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Die Welt · 1906-05-25 · 21 (25.5.1906) · page 7

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
21 (25.5.1906)
Date
1906-05-25
Page
– (sequence 7)
Language
German
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No. 21 - DIE] Staatsvolk zu fühlen Anlaß hat. Dieser Charakter eines absoluten Nationalitätenstaates bedeutet aber sehr viel für die Bestrebungen des jüdischen Volkes nach nationaler Gleichberechtigung. Die Abwesenheit eines nationalen Hausherrn, des gefährlichsten, weil eifersüchtigsten Gegners, ist entschieden auf der Habenseite zu buchen. Allerdings darf nicht übersehen werden, da(3 die Deutschen eine Zeitlang den Anspruch gemacht haben, das österreichische Staatsvolk kat exochen zu sein. Und wenn auch heute von dieser Anschauung nur mehr kärgliche Reste vorhanden sind, die kaum jemals mehr allgemeine praktische Wirkungen auszuüben berufen sein werden, — gegenüber den jüdischen Ansprüchen bleiben sie jedenfalls nur eine feindliche Disposition. Und diese Disposition wird noch durch den Rest der assimilatorischen Tradition, die ja im deutschen Volke sozusagen bodenständig ist, verstärkt. Aber auch Dispositionen verflüchtigen allmählich, wenn ihre unmittelbaren Erregungsursachen geschwunden und an deren Stelle entgegengesetzt wirkende Kräfte getreten sind. In unserem Falle: Wenn die Entwicklung Österreichs den ach schon so blassen Staatsvolkstraum seiner Deutschen, und die fortschreitende jüdische Renaissance ihre altersschwache und im Alter voll Widersprüche gewordene, antisemitisch angehauchte Assimilationsideologie zu Ende zerstört haben werden. Schließlich müssen sie ja dazu kommen, sich zu sagen: Besser, als wenn sie anderen anwachsen, — und sich zu freuen, daß die Verhältnisse endlich geklärt sind. Da sind die Polen ganz andere Leute. Schon deswegen von größerem Belange, weil sie die galizischen Juden, also die weitaus überwiegende Mehrheit und den national ausgeprägtesten Teil der österreichischen Judenheit als in ihre spezielle Interessensphäre gehörig betrachten, sind sie die Gefährlichsten und Unversöhnlichsten. Man braucht gar nicht zu untersuchen, ob der Pole überhaupt zu nationaler Unduldsamkeit neigt oder ob man es mit Kastenfreveln der Schlachta, des polnischen Adels, zu tun hat; zur Erklärung genügt auch die staatsrechtliche Stellung der Polen in Galizien. Sie spielen in diesem Lande die Rolle, die einst die Deutschen für ganz Österreich in Anspruch nahmen, die Rolle des polnischen Staatsvolkes. Für sie besteht kein Zweifel, daß Galizien ein Polenland ist, obwohl sie eigentlich kaum die Hälfte der Bevölkerung ausmachen und die andere Hälfte aus den ihnen an Zahl nahezu gleichkommenden Ruthenen und den Juden besteht. Aus dieser Fiktion aber ergibt sich die größere Heftigkeit ihres Widerstandes gegen jüdischnationale Gleichberechtigungsbestrebungen von selbst. Allein ihre bevorzugte Stellung ist bereits ins Wanken geraten. Von zwei Seiten rückt das Verhängnis gegen sie an. Auf der einen Seite in Form der wachsenden demokratischen Bewegung, welche die Repräsentanz des polnischen Machtnationalismus, die Schlachta, politisch zu depossedieren droht und auch sicherlich depossedieren wird. Auf der anderen Seite als Auflehnung der Ruthenen gegen die ihnen gegenüber bisher beliebte Art nationaler Nuliifizierung. In der gegenwärtigen österreichischen Wahlreformkampagne sind beide Bewegungen um ein gutes Stück vorwärts gekommen. Wohl machen nun die Polen ihrerseits Anstrengungen, die Landesautonomie für Galizien zu erweitern. Doch selbst wenn sie damit einiges Glück haben sollten — eine reichliche Erweiterung ist übrigens vorderhand ganz ausgeschlossen — ihre Alleinherrschaft im Lande werden sie doch nicht behaupten können. Sie geht unfehlbar ihrem Ende entgegen, und das ist das Bedeutungsvolle für uns. Denn einem demokratischen Polnisch-Galizien gegenüber und unter mehr oder weniger hilfreicher Zustimmung Ruthenisch-Galiziens haben die Juden bessere Aussichten. Wenig angenehm wäre es freilich, wenn die Entwicklung etwas zu weit, wenn sie so weit ginge, daß die Ruthenen ihre jetzt mehr zu Demonstrationszwecken vorgebrachte Forderung