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Die Welt · 1906-05-25 · 21 (25.5.1906) · page 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
21 (25.5.1906)
Date
1906-05-25
Page
– (sequence 3)
Language
German
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No. 21 DIE^E LT 5 Es schien, als ob man damit wirklich Ernst machen würde, denn man forderte von ihnen Nametiliste mit Angabe der Familienverhältnisse usw. ein. Man verabfolgte ihnen sogar einige Barmittel für ihren augenblicklichen Unterhalt. Die Leute gaben sich schon ihren schwärmerischen Plänen hin bezüglich der sie erwartenden glücklichen Zukunft, im freien Kanada ein freies, arbeitsames Leben als Ackerbauer anzufangen. Aber ihr Rausch war von kurzer Dauer. Allmählich mußten sie ihren überschwänglichen Optimismus herabdämpfen. Wochen und Monate verstrichen, ohne daß die Wirklichkeit eben so schnell wie der Flügelschlag ihrer Hoffnung sie ins ersehnte Land hinüberzauberte. Sie wurden ungeduldig und begannen zudringlicher an das gleichsam abgegebene Versprechen zu ermahnen. Endlich, von Entbehrungen und Familiennot angestachelt, verloren sie die Fassung und ließen sich zu Gewaltmitteln hinreißen. Eines Tages kam nämlich eine ganze Schar von diesen halbverhungerten Leuten vor die Bureaus der Ica, und nachdem sie nach vergeblichem Parlamentieren nicht vorgelassen wurden, um ihre Beschwerden vortragen zu können, brachen sie die Türe ein. Der flugs herbeigeholten Polizei gelang es, sechs von ihnen festzunehmen; die übrigen retteten sich durch die Flucht. Das ist der Tatbestand in seinem rauhen und bedauernswerten Hergang ... Die Angeklagten, die nach zweiwöchentlicher präventiver Haft frei entlassen wurden und deren nur drei vor Gericht sich einstellten, zitierten als Moralitätszeugen Dr. Max Nordau, daß er als jüdische, allgemein anerkannte Autorität ein sachverständiges Gutachten über Ziel und Bestimmung der Ica abgebe. Als Verteidiger amtierte der berühmte Rechtsanwalt Me. Bonzon. Nach Verhör der Angeklagten, die zu ihrer Entschuldigung vermittels eines Dolmetschers ihre Leiden schilderten, skizzierte Dr. Nordau in großen Zügen die Aufgaben und die Tendenz der Ica, ^yie dieselbe im Geiste ihres großen Schöpfers, des seligen Baron Hirsch, entstand, nämlich, den russischen Juden zur Emigration behufs Niederlassung als Ackerbauer in überseeischen Ländern zu verhelfen. Er könne nicht eingehend ihre Tätigkeit würdigen, da die Ica die Gewohnheit habe, keinen Rechenschaftsbericht zu veröffentlichen. Alsdann ergriff der Verteidiger, Me. Bonzon, ein Nichtjude, das Wort Nachdem er sehr beredt den Grundgedanken des Baron Hirsch, den er einen großen Juden nannte, bei der Schaffung der Ica klarlegte, suchte er nachzuweisen, daß die Angeklagten nicht etwa als Bettler an die Türe der Ica klopften, sondern mit einem - begründeten Anrecht ihre Zumutung, zur Emigration verholfen zu werden, formulieren durften. Anknüpfend an die während des Verhörs vom Gerichtsvorsitzenden den Angeklagten gegenüber gemachte Bemerkung, wie sie vier Monate hier leben konnten, wenn sie so arm und mittellos wären, erwiderte Me. Bonzon, daß dies ein Geheimnis ihrer doppelten Eigenschaft als russische Juden und Emigranten sei; er entwarf bei dieser Gelegenheit ein ergreifendes Bild' vom kümmerlichen Dasein der Leute, die ein Stückchen trockenes Brot mit Tee als Schmausgelage betrachteten. Das Tribunal verurteilte die Angeklagten zu zwei Monaten Gefängnis, mit Bezugnahme auf das Beranger-Gesetz (laut welchem die Büßung der Gefängnisstrafe.; bloß für den Fall de? eventuellen Rezidivus vorbehalten wird) und zur Geldstrafe von 50 Fr. Den übrigen drei Contumacien ist die Gunst des Beranger-Gesetzes entzogen worden. Die Strafe ist eine gelinde. Überhaupt hat das Tribunal diese Angelegenheit hinweggleitend behandelt Auch die Ica ihrerseits ist nicht rechthaberisch und racheschnaubend aufgetreten, indem sie