Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 21 (25.5.1906)
- Date
- 1906-05-25
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Gesinnungsgenossen! Darüber, daß Ihr Eure Pflicht insoweit erfüllt, daß Ihr selbst den Schekel zahlt, wollen wir kein Wort verlieren. Es ist das geringste Opfer, das von einem Zionisten verlangt wird. Viel schwerere Opfer aller Art werden die Zionisten noch bringen müssen, um ihr Ideal zur Wirklichkeit werden zu lassen. Aber nicht weniger wichtig als alle anderen Leistungen ist die kleine Schekelzahlung: sie dokumentiert die Zugehörigkeit zur Organisation, gibt das Wahlrecht zum Kongreß und bildet den Grundstock der Mittel für unsere Arbeit. Wir rufen Euch aber auf, die Erwartungen unserer Leitung auch in anderer Weise nicht zu enttäuschen, und namentlich an Werbeeifer es nicht fehlen zu lassen. So viele Juden schauen mit Wohlwollen auf unsere Arbeit, nehmen Anteil an unseren Erfolgen, können sich aber aus kleinlichen Gründen nicht aufraffen, sich uns anzuschließen. Andere wieder, welche mit unseren Zielen völlig einverstanden sind, haben noch keine Gelegenheit gehabt, ihre Gesinnung zu betätigen. Diese zahlreichen Freunde müssen gewonnen werden! An Euch ist es, sie aus ihrer Lässigkeit aufzurütteln, ihnen begreiflich zu machen, daß sie alle kleinlichen Bedenken überwinden müssen, denn das jüdische Volk lebt in Kriegszeiten und kann keinen Mann entbehren! Der Feind steht nicht mehr vor den Toren! Er ist allerorten auf unserer Verfolgung begriffen — da ist keine Zeit zum Schwanken und Zaudern. „Das jüdische Volk schläft" — so hieß es auf einem unserer Kongresse —, Ihr seid berufen, es zu erwecken, es zu organisieren, ihm Weg und Ziel zu weisen. Aber es gibt auch eine große Anzahl von Stammesgenossen, die entweder noch gar keine oder eine falsche Vorstellung vom Zionismus haben. Da gilt es, unablässig aufzuklären, nicht zu ermatten in dieser mühevollen Arbeit. Gerade die Schekeltage bieten die beste Gelegenheit, allerorts gleichzeitig mit solcher Agitation einzusetzen, denn an diesen Tagen hat jeder von uns ein gesteigertes Bewußtsein der Größe unserer Idee. Aber Ihr müßt schon jetzt anfangen, damit die Schekeltage einen imposanten Abschluß darstellen. Gesinnungsgenossen! Das jüdische Volk erwartet, daß jeder seine Pflicht tut Jeder einzelne trägt eine große Verantwortung — nicht nur für das, was er tut, sondern noch mehr für das, was er unterläßt, obzwar er es hätte tun können. Alle Eure sonstigen Pflichten müssen an diesen Tagen zurückstehen — Eure ganze Kraft habt Ihr der Schekelagitation zu widmen! An die Arbeit! Zur Durchführung der in vorstehendem Aufruf angeordneten Schekelagitation erläßt das Innerösterreichische Distriktskomitee des Verbandes Zion die nachstehende Instruktion für die Schekelsammlung: Vereine haben zunächst — soweit dies nicht schon geschehen ist — von ihren Mitgliedern den Schekel bis zum 20. d. M. einzukassieren und abzuführen. Ferner soll in jedem Vereine umgehend eine Vorstandssitzung stattfinden, um wegen einer umfassenden Schekelagitation Maßnahmen zu treffen. Das Distriktskomitee ist von diesen Sitzungen zu verständigen und wird womöglich durch eines seiner Mitglieder an ihnen teilnehmen. Vor allem wird es sich darum handeln, die Vorstandsmitglieder und andere Vereinsangehörige zu einer persönlichen, regen Schekelagitation heranzuziehen und über Veranstaltungen, Versammlungen etc. an den Schekeltagen schlüssig zu werden. Schekelsammlung durch Einzelpersonen. Gesinnungsgenossen, welche Schekelagitation betreiben wollen, . können die Blocks entweder persönlich abholen — täglich von 2—3 Uhr im Lokal, IX, Türkenstraße 9 — oder schriftlich darum ersuchen. Agitationsbroschüre. Das Distriktskomitee macht die Gesinnungsgenossen darauf aufmerksam, daß die neu erschienen eAufklärungsbroschüre des Zionistischen Zentralvereins: „D e r politische Zionismus", sich als wirksamstes Agitationsmittel bewährt hat. Die hervorragendsten Männer unserer Partei haben sie als solche in den wärmsten Ausdrücken anerkannt. Wir empfehlen sie daher zur Schekelagitation. Zu beziehen durch den Zionistischen Zentralverein. IX, Türkenstraße 9: 1 Stück K —.30, 10 Stück K 2.50, 100 Stück K 20.