Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 21 (25.5.1906)
- Date
- 1906-05-25
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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No. 21 DIE^ELT Produktion ohne weiteres gestattet, erhielt eine ganz ungeheure Aufnahmefähigkeit. In einem Jahre kamen, wie Dr. Nossig der Brüsseler Konferenz mitteilte, allein über 16000 jüdische Schneider nach Amerika, d. h. nach New-York und den weniger großen Städten des Ostens, in denen sich die jüdische Einwanderung konzentriert, und fanden alle Beschäftigung. Wenigstens hört man keine Klagen über mangelnde Beschäftigung, während noch vor einigen Jahren eine wesentlich geringere Anzahl eingewanderter jüdischer Schneider in London eine Krise auf dem Arbeitsmarkte der Herrenkonfektion hervorrief und eine starke Bewegung der einheimischen Arbeiterschaft gegen die lästigen Preisdrücker verursachte. Die Einwanderer fanden trotz ihrer plötzlich so gesteigerten Anzahl gleich Erwerb, und zwar ununterbrochene Beschäftigung zu landesüblichen Preisen, ohne wie bisher auf der Suche nach Arbeit die Preise zu drücken. Die dauernde Beschäftigung zu Preisen, welche für die an Schundlöhne und Unterernährung gewöhnten Ostjuden verhältnismäßig sehr hoch sind, ermöglichte rasche Ersparnisse, welche vorerst zur Herüberführung der in Europa gebliebenen Angehörigen verwendet wurden, wodurch die Einwandernng einen neuen Anstoß erhielt. Sehr ähnlich waren die Verhältnisse in England, dem nunmehrigen Lande der Aliens Act. England hat im Jahre 1905 einen kolossalen wirtschaftlichen Aufschwung zu verzeichnen. Auch hier herrscht eine industrielle Hochkonjunktur, wie sie seit vielen Jahren nicht erlebt worden ist. Zusammen mit der oben geschilderten und erklärten Zusammensetzung des Auswanderermaterials ergab sich hierdurch für den Augenblick eine sehr gesteigerte Aufnahmefähigkeit. Die Aliens Act, nunmehr bereits den 5. Monat in Geltung, führte zur Abweisung von 46 Einwanderern, wohl mehr als statuendum exemplum, als daß sich England ernstlich gegen die Judeneinwanderung wehren sollte. Auch von der früher so starken Bewegung der einheimischen Arbeiterschaft und der konservativen Kreise gegen die jüdische Einwanderung hört man nichts, und nur die neuerlichen Anerbietungen von exotischen Heimstätten mahnen daran, daß die englischen Staatsmänner in ihr eine Gefahr erblicken, der man vorbeugend begegnen muß. In Deutschland und Österreich war das Jahr 1905 ebenfalls ein Jahr wirtschaftlichen Aufschwunges. Die Folge davon war weniger, daß eine größere Anzahl von russischen Juden sich hier ansässig machen konnte — obwohl auch in diesen Ländern eine wesentlich gesteigerte Aufnahme erfolgte — als daß größere Ansammlungen von Flüchtlingen mit verhältnismäßig ziemlich langer Aufenthaltszeit stattfinden konnten, und daß Flüchtlinge und Auswanderer zeitweise Beschäftigung und Erwerb fanden. Dem glücklichen Zufall, daß 1905 ein Hochkonjunkturenjahr der drei wichtigsten Wirtschaftsgebiete der Welt, Amerika, England und Deutschland war, daß eben wegen dieses wirtschaftlichen Aufschwunges die westlichen Juden ihren Brüdern sowohl auf den Etappen als auch im Ziele der Emigration eine größere Hilfe anmedeihen lassen konnten, verdanken wir, daß die Katastrophe dieses Jahres nicht zur unsäglichsten der jüdischen Geschichte geworden :st, daß den Opfern der russischen Pogrome nicht dasselbe Los zuteil wurde wie seinerzeit den rumänischen Emigranten. Aber Hochkonjunkturen kommen und vergehen und enden nicht selten . mit Rücksphlägen und.Krisen. Die, ich möchte sagen, künstlich gesteigerte Aufnahmefähigkeit von hochkapitalistisch entwickelten Ländern in Aufschwungsperiode besagt nichts über ihre Aufnahmefähigkeit in normalen Zeiten und bildet eine imminente Gefahr bei Rückschlägen und Krisen. Aus dem Umstände, daß in den letzten drei Jahren die ungeheure Zahl von 350000 Juden Unterkunft gefunden hat, ohne weiteres schließen zu wollen, daß dies mit der Massenauswanderung der nächsten Jahre ebenfalls der Fall sein wird, ist verbrecherische Sorglosigkeit, welche die traurigsten Folgen