nur durch einen untergeordneten Beamten vor Gericht vertreten war. Dies ist der Schluß dieses traurigen Vorfalles. Die Ica hat eine sichere eiserne Tür statt der eingebrochenen hölzernen anfertigen lassen, aber in der Emigrantennot sind keine gesicherten Zustände abzusehen!" So der Bericht. Wir können dieser Tatsache gegenüber uns jedes Kommentars enthalten. Formell ist doch die Ica im „Recht". Vielleicht hat sie unter einem Gesichtspunkte etwas weniger recht Wir wissen, wie sich die Herren Verwalter und Leiter der meisten jüdischen Wohltätigkeitsinstitute den Hilfesuchenden gegenüber verhalten. Die Legatäre haben gewiß in ihr Testament nicht die Klausel eintragen lassen, daß der jüdische Emigrant „en canaille* behandelt werde, daß man ihm möglichst deutlich zu verstehen gebe, daß er ein Bettler und ein Schnorrer sei und darum überhaupt Maul zu halten habe, auch wenn man ihn hie und da von den Stiegen hinunterwirft. Die jüdischen Emigranten, die Wien je passiert haben und die mit der „Allianz" zu tun hatten, könnten auch manches Lied von den Gesellschaftsformen in jüdischen Wohltätigkeitsinstitutionen singen. Was die Ica anbelangt, so sind ja die Grausamkeiten ihrer Beamten den Kolonisten in Argentinien gegenüber weltberühmt Im alten Israel war es nicht nur Pflicht, den Armen zu helfen, sondern ein Bedürfnis. Der Helfende hatte das Glücksgefühl des Gebens, des liebevollen Gebens. Im alten Israel gab es aber auch keine Ica. Der Zufall hat es ge- Die erste Interpellation in der Duma. w0„t daß dje erste Interpellation der Duma, die erste eigentlich parlamentarische Tat, sich einer jüdischen Angelegenheit zuwandte, und zwar der „amtlichen Organisation der Judenhetzen". Ein Zufall! Nein, eine von den Verhältnissen bedingte, aufgedrängte Notwendigkeit war es. „Quand tout tombe, rien ne tombe", sagt ein französisches Sprichwort; in der allgemeinen Verwirrung, in der ungeheuren Krise, die Rußland dank der verruchten Bureaukratie, dank den fluchwürdigen Durnowos und Ignatiews in ihren tiefsten Grundlagen erschüttert, überhört man den Wehruf des jüdischen Volkes, übersieht man die Qualen der Juden. Und doch hat das Leben die Öffentlichkeit gezwungen, sich mit der Judenfrage zu befassen, in erster Reihe. In erster Reihe, weil die Judenfrage der Krebsschaden Rußlands ist, weil die Entrechtung der Juden Folge und Ursache der ganzen Misere, der Rechtlosigkeit im ganzen Reiche ist. Wilberforce, der britische Kämpfer für die Befreiung der Neger, sagte einmal: „Solange als auch nur ein menschliches Wesen geknechtet ist, ist die Freiheit der ganzen Welt in Gefahr." Um so mehr, wenn ein ganzes Volk geknechtet ist...... Der ersten an den Minister Stolypin am 18. d. Mts. gerichteten Interpellation der „Kadetten" in der Reichsduma lag ein amtlicher Bericht des Polizeidepartementschefs Staatsrat Makarow an den Minister des Innern zu Grunde, worin Makarow meldet, daß er auf, Grund dessen, daß das Polizeidepartement Aufrufe, die einen Teil der Bevölkerung gegen den anderen aufreizen, verfaßt, druckt und verbreitet, auf den Gedanken gekommen sei, in der Alexandrowsker Judenhetze (Gouvernement Jekaterinoslaw), über weiche der Schriftsteller Obolenski als bevorstehend und von Amtspersonen organisiert an den Präsidenten des Ministerkomitees schrieb, ähnliches zu vermuten, und dies bei Durchsicht der Akten bestätigt fand. Der dortige Gehülfe des Gendarmeriechefs Budogowski berichtet alles darüber und daß er mit bestem Erfolge solchen gegen die Revolution gerichteten Bestrebungen patriotischer Verbindungen Vorschub leistet Der Inhalt der von der Gendarmerie verbreiteteten Proklamationen, aus denen der Bericht Stichproben bringt, ist der übliche; folgende Stellen daraus sind bemerkenswert: „Rußland wird nur durch die Sozialdemokraten und Juden in den Abgrund geführt. Ist uns nicht genug, daß die Revolutionäre

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