Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 21 (25.5.1906)
- Date
- 1906-05-25
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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liehe Volkskräfte stehen. Auf je mehr eigene Leistungen, Schöpfungen, Kräfte wir werden verweisen können, desto mehr wird man uns nachgeben müssen. Ohne solche aber wird man uns nur auslachen. Und auch das dürfen wir keinen Augenblick vergessen, daß es uns ja nicht um äußerliche Erfolge, sondern eben um die Mehrung der Stärke unseres Volkes, um eine Erhöhung seiner Möglichkeiten, üm ein stolzes Wachsen seiner Fähigkeiten, um eine stolze Zukunft handelt. Wenn wir dessen eingedenk bleiben, dann müssen wir vor allem unsere Kulturkräfte organisieren. Dem Kapitel jüdische Schule muß das Hauptaugenmerk zugewendet werden. Die mangelnde staatliche Legimitation muß durch privaten Opferwillen und Eifer ersetzt werden. Man kann , klein beginnen, mit wenigen Musterschulen, und allmählich immer weiter ausgreifen. Natürlich kommt für diese schulgründende Tätigkeit namentlich Galizien und die Bukowina in Betracht. Hier ist es leichter, jüdische Schulen zu gründen, und hier wird die jüdische Schule nicht nur den jüdischen Kulturzweck zu erfüllen haben, sondern auch den allgemeinen Bildungszweck erst ordentlich erfüllen können. Außer der Schule ist einem planmäßig geregelten Lesehallen- und Bibliothekenwesen alle Aufmerksamkeit zuzuwenden. Bei aller dieser Tätigkeit aber wird der hebräischen Sprache eine bevorzugter, im Osten auch der jüdischen Volkssprache der Platz, der ihr durch die Tatsache gebührt, im wohlverstandenen nationalen Interesse einzuräumen sein. Dem jüdischen Theater, der verheißungsvollsten, aber leider noch verwahrlosten Stätte jüdischen Volkslebens und seiner Darstellung muß die denkbar größte Fürsorge zu Teil werden. Doch nicht nur auf die geistige, auch auf die körperliche Zucht der Juden muß Gewicht gelegt werden. Es ist alles aufzubieten, um auch die Massen der galizischen Juden körperlich zu stählen und dadurch das Gefühl des Trotzes und des Mannesstolzes in ihnen zu stärken. Für alle diese Kulturbestrebungen müssen Organe geschaffen werden. Für die geistige ist übrigens auch eine Gesamtorganisation denkbar, die sie alle vereinigt, und die Praxis wird sich für den einen oder anderen Weg zu entscheiden haben. Selbstverständlich muß der wirtschaftlichen Stärkung nicht weniger Sorgfalt zugewendet werden, als der kulturellen. Im Westen wie im Osten. Im Osten sind allerdings die Übelstände und daher auch die Aufgaben potenziert. Nicht Unmögliches darf angestrebt oder versprochen werden. Man kann nicht einer Million Armer Wohlstand verschaffen, man kann nicht die Unzulänglichkeiten der Wirtschaftsordnung und ihre Komplikationen hinsichtlich der Juden einfach aus der Welt schaffen. Es handelt sich nur darum, die Zahl der Beruflosen, der Klassenlosen möchte man fast sagen, die erschreckend groß ist, zu mindern, eine Berufspolitik großen Stils zu inaugurieren und außerdem noch innerhalb jeder Klasse und jeder Berufsgattung den Organisationstrieb zu wecken und zu stärken. Der erste Zweck verlangt die unermüdlichsten Anstrengungen, um vor allem jüdisches Kapital für die Schaffung, von Industrien in den Zentren jüdischer Bevölkerung zu interessieren und zu gewinnen. Gewiß ist Voraussetzung aller selbständigen jüdischen Politik, daß Händler und Handwerker widerstandskräftiger und unabhängiger werden; aber nicht minder, daß das große jüdische Bettel- und Betproletariat Galiziens in entsprechender Zeit in ein modernes Arbeiterproletariat verwandelt werde. Um diese ganze wirtschaftliche Fundamentierung der jüdischen Gleichberechtigungsbestrebungen durchzuführen, ist unbedingt ein jüdischer Wirtschafts- oder Wohlfahrtsrat aus tüchtigen Männern aller praktischen Berufe und der Wirtschaftstheorie bestehend, nötig. Was nun die politische Arbeit im engeren Sinne betrifft, so ist über deren Organisation nicht viel mehr zu sagen, als daß ein möglichst einheitliches und geschlossenes Vorgehen notwendig ist. Hoffentlich wird es sich