Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 21 (25.5.1906)
- Date
- 1906-05-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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können und gegenüber der katastrophalen vollständig versagen. Die Vorgänge, welche sich in den letzten drei Jahren abgespielt haben, wo ein zufälliges Zusammentreffen günstiger Umstände die Unterbringung größerer Massen ermöglicht hat, werden sich nicht leicht wiederholen. Die Lage drängt, wenn unermeßliches Unglück verhütet werden soll, zu Taten; zu Taten, welche in der Richtung der Anregung liegen, die in der Endresolution der Brüsseler Konferenz enthalten ist. Um die nationale Gleichberechtigung der österreichischen Juden Von MATHIAS ACHER, (WIEN) I. Wer's so gut haben könnte wie das russische Judentum! . . . Das soll kein frivoles Witzwort, sondern Ernst sein. Denn, wohlgemerkt, vom russischen Judentum ist die Rede, nicht von den russischen Juden. Sie selber leiden so unendlich viel, aber wenigstens wissen sie, wofür sie leiden, daß sie wer sind, daß ihre Eigenart ausgeprägt und schöpferisch ist. Und wenn sich ihnen jetzt ein Schimmer von Hoffnung auf die rechtliche Gleichstellung zeigt, so haben sie das stolze Empfinden, daß hierbei nicht nur an* ihre Person, sondern auch an ihre Volksindividualität, an die jüdische Nation gedacht ist. Die jüdische Nation ist anerkannt in Rußland, und kommt die Emanzipation, so wird sie mit emanzipiert.---- Diese Selbstverständlichkeit ist das große Glück des russischen Judentums. Indem wir sie konstatieren, werden wir österreichische Juden erst gewahr, wie merkwürdig ahnungslos unsere Väter und wir selbst an einer großen Lücke unserer Gleichberechtigung vorübergingen. Nicht die allgemeine Lückenhaftigkeit ist gemeint, die ja leider aller Judenemanzipation anhaftet, — die haben wir längst erkannt und aus ihr ziehen wir ja, unsern verschiedenen Anschauungen entsprechend, verschiedene Konsequenzen — sondern eine spezielle Lücke. Um ein ganz ausgebliebenes vergessenes Stück handelt es sich: um die nationale Gleichberechtigung. Jetzt beginnt es erst in uns aufzudämmern, daß wir um den besten Teil der Emanzipation betrogen wurden resp. uns selbst betrogen haben. Nicht unser ganzer Mensch wurde emanzipiert. Wir dürfen überall wohnen, wir dürfenalle Berufe betreiben. Alle Schulen stehen unsern Kindern und alle Ämter — theoretisch wenigstens — unsern Gebildeten offen. Wir dürfen unsere Religion frei bekennen. Aber dürfen wir auch unsere Art frei, voll und ganz ausleben, sie weiter entwickeln? Wurde uns die Emanzipation nicht im Gegenteil unter der Voraussetzung gewährt, daß wir diese Entwicklung als abgeschlossen, als vergangen zu betrachten haben? Sind wir nicht gezwungen, unsere Kinder in Schulen zn schicken, deren Lehrer^ Schüler und Lehrstoff ihrem Wesen nicht kongenial sind, wo sie als geistige Zwitter zweier Kulturen aufwachsen? Oder sie überhaupt in keine Schule zu schicken, wie dies so oft die national stark ausgeprägten galizischen und bukowinischen Juden, tun, und sie dadurch von der allgemeinen Zivilisation fernzuhalten? Wird überhaupt auf die ganz eigentümliche Lebenshaltung, wird auf die besondere Umgangssprache der galizischen und bukowinischen Juden — sie bilden fast 5/6 der österreichischen Judenheit — in Schule, Verwaltung und bei Gericht irgendwie Rücksicht genommen? Sind wir nicht selbst dort, wo wir die Mehrheit der Bevölkerung bilden, ja selbst in fast ganz jüdischen Städten und Stadtteilen genötigt, nach außen hin eine fremde Nationalität zu repräsen" tieren? Entbehren wir nicht einer politischen Vertretung unseres Volkes zum Schutze seiner nationalen und ökonomischen Interessen wider feindliche Angriffe? Ja, werden wir nicht sogar bei c|en Volkszählungen