—, 1000 Stück K 150.—. Abführung der gesammelten Schekel. Die gesammelten Schekel können entweder direkt per Postanweisung an das Innerösterreichische Distriktskomitee, IX, Türkenstraße 9, gesandt werden, oder im Wege der vom Zionistischen Zentralverein über Anweisung des Distriktskomitees ausgesendeten Postsparkassenerlagsscheine (mit Schekel vermerk). In jedem Falle ist an das Distriktskomitee gleichzeitig die Schekelliste, welche mit jedem Block ausgegeben wird, genau ausgefüllt zurückzusenden, so daß Name, Stand und Adresse jedes einzelnen Schekelzahlers ersichtlich ist. Direkte A bführung einzelner Schekel. Jene Gesinnungs genossen, welche keine Gelegenheit hatten, ihren Schekel durch Zahlung eines Vereinsbeitrages oder an Schekelsammler zu entrichten, werden besonders darauf aufmerksam gemacht, daß sie den Schekel (K 1.—) auch direkt per Postanweisung oder durch Post sparkassenerlagsschein mit Schekelvermerk abführen können. In diesem Falle ist Name, Stand und Adresse genau zu vermerken. Mit der Zahlung des Schekels bringt man zum Ausdruck, dal.'> man das Baseler Programm anerkennt. Auf diese Form der Schekelabführung machen wir besonders auch die jüdischen Mädchen und Frauen aufmerksam, welche zum großen Teil die zionistische Idee begeistert aufgenommen haben, von denen aber trotzdem nur wenige sich organisierten. Es genügt aber durchaus nicht, daß bloß die männlichen Familienmitglieder den Schekel zahlen, auch Mädchen und Frauen müssen ihre Gesinnung selbständig betätigen, um so mehr als in der zionistischen Bewegung Frauen und Männer gleiche Rechte (vor allem das aktive und passive Wahlrecht zum Kongreß) besitzen. Postsparkassenerlagsscheine mit Schekelvermerk, welche in der angegebenen Weise zur Schekelabführung verwende' werden können, liegen allen Exemplaren von Nr. 3 der Mitteilungen des Zionistischen Zentralvereins bei und sind auch im Lokal dieses Vereins Wien IX., Turkenstraße 9, täglich von 2—3 Uhr zu haben. Mit Zionsgruß: Das Innerösterreichische Distriktskomitee. Dr. Isidor Margulies, Emil Stein, Obmann. Schriftführer. Die Redaktion der „Welt** bittet die Landes» und Distrikts=Komitees, ihr rechtzeitig brieflich Telegrammen Mitteilung über den Verlauf der Schekeltage zukommen zu lassen* oder in kurzen oo o o o POLITISCHE REVUE Die Ica vor Gericht Dem „Frankf. Israel. Familienblatt" wird aus Paris geschrieben: „Vor dem Pariser Strafgericht kam letzten Samstag ein Strafverfahren zum Austrag, das das Elend der jüdischen Emigranten zum Hintergrund hatte und dessen Verhandlung dem Verteidiger Anlaß gab, ergreifende Worte dem trostlosen Schicksale dieser Unglücklichen zu verleihen. Wie bekannt, haben die russischen Unruhen und Judenmassakres des vorigen Winters eine Menge von Auswanderern und Flüchtlingen auf das Pariser Pflaster hinübergewälzt. Der mächtige Ruf der in Paris hausenden jüdischen „reichen Tante", Ica genannt, weckte in ihren optimistisch geneigten Gemütern die trügerische Hoffnung, in ein besseres, freieres Land durch diese große jüdische Anstalt hinübergeschafft zu werden. Die rauhe Wirklichkeit säumte aber nicht, ihnen eine erschütternde Ernüchterung beizubringen, was sich für diese Armseligen desto verzweiflungsvoller gestalten mußte, als sie jeder Mittel bar waren. Die jüngeren, energischeren unter ihnen taten sich zusammen und veranstalteten vor einigen Monaten an einem Sabbat eine Manifestation in der großen Synagoge. Sie erwirkten dadurch wenigstens, daß man ihnen — wie sie behaupten — versprach, ihre Angelegenheit zu untersuchen und, wenn es angeht, sie, ihrem Wunsche gemäß, nach Kanada zu befördern.