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Die Welt · 1906-05-18 · 20 (18.5.1906) · page 14

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
20 (18.5.1906)
Date
1906-05-18
Page
– (sequence 14)
Language
German
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außerdem alle Wahlkommissionen besetzt und hinderten auf jede nur mögliche Weise die Herausgabe von Legitimationsscheinen an die Juden, wodurch viele Tausende jüdischer Stimmen verloren gegangen sind. Durch tausende von Flugblättern, Aufrufen etc. schütteten sie eine Flut von unglaublichen Insinuationen und Drohungen auf die Köpfe der jüdischen Bevölkerung nieder und fanatisierten solchermaßen die polnische Bevölkerung, so daß man sich in Warschau von der richtigen Atmosphäre einer bevorstehenden Judenhetze umgeben fühlte. Einer solchen Taktik gegenüber konnten sich die jüdischen assimilatorischen Wahlkomitees nur zu einem Aufruf aufraffen, worin sie bewiesen, daß die Polen „natürlich ein sehr edles Volk sind, welches zeitweise Irrtümern unterworfen ist". Das Resultat all dieser Umtriebe und Manöver ist bekannt — in Warschau sind 2 Antisemiten gewählt worden, und die 2 Millionen der jüdischen Bevölkerung Polens sind ohne Repräsentanten in der Duma geblieben. AUS DER BEWEGUNG I Dr. I. W. Marmorek I Dr. Isidor Wolfgang Marmorek ist in der Nacht von Montag auf Dienstag verschieden. Wir mußten uns leider auf diesen Verlust schon lange vorbereiten. Wir wußten, daß dieses teure Leben trotz der seltenen, aufopferungsvollem Liebe und Pflege, die dem Schwerkranken zuteil wurde, nicht zu retten war. Und doch, da wir nun vor der Tatsache selbst stehen, wirkt sie auf uns mit der ungeschwächten Kraft eines jähen und nachhaltigen Schmerzes. Der Besten, Edelsten, Treuesten einen haben wir verloren. Gleich den andern Mitgliedern seiner Familie gehörte er mit Leib und Seele dem Zionismus, dem er mit ganzer Kraft — über seine Kraft diente. Er hat es nie über sich gebracht, seinem kranken, schwachen Körper Schonung aufzuerlegen, wenn er glaubte, zu irgend einer Stunde, bei irgend einer Gelegenheit mit seinem Rate, mit seiner Tat dem Zionismus nützen zu können. Und es gehörte zu seiner größten Schmerzen, die er ungleich schwerer ertrug als die körperlichen Leiden, daß er oft ans Krankenbett gefesselt war, wo er so gerne als Kämpfer im Streite gestanden hätte. Wo er aber dabei war, da konnte man sicher sein, daß sein überaus scharfer Verstand, seine Objektivität und seine heiße Liebe für den Zionismus die Sache, um die es gerade ging, um ein rechtes Stück vorwärts bringen werde. Auf dem 3. und 6. Kongreß stand er mitten drin in den Debatten, arbeitete er, einer der Fleißigsten, in mehreren Kommissionen. Bekannt ist der lebhafte Anteil, den er an allen juristischen Fragen unserer Bewegung nahm. Sein kluger Rat hat insbesondere bei den Beratungen der Nationalfonds-Kommission hervorragende Dienste geleistet. Auf dem 6. Kongreß griff er ein, als die Wogen des Sturmes gerade am höchsten gingen. Er war ein ausgesprochener Gegner des Ostafrikaprojektes und äußerte das, wie folgt: „Mich haben alle Argumente, die mehr philantropischer Art sind, nicht zweifeln machen können, daß das ostafrikanische Projekt im Grunde antipathisch ist, daß es der Entwickelung, dem Ziele des Zionismus tatsächlich entgegensteht ..." Dessenungeachtet befürwortete er die Einsetzung einer Kommission, weil er davon die Wiederkehr des Friedens in der Bewegung, die er so sehr liebte, erwartete. Isidor Wolfgang Marmorek gehörte aber nicht nur zu den begabtesten, sondern auch zu den beliebtesten Männern unserer Bewegung, sein ungemein liebenswürdiges, schlichtes Wesen, seine Lauterkeit und Güte gewannen ihm die Herzen aller, die in seine Nähe kamen. Groß ist die Zahl derer, die mit der Familie des Verstorbenen sich in schmerzlieher Trauer vereinen. Alle Zionisten aber werden den Namen Isidor Wolfgang Marmoreks als den eines wahrhaft edlen Menschen und wahrhaft guten Juden stets in ehrenvollem Andenken bewahren. Allen zionistischen Freunden statt jeder besonderen Anzeige! Es hat Gott gefallen, unseren innigst geliebten und unvergeßlichen Sohn, Bruder und Schwager Dr. jur. Isidor Wolfgang Marmorek Advokaturs -Kandidaten, in der Blüte seines Lebens von langem, qualvollem Leiden zu erlösen. Die Bestattung des teuren Verblichenen findet Mittwoch den 16. Mai 1906, lM0 Uhr vormittags vom Trauerhause Wien IX., Müllnergasse 3 aus auf die israelitische Abteilung des Zentralfriedhofes statt. Wien, den 15. Mai 1906. Friederike Marmorek als Mutter; Arch. Oskar Marmorek, Dr. Alex Marmorek, Schiller Marmorek als Brüder; Ninna Marmorek als Schwester; Nelly Marmorek als Schwägerin.

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