Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 21 (25.5.1906)
- Date
- 1906-05-25
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3316186-3316208--48157-3343073- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
No.21 — — DIE] werden wir sie eben durch besonderen Eifer, durch besondere Vorsicht, durch besonderen Nachdruck zu ersetzen haben. Speziell die Anerkennung bei Wahlen ist für die politische Arbeit im engeren Sinne naturgemäß von besonderer Bedeutung. In der Form der nationalen Kurie geht sie über den heute in Österreich allgemein gültigen Zustand hinaus bis hart an die Grenze der nationalen Autonomie, zu der die nationale Kurie sachlich und politisch allerdings nicht gehört. Die nationale Autonomie will jede Nationalität mit dem öffentlichen Rechte ausstatten, ihre Kulturangelegenheiten' für alle ihre Angehörigen, wo immer im Reiche sie wohnen, allein zu ordnen, und damit im Prinzipe den nationalen Kampf unmöglich machen. Die nationale Kurie, d, h. die nach Nationalitäten, nationalen Katastern, gesonderte Wahl der Abgeordneten für die 'parlamentarischen Vertretungskörper will dagegen dem Friedensbedürfnisse und den gerechten Ansprüchen der Nationen durch ein technisches Mittel dienen. Gerade als Sicherung jeder Nation gegen Übergriffe der anderen ist sie für die Zeit vor der nationalen Autonomie und wohl auch noch lange nach ihrer Einführung von unschätzbarer Bedeutung. Das gilt besonders von uns Juden, die wir diese Sicherung wohi am allerlängsten brauchen werden. Stellt sie ja auch bei unserer Verstreutheit das einzige Wahlsystem vor, das uns ohne Aufreizung der anderen eine unserer Bevölkerungsziffer entsprechende Zahl von Volksvertretern verbürgt. Wir dürfen daher das Problem der nationalen Kurie sicherlich nie aus den Augen verlieren. Als Realpolitiker werden wir allerdings mit näherliegenden Möglichkeiten zu rechnen' haben. Als solche sind das proportionale Wahlverfahren, nach welchen auch die Minderheiten eine Vertretung erhalten, zu betrachten. Eigentlich dazu da,"um politischen, nicht nationalen Anschauungsunterschieden gerecht zu werden, ist es in Ermangelung der nationalen Kurien auch für diesen Zweck ver- KELT- 11 wendbar, und kann speziell bei allgemeinem Wahlrechte, wo sonst die jüdische Wählerschaft leicht nullifiziert werden kann, wertvolle Dienste leisten. Leider sind auch die Chancen des proportionalen Wahlverfahrens in Österreich vorläufig nicht groß, und so müssen wir vor allem mit der nächstliegenden, wenn auch am wenigsten aussichtsreichen Möglichkeit, der Erlangung von möglichst vielen Wahlkreisen mit mehr oder weniger sicherer jüdischer Bevölkerungsmehrheit rechnen. Nach dieser Richtung sind sogar schon Erfolge erzielt worden. Die neue Wahlreform sieht schon mehrere sogenannte jüdische Wahlbezirke vor. Ob diese auch gleich im Sinne der nationalen Gleichberechtigung wählen werden, ist eine Frage von untergeordneter Bedeutung. Die Richtung der Entwicklung ist in dieser Hinsicht zu sicher, und Sache der inneren Organisation der jüdischen Kräfte wird es sein müssen, die prinzipiellen Siege zu praktischen zu gestalten. Es ist selbstverständlich, daß wir uns bei unserer so heiklen Stellung in allem, was Avir tun, nach außen und nach innen, einer möglichst konzilianten Art werden befleißen müssen. Das besagt aber nicht, daß wir etwa eine Schleichpolitik zu treiben haben. Die nützt in unserem Falle am wenigsten. Auch brauchen wir nur moderne Realpolitik und nicht veraltete Hintertreppenpolitik. Das sind zwei ganz verschiedene Dinge. Auf die gesammelte Kraft unseres Volkes und auf das Wohlwollen unserer politischen Freunde müssen wir uns stützen. Und niemals dürfen wir außer acht lassen, daß die Entwicklung fortschreitet und wir, das Volk ohne Gegenwart, nur