nach sich ziehen kann. England gibt bereits Juden an Amerika ab. Im Jahre 1905 sind nicht weniger als 14000 Juden aus England — allerdings mehr über England nach den Vereinigten Staaten gegangen. Die heurigen Berichte bestätigen, daß von vielen Tausenden russischer Juden, welche nach England auswandern, nur wenige Hunderte dort bleiben können, der Rest aber weiter nach Amerika zieht. In Deutschland sprechen die letzten Auswanderungen eine mehr ale deutliche Sprache. Österreich hat selbst seine große galizische Emigration. Diese Länder kommen bei Fortdauer der Konjunktur als Immigrationsgebiete nur wenig in Betracht, bei Eintritt einer normalen Lage gar nicht und bei Rückschlägen und Krisen nur insofern, als aus ihnen vielleicht eine Verstärkung der jüdischen Emigration erfolgen kann. Es bleibt also nur das Hauptimmigrationsland, Amerika, über dessen Verhältnisse wir näher handeln müssen. In den Vereinigten Staaten von Nordamerika dauert die übermäßige Einwanderung weiter fort, trotzdem bereits verschiedene Anzeichen ein Abnehmen der Konjunktur ankündigen. Ein gewisser Rückschlag ist unvermeidlich und wird sowohl denjenigen, welche bereits eingewandert sind, als auch denjenigen gegenüber, welche erst einwandern wollen, sehr empfindlich fühlbar werden. Ist einmal die Hochkonjunktur zu Ende, so tritt eine größere Produktionseinschränkung " vor allem in jenen Industrien ein, bei denen die Produktionserweiterung ohne Zuhilfenahme bedeutenderer Kapitalsinvestitionen vor sich ging. Dagegen haben die Industrien mit großen Kapitalsanlagen die Tendenz, mit Rücksicht auf die Verzinsung und Amortisation der investierten Kapitalien den Stand der Produktion aufrecht zu erhalten und schaffen sich dadurch Erleichterung, daß sie die außerordentlichen Hilfskräfte, d. i. jene zumeist ungelernten und halbqualifizierten Arbeiter, welche bei größtem Andränge der Bestellungen extra statum aufgenommen worden waren, entlassen. Zu der ersten Kategorie Industrien gehören vor allem die Konfektionsindustrien, bei denen die Juden am meisten beschäftigt sind. Ebenso stellen die Juden als ungelernte und für die westlichen Verhältnisse nur halbqualifizierte Arbeiter ein starkes Kontingent jener außerordentlichen Arbeitskräfte der anderen Industrien. Daraus geht hervor, daß bei einem Rückgange des industriellen Geschäftsganges sehr viele jüdische Arbeiter ihre Beschäftigung verlieren werden. Ihr Angebot auf dem betreffenden Teile des Arbeitsmarktes wird besonders stark fühlbar werden und zu' Preisunterbietungen führen, welche eine Opposition der heimischen Arbeiter, deren Lebenshaltung auf höheren landesüblichen Löhnen basiert ist, gegen die lästigen Konkurrenten hervorrufen werden. Dies wird vor allem eine strengere Handhabung der Einwanderungsvorschriften und wegen Mangel an Erwerbsgelegenheiten eine geminderte Aufnahmefähigkeit von neuen Einwanderern zur Folge haben. An eine ernstliche wirtschaftliche Krisis unter den bereits Eingewanderten glaube ich nicht. Sobald sich in den Massenzentren des Ostens Mangel an Beschäftigung fühlbar machen wird, so wird das automatisch eintreten, was den reichen amerikanischen Juden mitunter unter Aufwendung großer finanzieller Opfer bisher zu erreichen nicht gelungen ist, eine teilweise Verteilung der bereits Eingewanderten über das riesige Wirtschaftsgebiet der Union, eine Schiebung von dem Nordosten nach dem Westen und Süden. Die Hoffnung also, daß diejenigen, welche sich bereits in Amerika befinden, gewissermaßen wirtschaftlich versorgt sind, ist keineswegs eine unbegründete. Höchstens dürften ihre Ersparnisse abnehmen und damit die Möglichkeit, die noch in Europa befindlichen Angehörigen hinüberzuführen. ' Dagegen werden die Verhältnisse für neue Einwanderer sehr schwierig werden und die Aufnahmefähigkeit Amerikas zeitweilig unter jden Stand sinken, den sie vor der Masseneinwanderung der Katastrophenjahre gehabt hat. ■•: Heute nimmt noch die Union alle, die an ihre Türe pochen, auf, aber schon in der nächsten Zukunft wird'sie nur einen Teil, wenn" auch einen beträchtlichen, der fegelmäßigen Auswanderung fassen 2*