unbeschadet mancher inneren Gegensätze in irgend einer Form aus den bisherigen Anfängen der Bewegung entwickeln. Umsomehr Abwechslung bieten die Fragen, welchen tatsächlichen Zielen und in welcher Reihenfolge die politische Arbeit zuzustreben hat. Wir haben konstatiert, daß das eigentümliche Wesen des österreichischen Staates einer nationalen Emanzipation der Juden besonders günstig ist. Deshalb dürfen wir aber doch nicht übersehen, daß sie für eine national selbständige Rolle in diesem Staate vorläufig denn doch ungünstigere Voraussetzungen mitbringen, als die anderen österreichischen Völker. Nicht weil ihre Ziffer so gering ist. Gibt es ja in Österreich voll anerkannte Nationalitäten, die an Zahl noch hinter ihnen zurückbleiben. Der Nachteil ist anderwärts zu suchen. Schon bei den anderen Nationalitäten kann man die Bemerkung machen, daß diejenigen ihrer Angehörigen, welche in zerstreuten Gruppen wohnen, weniger nationalen Spielraum haben, als diejenigen, die ganze Landstrecken in geschlossenen Massen besetzt halten. Es ist daher nur natürlich, daß die Juden, welche durchaus und überall im Reiche nur gruppenweise leben, ganz besonders unter dieses Gesetz fallen. Nun ist aber die Benachteiligung eingestreuter nationaler Gruppen darauf zurückzuführen, daß der österreichische Staatsgedanke noch nicht zu seiner Reinheit gediehen, daß in Österreich die Idee des Nationalitätenstaates noch nicht restlos durchgeführt ist. Noch sind die Nationalitäten davon abhängig, ob sie in einem oder mehreren der österreichischen Länder zahlreich und dicht genug sind, um dort die Herrschenden oder Mitherrschenden und damit die Gleichgestellten im ganzen Reiche zu sein. Noch sind sie nicht einfach, aus der Tatsache ihrer Sonderheit heraus, mit eigenem Rechte ausgestattet, d. h. wirklich gleichberechtigt. Noch ist die nationale Autonomie nicht durchgeführt. Wird sie es aber einmal sein, dann wird erst für alle zerstreuten nationalen Gruppen und ganz besonders für die Juden, die diesen Typus überall darstellen, eine kräftigere Durchsetzung der nationalen Individualität möglich werden. Darum muß die nationale Autonomie für alle österreichischen Völker, und auch für uns im -Gleichberechtigurigskampfe unser oberstes und letztes Ziel sein. Unser letztes, weil es auch von den anderen Völkern noch nicht errungen ist, ja selbst fürdiese erst an den ersten Anfängen der dahin zielenden Bewegung steht. Jedenfalls müssen wir der Bewegung folgen und sowie sie nur greifbarere, positivere Formen annimmt, unser Recht anmelden und in die gemeinsame Kampfreihe eintreten. Unser zweithöchstes und zweitletztes Ziel muß sein, von jener nationalen Gleichgestelltheit, in der sich vorläufig der österreichische Staatsgedanke ausdrückt, wenigstens so viel oder annähernd so viel zu erwerben, als andere zerstreute nationale Gruppen in Österreich heute genießen und in nächster Zeit genießen werden. Wir müssen die Anerkennung unserer Nationalität bei Volkszählungen, in den Volks-, Mittel- und Hochschulen, sowie bei den Wahlen erlangen. Hierbei wird uns der allgemeine Ideenfortschritt zustatten kommen, zu welchem vor allem die steigende Erkenntnis gehört, daß der ländlichen die Stadtbevölkerung als eigene gleichberechtigte Individualität gegenübersteht und als solche nicht anders gezählt werden darf wie jene. Als Städtenationalität werden wir dieselbe Beachtung verlangen dürfen, wie die Landesnationalitäten. Und wir werden bei diesem Verlangen im Vergleich mit andern städtischen Nationalitäteninseln nur insoweit schlechter gestellt sein, als eben unsere Nationalität bisher nirgends in Österreich anerkannt war. Freilich wird uns die direkte politische Förderung fehlen, Welche die erwähnten Nationalitäteninseln von ihren Mutterländern in Österreich erfahren. Aber diese Förderung ist bei dem herrschenden Rechtsniangel aller Nationalitäten klein genug — was hilft es den Deutschen in Galizien, den Tschechen in Wien, den Polen in der Bukowina, daß ihre Konnationalen auf ihren Staatsgebieten politische Maxht besitzen? --' und, soweit sie in Anrechnung gebracht werden muß,