von den Mächten profitieren können, die die Entwicklung und nicht das Überwundene repräsentieren. Für uns taugt das Hin- und Hergeplänkel nicht, das der polnischen Adelskaste taugen mag. Daher müssen wir, ohne uns beirren zu lassen, mit denjenigen gehen, die Österreich vorwärtsstoßen. DER ERSTE SCHEKEL Von A. L. LEWINSKY *) Im jüdischen Lager' in der Wüste Sin herrschte eine große,; außergewöhnliche Erregung. Es war noch früher Morgen, die Sonne war erst aufgegangen, und doch war auf dem „Ring" schon eine ganze Menge von Juden versammelt. Scharenweise gingen sie von einem Zelte zum anderen, rotteten sich zusammen, flüsterten miteinander, zeigten mit den Fingern auf das Zelt von „Mosche Rabenu", steckten die Köpfe zusammen und gingen dann wieder auseinander. Was bedeutete denn dieses Treiben? Was war denn los? Ist etwa eine Nachricht aus Ägypten angelangt, daß die „Ägypter" nach dem großen Schlage auf einmal gut und fromm und zivilisiert und menschlich geworden sind, daß 'sie in Ägypten volle Gleichberechtigung versprechen? Und denken schon vielleicht die lieben Juden nach, auf welche Weise sie zurückkehren könnten? Oder gefallen ihnen etwa nicht die Gesetze, die „Mosche" ihnen gestern eingeschärft hat? „Im Kessef thalweh es ami", wenn du irgendjemand von meinem Volke Geld leihst, „es heoni mimoch", dem Armen in deiner Nahe, „lo sihjeh lo ch'noscheh", sollst du ihn nicht rücksichtslos mahnen, „lo s'simun olow neschech", ihr sollt ihm keine Zinsen aufbürden . . . „Midwar scheker" von einer Lüge, „thirchok" sollst du dich entfernen, „weschachad al thikach" und du sollst kein Bestechungsgeld nehmen, „w'ger" und einen Fremden ,Jo tone", sollst du nicht betrügen, „w'lo ssilchoz" und nicht bedrücken usw. Oder haben sie vielleicht sich überhaupt umgesehen und bereuen die ganze Sache, und daß sie sich auf die Thora eingelassen *» Diese (aus dem jüdischen Manuskript übersetzte) launige Skizze des bekannten Schriftstellers wurde uns als Beitrag für die Schekeltage zur Verfügung gestellt. haben? Nein, von Ägypten haben sie sich schon ganz losgesagt. Während der wenigen Monate der Freiheit ist das Volk reif geworden. Es hat schon von der Freiheit gekostet und wird schon in keinem Falle zur Knechtschaft zurückkehren. Die beste Schule für Freiheit ist Selbständigkeit. Sie haben in den vier Monaten, die sie außerhalb Ägyptens zugebracht haben, mehr gelernt, als in deii Jahrhunderten, die sie im Exil zugebracht haben . . Es gab zwar noch etwelche, die sich sehnten nach den „Fleischtöpfen", daraus sie angeblich in Ägypten gegessen haben . . . Aber zur Ehre unseres Volkes waren diese Leute nur sehr gering an der Zahl. Das ganze y.olk, insbesondere aber die Jugend, verschmähte mit Haß und Verachtung diesen „Topf des Exils" . . . An der neuen Thora hatten sie sicher manches auszusetzen. Gewiß war unter den zehn Geboten manches: „Du sollst nicht", das einem das Leben ein wenig sauer machen konnte. Doch schließlich ist auch das kein großes Unglück. Man zwingt ja einen nicht, jedesmal zu fragen, was man darf und was man nicht darf. Was das Verbot des Zinsennehmens betrifft, so ists auch nicht so gefährlich. Manche „Bankiers", die in Ägypten vom Prozentnehmen reich geworden, waren zwar ein wenig ungehalten darüber — aber das große Volk hat sich doch nur gefreut mit dem Verbot. „Und du sollst keine Bestechung nehmen" — das ist schon eine heiklere Sache. Denn die ägyptischen Juden waren noch von Gosen her gewohnt, für alles einen „Bakschisch" zu geben, für alles, was nicht erlaubt, und auch für alles, was erlaubt ist. Denn bekanntlich haben sich die Ägypter, ohne diese Mittel nicht vom Platz gerührt. Wären die Ägypter wirklich unbestechlich gewesen und alle ägyptischen Gesetze, alle pharaonischen Erlässe vollstreckt