nach Zweiteilung Galiziens in ein westliches polnisches und ein östliches ruthenisches Land erfüllt bekämen. Dann müßten es die west- ^ELT — 9 galizischen Juden allein mit den Polen, die ostgalizischen allein mit den Ruthenen aufnehmen. Aber diese Eventualität liegt jedenfalls in so weiter Ferne, daß bis dahin die Juden an innerer Sammlung und äußerer Kräfteorganisation genügend fortgeschritten sein Jkönnen, um auf dem Boden des Gesamtstaates ihre nationale Gleichberechtigung durchsetzen bezw. erhalten zu können. Übrigens werden die Ruthenen, unter welchen zwei Drittel der galizischen Juden wohnen, auf die Verhältnisse der nachbarlichen Bukowina, in welcher ihre Stammesbrüder mit dem Entgegenkommen der Juden zu rechnen haben, Rücksicht nehmen müssen. Was die Tschechen betrifft, so ist von ihrer Seite ein Widerstand nicht zu erwarten. Haben sie ja von der Assimilation, die hauptsächlich als deutsche auftrat, nur Schaden gehabt. Die neueste Zeit hat allerdings auch eine tschechische Assimilation gezeitigt. Und wer die Verhältnisse kennt, muß sogar zugeben, daß sie, weil sie mehr Kritik und Selbstkritik, mehr wahres Ringen zeigt, als die deutsche, weniger unsympathisch ist. Indessen weder hüben noch drüben weiß man viel mit ihr anzufangen. Es fehlt ihr an der nötigen Tradition, und bei ihrer Jugend mutet sie doppelt anachronistisch an. Die Sozialdemokratie, von ihren Führern repräsentiert, ist heute eine erbitterte Feindin aller Bestrebungen, welche auf eine Anerkennung der jüdischen Nationalität als solcher hinauslaufen. Aber gerade ihr Widerstand ist am wenigsten ernst zu nehmen, weil er durch das innerlich wirkende Wesen dieser Partei lahmgelegt werden wird und muß. Sowie sie überhaupt in der Emanzipation Von den anationalen und antinationalen Veilletäten ihrer Dogmenmenschen schon recht weit abgekommen ist, so wird sie auch ihre heutigen Assimilationsdogmatiker desavouieren. Namentlich gegen das heranstürmende ostjüdische Proletariat werden sich die auf dem ältesten liberalen Bourgeoisstandpunkt stehengebliebenen jüdischen Führer nicht behaupten können. In nationalen Fragen ist die Sozialdemokratie, weil sie sich eben vorwiegend der sozialen Frage widmet, etwas schwer im Begreifen; dafür überspringt sie niemals einen Punkt, der begriffen werden muß. Die hauptsächlichste Garantie für einen endlichen Erfolg der jüdischen Bestrebungen nach nationaler Gleichberechtigung aber ist und bleibt der österreichische Gesamtstaat selbst. Aus ihm, aus seinem Wesen können die österreichischen Juden, wenn an irgend einer Stelle der Kampf heißer wird, die Aussichten sich verdüstern, immer wieder neues Vertrauen schöpfen. Sie brauchen auch nicht mit der Dilettanten-Prophezeiung vom baldigen Untergange Österreichs zu rechnen. Heute schätzt man in ernsten Kreisen die Erklärung Österreichs als eines Staates, der nur der habsburgischen Dynastie zu liebe da ist, nicht höher ein, als etwa die „wissenschaftliche" Definierung der Religion als einer Polizeieinrichtung der besitzenden Klassen. Heute weiß man, daß Österreich für die Völkersplitter, die auf seinem Territorium wohnen, eine politische und wirtschaftliche Notwendigkeit ist. Heute sieht man in Österreich das Schlachtfeld, auf dem einer der größten und segenvollsten Gedanken der Zukunft eine seiner segensreichsten Schlachten wird schlagen müssen. Heute darf man eine Erstarkung und Verjüngung Österreichs auf der Grundlage nationaler Autonomie erhoffen. Davon kann, wird und muß der Teil des jüdischen Volkes, der in Österreich wohnt, profitieren. Natürlich hängt für den Erfolg und speziell für seine größere und geringere Raschheit viel davon ab, wie die österreichischen Juden vorgehen, ob sie sich nicht den Luxus zu vieler Unterlassungen, Unüberlegtheiten und Umwege erlauben. Vor allem müssen sie sich natürlich in großen Umrissen darüber klar sein, was sie zu tun haben. II. Es würde den größten Fehler bedeuten, wenn sich die österreichischen Juden darauf beschränkten, bloß Politik im engeren Sinne, Parteien- und Parlamentspolitik zu betreiben. Diese kann nur dann Wirkliches und Bleibendes leisten, wenn hinter ihr wirk-

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