in die anderen Volker verteilt, — in Galizien mit Zuhilfenahme der infamen Lüge von der polnischen Umgangssprache unserer Massen? Das alles merkten wir nicht, solange es uns oder besser der dünnen Schicht unserer Assimilanten recht, solange der Widerstand gegen ihr zerstörendes Wirken nicht erwacht war. Nun aber, da sich die unverwüstliche Energie unseres Volkstums wieder bewährt hat, da die Reihen der Assimilanten unglaublich gelichtet sind, da sich das jüdische Volk im Osten seiner nationalen Originalität, im Westen seiner nationalen Pflicht bewußt zu werden beginnt, — nun merken wir's. Nun fragen wir uns fast erstaunt: Wie konnten wir so lange blind sein? Wie konnten wir so lange wortlos auf eines unserer wichtigsten Menschenrechte, das Recht, unser eigenes, kein fremdes Gesicht zu tragen, verzichten? Und aus der Frage wird natürlich eine Forderung, eine ernste und bestimmte Forderung: Erweiterung der Gleichberechtigung in nationaler Richtung. Wir österreichische Juden wollen auch so weit sein, wie die russischen sein werden, wenn sie. früher oder später ihre Emanzipation bekommen haben werden. » Daß die Forderung, einmal aufgestellt, aus unserem Wollen nicht mehr gestrichen werden kann, ist klar. Zu groß ist der Reiz, der von ihr ausgeht, und das Interesse, das sie treibt. Denn da handelt es sich nicht nur um den nationalen Lebenstrieb, der lange genug unterdrückt, nunmehr gebieterisch nach Befriedigung schreit, nicht nur um die Lust, das sein zu können, was man seinem innersten Wesen nach ist, da geht es auch, noch um andere Dinge, vor allem auch um bewußte nationale Vervollkommnungsideale. Man hungert nach den Bereicherungen des Volksgeistes und der Volksmoral, die sich aus der nationalen Gleichberechtigung, d. h. aus den größten Bildungs- und politischen Organisationen, die sie im Gefolge haben wird, ergeben müssen. Man hungert nach den Kapitalszinsen und schmeichelt sich mit Recht, jeder in seiner Weise, sie wieder fürs Volk, fürs ganze jüdische Volk, auf noch höher führenden Entwicklungswegen des Volkes verwenden zu können. Ebenso stark ist die Anziehungskraft der Forderung vom wirtschaftlichen Gesichtspunkte. Man hat es ja schon heraus, daß die Assimilationspolitik, die Politik der bloßen Individuenemanzipation auch wirtschaflich versagt hat. Sie konnte vielleicht in Ländern genügen, wo sie, wie in Deutschland, vor keine speziell wirtschaftlichen Probleme gestellt war. Doch in Österreich mit seinem galizischen Judenelend und den vielen Zwergexistenzen, auch im Westen, wäre eine jüdische Wohlfahrts-, namentlich Berufspolitik großen Stils nötig gewesen. Das alte System hat versucht, sie durch mannigfache Wohltätigkeitsaktionen zu ersetzen. Aber der Mißerfolg dieser Versuche wird immer sichtbarer, immer greifbarer, und die Erkenntnis von der Notwendigkeit großer Wohlfahrtsaktionen bricht sich immer mehr Bahn. Damit aber auch die Lust zu einer allgemeinen nationalen und politischen Konsolidierung, ohne die ja an jene Wirtschaftsarbeit gar nicht gedacht werden kann. Natürlich kommt es nicht bloß auf unser Wollen, auf unser Fordern, sondern auch darauf an, wie sich die anderen dazu stellen, wie weit bei ihnen ein Erfüllungswille vorauszusetzen oder zu erwarten ist. Diesbezüglich sind nun die nationalen und politischen Verhältnisse Österreichs so beschaffen, daß sie uns mit einiger Zuversicht erfüllen dürfen. Österreich ist kein Nationalstaat, nicht der Staat eines Volkes, das ihn als sein Gebilde betrachtet, vielmehr ein Nationalitätenstaat, dessen Staatsidee von jeder nationalen Idee unabhängig ist. Ja, es zeichnet sich .vor andern ähnlichen Staaten, z. B. Rußland, noch dadurch aus, daß kein einziges seiner Völker an Zahl alle andern zusammengenommen weit hinter sich läßt und sich deshalb als