden daran erinnert, daß die Erlösung auch etwas kosten muß. Man könne sich ja, hieß es, nicht immer auf Wunder verlassen, man könne auch nicht in alle Ewigkeit auf die Spenden hoffen, die brave Herzen für den „Nationalfonds" geben werden, — nein, mit solchen zufälligen Gaben, mögen sie noch so groß sein, lasse sich eine Volksbewegung nicht führen. Eine wahre Volkssache braucht ihr Budget, muß ihre Ausgaben und sicheren Einnahmen haben, das ganze Volk müsse daran Anteil nehmen vom Geringsten bis zum Höchsten, keiner dürfe sich ausschließen .... Und deshalb hatte Mosche Rabbenu befohlen, daß jeder, der sich zu den Juden zählt, einen halben Schekel zahlen müsse, daß dies als Volksbesteuerung zu gelten habe: „Der Reiche soll nicht mehr, der Arme soll nicht weniger geben"; alle sind gleich, arm und reich. Das war das große Neue, das im jüdischen Lager eine solche Bewegung hervorgerufen hatte. Die Besitzenden, die Reichen, die Lieferanten sind verstimmt und halten sich fern. Sie fühlen sich verletzt, daß Mosche sie, die goldene Schar, mit den armen Leuten auf eine Stufe gestellt hat Ein Schekel — auch eine Münze! Was schon Mosche mit diesen Armengroschen zuwege bringen wird! Wenn er, meinten sie, wirklich etwas unternehmen wollte, dann hätte er Korach & Compagnie einladen müssen, die Bankiers, die Millionäre, ihnen seine Pläne vorlegen sollen, und wenn sie diese für gut befänden, so hätten sie schon sicherlich die nötigen Mittel zur Ausführung gefunden. Aber Schekel, was. läßt sich mit solcher Münze tun? Mosche ist uns nicht wohlgesinnt, er geht unters Volk, umgibt sich immer mit jungem Volk, armen Teufeln, mit Eldod und Medod, die sich wie Propheten gebärden und große Weissagungen im Lager halten — gut denn, wir wollen sehen, was er mit ihnen zustande bringen wird. Dosson und Awiram und ihr „Bund" rennen auch im Lager Israels herum, wie von der Tarantel gestochen, agitieren, schreien, lärmen: „Was soll das Schekelzahlen? Sollen die Reichen geben, die Bourgeoisie! Aber wir Proletarier, was haben wir von Erez Israel? Wir hätten eigentlich gar nicht aus Mizraim weggehen sollen, wir hätten uns mit dem ägyptischen Proletariat vereinigen und mit ihm zusammen den Klassenkampf kämpfen müssen, anstatt uns loszulösen und ein neues Land für Juden zu suchen. Was die Erez- Israel-Leute reden, das sind alles Flausen — wir müssen zurück nach Ägypten und mit den Proletariern zusammen streiten!" So haben gegen den Schekel auf der einen Seite Korach & Compagnie, auf der anderen Seite Dosson und Awiram und ihr „Bund" agitiert. ■ Aber die große Masse des Volkes hatte sich schon befreit von den Spitzfindigkeiten des Golus und sehnte sieh nach einem eigenen Vaterlande. Und wie's geschrieben steht, hat jeder ohne Ausnahme den Schekel gezahlt. DIE JUDEN UND DIE NEUGESTALTUNG RUSSLANDS Von ALEXANDER ULAR*) Uber all, im Liberalismus, in der Sozialdemokratie und den Arbeiterverbänden, unter den „Intellektuellen" wie unter den Handarbeitern, in den autonomistischen Bewegungen der nichtgroßrussischen Völker, ja selbst in der Sozialrevolutionären und terroristischen Partei, die als Organisation mehr geleistet hat als alle anderen zusammen, und schließlich natürlich in ihrer eigenen nationalen Partei, sah man von Anfang an als praktisch fähigste, energischste begeistertste Vorkämpfer die Juden. Sie kranken zwar, besonders in ihren eigenen Organisationen, wie dem „Bund", an der dogmatischen Manie; aber diese trägt hier nicht denselben alle Tätigkeit vergiftenden Charakter. Denn für die russischen Juden ist trotz allem Hang zum Theoretisieren die grausame Wirklichkeit so unmittelbar tatzwingend, daß der offene Kampf allein ihnen die Illusion einer besseren Zukunft zu schenken vermag. Sie haben ja niemals das Zugeständnis der einfachsten Menschenrechte weder vom Zarentum noch vom russischen Kleinbürgertum zu erwarten gehabt; uralte, vom zaristisch-othodoxen Klerus in die Volksseele gepflanzte und sogar von den Proletariern des Landes und der Städte übererbte Vorurteile stellen, in Übereinstimmung mit dem zaristischen Gesetz, die Juden noch immer moralisch in eine Pariakaste, und ihre endliche Emanzipation war nur möglich, wenn außer dem Sturze des Zarentums das ganze russische Volk eine Umgestaltung seiner moralischen Begriffe erführe; diese aber konnte von vornherein nur mit der durchgreifendsten Erziehung zur Revolution zusammenfallen. So ist es gekommen, daß der talmudische Geist mit *i Aus dem eben erschienenen Buche: „Rußlands Wiederaufbau". seiner ganzen Kleinlichkeit, der ja bei den russischen Juden unendlich viel reiner lebendig geblieben ist als bei ihren westeuropäischen Religions- und Rassenangehörigen, wohl in der Diskussion zukünftiger Organisationen hat weiter auftreten und den theoretischen Geist der jüdischen Arbeiterbewegung auf den der russischen herabschrauben können, aber daß auch der unmittelbare Drang nach irgendwelcher Änderung, nach der Eroberung der Menschenrechte, diesen selben Geist in den Hintergrund gedrängt hat, um alle seit Jahrhunderten aufgespeicherte Energie durch die ersten kleinen Spalten des platzenden Hexenkessels der Bedrückung dringen und im wütenden Anprall den Feind überschwemmen zu lassen. In dem furchtbaren Kampfe, der im geheimen seit Alexander dem Zweiten gegen den Despotismus der Alkoholikerdynastie Holstein-Gottorp geführt wird, haben sich die Juden endgültig von der zwanzig Jahrhunderte langen Verachtung reingewaschen, mit der sie der ungerechte Stumpfsinn der Christen überhäuft hatte; zuerst durch ihre todesmutige Teilnahme am intellektuellen Nihilismus mit seinen terroristischen Folgen, dann im unablässigen mysteriösen Kampfe gegen die Beamtenoligarchie durch die Erziehung der stumpfen Slawen. Es würde zu weit führen, die großartige Geschichte der jüdischen Vorbereitungsarbeit zur russischen Revolution hier im einzelnen zu beschreiben; aber es ist sicher, daß weder der moderne Terrorismus, der recht eigentlich die Revolution in Gang gebracht hat, noch das allmähliche Erwachen des Muschik zum politischen Selbstbewußtsein, ohne die Juden möglich gewesen